Depression und Konsum

Königswege aus dem seelischen Tief

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Depression ist eine Erkrankung, die sich perfekt in die Anspruchskultur unserer Zeit einfügt. Sie verweist auf die Sehnsucht nach Perfektion aber auch den Wunsch nach einem notwendigen Maß. Birgit Langebartels vom Kölner Rheingold Institut hat in Gesprächen mit Betroffenen die Krankheit erforscht und Ableitungen für die Konsumgesellschaft gefunden.

Depression ist ein Phänomen unserer Alltagskultur. Wir leben in einer Zeit der Multioptionalität, die uns vielfältigste, nie gekannte Möglichkeiten verheißt. Wir können scheinbar alles erreichen: einen möglichst gut bezahlten und erfüllenden Job, gut geratene Kinder denen man perfekte Eltern ist, eine liebevolle und tragfähige Beziehung und möglichst bis ins hohe Alter schlank, gut aussehend und fit zu sein. Zugleich spüren wir große soziale und auch politische Umbrüche. Rollenbilder geraten ins Wanken, Systeme erweisen sich als instabil, es fehlt an klaren Orientierungsbildern.



Und doch halten wir fest an der Vorstellung unbegrenzter Möglichkeiten. Dieses implizite und verlockende Machbarkeits-Versprechen führt immer mehr Menschen in eine Depression. Sie beschreiben ihren Alltag als belastet mit immensen Anforderungen und enormen Ambitionen. Sie alle erzählen von höchsten Ansprüchen, die sie an sich stellen und die sie erfüllen möchten. Mindestens 5 Millionen Menschen leiden derzeit in Deutschland an Depressionen.

Der Weg in die Depression (siehe Kasten) ist zu verstehen als ein verzweifelter Versuch, sich in unserer Machbarkeitskultur dem Konflikt zu entziehen, der sich aus den überhöhten Ansprüchen auf der einen Seite und dem zwangsläufigen Scheitern angesichts der begrenzten Möglichkeiten auf der anderen Seite ergibt. Ein Konflikt, in dem sich nicht nur depressive Menschen, sondern in stärkerem oder geringerem Ausmaß wir alle uns befinden. Jede alltägliche Handlung ist eine Art Selbstbehandlung der Menschen, also ein Versuch, einen Umgang mit der Wirklichkeit und ihren Herausforderungen zu finden. Depression ist nur eine Art und Weise des Seelischen, mit den Überforderungen unserer übersteigerten Kultur umzugehen. Es gibt aber auch viele andere weitaus weniger leidvolle Möglichkeiten, die denselben Zweck verfolgen, und aufzeigen, dass Kultur uns nicht nur krank macht, sondern auch hilft, Formen für den Alltag und das eigene Leben zu finden. 

Ein Plädoyer für den Alltag

Unser Alltag ist nicht banal und hält Möglichkeiten bereit, aus der depressiven Stilllegung zu kommen. Der Umgang mit Produkten und Marken sind also Angebote unserer Alltagskultur, mithilfe derer wir eine Orientierung finden können, in der Diskrepanz zwischen unseren übermenschlichen Erwartungen und unseren enttäuschten Allmachtserfahrungen.


Exemplarisch sei der Umgang mit Ernährung angeführt. Ernährung bewegt sich heute zwischen Idealisierung und Trivialisierung. Unsere derzeitige Gesellschaft gibt nur wenig Orientierung und Richtwerte vor, um unser Leben zu gestalten. Diese Fluidität spüren wir auch bei der Ernährung. Sie ist mehr als nur Nahrungszufuhr und soll uns nicht nur physisch sättigen. Sie wird zum Sinnbild der Multioptionalität und Beliebigkeit. Wir können mühelos an noch so seltene Nahrungsmittel gelangen und sie grenzenlos genießen.

Durch unzählige Ernährungsrichtlinien und -Doktrinen versuchen Menschen hier wieder ein Maß hineinzubekommen und leisten freiwillig Verzicht. Menschen brauchen neben der faszinierenden Vielfalt auch eine Orientierung im Schlaraffenland. Auch dies können Marken und Produkte leisten. Und bestenfalls schaffen sie einen übergreifenden Mehrwert für das gesamte Leben. Denn durch unseren Umgang mit Ernährung kann unser Alltag wieder Form und Struktur erhalten.

