Artikel anhören
Stephan Grünewald
© rheingold Institut
Stephan Grünewald
Stephan Grünewald, Gründer und Geschäftsführer des Kölner Rheingold Institutes, erklärt uns in seinem neuesten Buch die derzeitige Verfassung und Stimmung in Deutschland und beschreibt wortgewaltig eine aufgewühlte, fragile Gesellschaft. Das Institut führt jedes Jahr rund 5.000 Tiefeninterviews in ca. 200 Projekten durch; Grünewald konnte für sein Buch auf die Forschungsarbeit der letzten vier Jahre zurückgreifen.
„So als würde ständig aus einem aus vielen Bausteinen stabil geschichteten Turm ein Klötzchen nach dem anderen herausgezogen“, so sieht Grünewald die gegenwärtige Konstruktion unserer deutschen Gesellschaft. „Immer mehr Bürger verlieren den Glauben an die Zukunft“, „der soziale Zusammenhalt ist gefährdet“, „es bleibt ein Gefühl, dass eigentlich alles nur schlimmer werden kann“. Dabei sieht er eine „große Diskrepanz zwischen gefühlter und gemessener Realität.“ Deutschland geht es wirtschaftlich sehr gute, doch keiner merkt es.


Auf über 300 Seiten nimmt uns Grünewald mit auf seine Reise durch die Facetten der Republik. Er schreibt über die Situation im „Auenland“, über den „Spaltpilz mangelnder Wertschätzung“, den „Verlust der Orientierung“. Er diagnostiziert einen „digitalen AppSolutismus“ und erklärt, wie die Menschen zwischen der Verheißung totaler Allmacht und der Angst vor dem Kontrollverlust mit den Instrumenten der digitalen Welt umgehen können.
Wie tickt Deutschland?
© rheingold Institut
Kiepenheuer & Witsch, gebunden
ISBN 978-3-462-05244-2
320 Seiten, 20 Euro
Er schreibt über den Umgang mit Fernsehen und Medien, über die Zukunft der Arbeit, untersucht „den gezähmten Mann“, die überlasteten Mütter sowie Kindheit und Jugend im Paradies.

Dabei stützt sich Grünewald auf die Erkenntnisse aus rund 20.000 Interviews, die das Team des Rheingold Instituts - teils im Auftrag, teils als Eigenstudie - in den vergangenen vier Jahren geführt hat. In den qualitativen Forschungs-Gesprächen werden kaum Fragen gestellt, sodass sich „die Menschen selber allmählich auf die Schliche kommen“, erklärt er die Methode der Morphologie.


Die Konklusion aus diesem gewaltigen Schatz an Einblicken, verarbeitet Grünewald in seinem Buch. Dabei kommt ihm – und dem Leser – sein Sprachwitz und seine Wortgewalt zu Gute. Die Bilder, die er zeichnet, bleiben im Kopf, sind Storytelling at it’s best. So etwa die Situation in Deutschland „als Angela Merkel ihre Raute öffnet und die Arme für die Flüchtlinge ausbreitet“. Die Ängste gegenüber den Flüchtlingen „verraten etwas von den Ängsten, die die Deutschen gegenüber sich selbst haben“, glaubt Grünewald und bietet eine Segmentierung der Deutschen in der Konfrontation mit Flüchtlingen. Da gibt es den Ablasshändler, den Gekränkte, den Brandstifter und den Willkommens-Dogmatiker, aber auch den Untergangsapologeten und den Angleicher.

In den Interviews sind den Rheingoldern auch viele Fans von Donald Trump untergekommen, weil auch hierzulande Teilen der Bevölkerung Anerkennung und Wertschätzung entzogen wird. „Die fühlen sich fremd im eigenen Land.“ Aber die „Erfahrung mangelnder Wertschätzung erzeugt mangelnde Wertschätzung gegenüber Schwächeren“.

Dabei sind es manchmal die kleinen Beobachtungen, die einfach so dahin gesagten Sätze, die alles sagen und tief blicken lassen: Eine fünfköpfige Gruppe aus dem rechtsextremen Milieu traute sich nur gemeinsam zu den Tiefeninterviews. Der Gruppenführer hatte auf dem Hals das Wort „Familie“ tätowiert. Oder im Gespräch mit Menschen aus der ehemaligen DDR: „Früher durften wir nichts sagen, aber ständig hörte jemand genau zu. Heute darf man alles sagen, aber keiner hört mehr zu.“ Oder: „Der Friedrich Merz hat doch vorgeschlagen, dass die Steuererklärung auf einen Bierdeckel passen soll. Ich brauche immer noch eine Tapetenrolle.“ Oder der ältere Herr, der mit Alexa experimentieren durfte: „Ich musste 75 Jahre alt werden, um eine Frau zu finden, die mir nicht wiederspricht.“

Das Buch sollte sich jeder Politiker unter das Kopfkissen legen, denn „in vielen Interviews beschreiben die Menschen, dass ihnen der Boden, der feste Grund oder buchstäblich der Stand-Punkt verloren geht, unter den Füßen entgleitet“. Das sollte man wissen, wenn man Entscheidungen trifft, egal mit welcher Tragweite. Das Buch sollten auch Marktforscher lesen, denn egal für welches Gut man forscht, die Beschreibungen weisen den Weg für weitere Fragestellungen, die Formulierung von Umfragen, die Herangehensweise an Studien. Das Buch sollten auch alle anderen lesen, denn es ist unterhaltsam, gut verständlich geschrieben und lässt den Leser nachdenklich, aber nicht mutlos zurück. Gerade in der Auseinandersetzung mit dem Fremden sieht Grünewald eine Chance. Und er spürt auch eine Bereitschaft der Menschen die Zukunft aktiv mitzugestalten. Und das ist gut so.
Zum Firmenprofil von Rheingold Institut im mafonavigator >>
Ich habe die Datenschutzbestimmungen zur Kenntnis genommen und akzeptiere diese.
stats