Aufruhr in Großbritannien

Ex-Berater des Premierministers zieht über Branche her

   Artikel anhören
Titel des Guardian vom 20.5.2020
© Bradford Timeline / Flickr
Titel des Guardian vom 20.5.2020
In UK kocht die Marktforscher-Seele. Dominic Cummings, ehemaliger Berater von Premierminister Johnson, äußert sich in einer öffentlichen Anhörung extrem abfällig zu Unternehmen aus der Meinungsforschung. Offene Briefe und zahlreiche Unmutsbekundungen auf LinkedIn.

Cummings musste sich vor dem Obersten Gerichtshof äußern, da das Kabinettsbüro des Premier auf seine Anweisung hin ein Meinungsforschungsinstituts ohne vorherige Ausschreibung mit einer Studie beauftragt hatte. Der Vorfall hat ihn zuletzt gar seinen Job als Chefberater in der Downing Street gekostet. Bei der vergebenen Studie ging um die Stimmung im Lande angesichts der Covid-Pandemie. Cummings rechtfertigte sich damit, dass angesichts der „beispiellosen nationalen Notlage“ das zusätzliche Geld, das für die Umfragen ausgegeben wurde, im Grunde irrelevant gewesen sei. Der Auftrag hatte einen Umfang von 540.000 Britische Pfund. Der Johnson-Berater ist mit dem Management des beauftragten Instituts Public First persönlich befreundet. Dies wurde vor Gericht auch nicht bestritten. Solche „Freundschaftsdienste“ sind nicht rechtens, kommen aber sicher überall auf der Welt vor.



Doch Cummings legt noch einen drauf. In einem Statement, das nicht etwa spontan mündlich vorgetragen, sondern auf zehn Seiten schriftlich niedergelegt war und vorgelesen wurde, sagte er laut dem britischen Guardian: „Ich wusste, dass ich mich darauf verlassen konnte, dass sie (von dem Institut Public First Anm. d.R.) sich über das hinaus, wofür sie bezahlt wurden, besonders anstrengen würden. Ich wusste, dass sie uns ehrliche Informationen geben würden, anders als viele Unternehmen in diesem Sektor. Nur sehr wenige Unternehmen in diesem Bereich sind kompetent, fast keines ist sehr kompetent, ehrlich und zuverlässig.“

Diese Äußerungen bringen die Markt- und Meinungsforscher in UK und darüber hinaus in Aufruhr. Die britische Gesellschaft MRS schreibt an die Regierung, diese Äußerungen seien „völlig inakzeptabel“ und „wahrlich die schlimmsten Verleumdungen gegen unsere Branche“, die so nicht hingenommen werde. Auch der Weltverband Esomar äußert sich und fürchtet eine solche „falsche Aussagen bergen die Gefahr, das öffentliche Vertrauen zu untergraben“. „Zu versuchen, die Expertise von Fachleuten um der eigenen persönlichen Verteidigung willen zu entwerten, ist sowohl unangebracht als auch gefährlich in einer Zeit, in der die Gesellschaft die Grundlage der Wahrheit in Frage stellt", sagte Finn Raben, Generaldirektor von Esomar.


Weniger freundlich und höflich äußern sich Nutzer in den Social Media über den Vorgang. Hier nur ein Beispiel: „Wenn es hier einen Mangel an Kompetenz, Ehrlichkeit und Verlässlichkeit gab/gibt, dann steht er eindeutig vor seiner Tür“, schreibt etwa eine britische Forscherin, die sich aus Empörung aus dem Ruhestand meldet.

Bitte loggen Sie sich hier ein, damit Sie Artikel kommentieren können. Oder registrieren Sie sich kostenlos für H+.
Ich habe die Datenschutzbestimmungen zur Kenntnis genommen und akzeptiere diese.
stats