Und in Bezug auf die depressive Erkrankung heißt das: Der notwendige Lebensmitteleinkauf lockt aus der Stilllegung der Depression. Im Prozess der Essenszubereitung erfährt man, wie etwas langsam Gestalt annimmt, Zeit und Zuwendung braucht und letzten Endes im besten Fall schmeckt, wohlig warm nährt und auch Menschen an einem Tisch zusammenbringen kann. Es ist ein Schritt heraus aus der Gleichgültigkeit und hilft dabei, wieder zu spüren, dass nicht alles »ein Brei ist«, sondern scharf, salzig, süß oder bitter schmecken kann.
Die Autorin
Birgit Langebartels
© rheingold institut
Birgit Langebartels ist Diplom-Psychologin und Leiterin Kids & Family Research beim Kölner rheingold Institut. Sie hat sich intensiv mit dem Thema Depression auseinandergesetzt und ein Buch dazu veröffentlicht.
Leben im Leerlauf
© Belz Verlag
  Birgit Langebartels

  Leben im Leerlauf

  Die verborgene Logik der
  Depression verstehen.
  Wege aus der Ohnmacht

  Paperback, 240 Seiten
  ISBN: 978-3-407-86571-7
  Erscheinungsdatum: 02.10.2019
Produkte vermögen den Menschen zu helfen, wieder Struktur, Orientierung und Entwicklungsbilder, nach denen sie sich ausrichten können, für ihren Alltag zu finden und können so dabei unterstützen, aus der depressiven Stilllegung herauszuhelfen. Und der Alltag ist dabei nicht etwas, von dem die Betroffenen befreit werden sollten, sondern stellt zwar eine Herausforderung aber auch den Königsweg aus dem seelischen Tief dar.

Marken können sinn-stiftend wirken

Nicht nur Menschen in der Depression brauchen Orientierung und sind auf der Suche nach etwas, das ihnen Sinn gibt, übergreifend und auch ganz konkret in ihrem Alltag. Nicht selten versprechen uns Konsumgüter, das Höher, Schneller, Weiter zu erreichen und befeuern so unsere Allmachtsphantasien. Bleibt es jedoch dabei, führen sie unweigerlich in Enttäuschungen hinein und diese Versprechen werden, durchsichtig wie Fensterglas, unabwendbar als Lügen entlarvt.

Denn Menschen haben auch heute vermehrt wieder das Bedürfnis, sich so angenommen zu fühlen wie sie sind – menschlich und fehlbar. Verspricht mir dies ein Produkt oder eine Marke, kann es als heilsam erlebt werden. In der Fülle der Marken- und Produktinflation werden Menschen wieder wählerisch und spüren, welche Marken so etwas wie ein Leuchtturm, etwas Sinnstiftendes sein können. Wenn der Verbraucher das Gefühl vermittelt bekommt, sich nicht nur ein Produkt zu kaufen, sondern darüber hinaus eine konkrete wie auch übergreifende Unterstützung im Alltag zu erhalten, ist er dankbar für das, was das Produkt über seine konkrete Anwendung hinaus auch zu leisten vermag.

All-Macht oder Ohn-Macht

Die Depression als eine Erkrankung, die sich – so paradox das auch klingen mag – wunderbar in die Anspruchskultur unserer Zeit einfügt, legt den Finger in die Wunde unserer Zeit und verweist auf die von unserer Kultur genährte Sehnsucht nach Perfektion und dem Wunsch nach einem notwendigen Maß. Wenn es zuvor in der Depression nur zwei Optionen gab – All-Macht oder Ohn-Macht –, öffnet die Hinwendung zum All-Tag wieder den Weg hinein in das Leben mit all seinen Zwischentönen. Der Alltag wird in der Depression oft als nicht schaffbar erlebt und doch stellt er sich als der Königsweg heraus: Durch die Hinwendung zum Alltag ist ein entscheidender Schritt aus der Depression geschafft. Im Alltag erleben sich die Menschen zwar nicht allmächtig, aber wieder als wirkmächtig.
6 Wege in die Depression und wieder hinaus
Es gibt Schicksalsschläge, die zwingen uns in die Knie, lassen uns verzweifeln und doch lösen sie keinen Automatismus aus, der in eine Depression führt. Die Depression ist nicht etwas, was uns anfällt wie ein wildes Tier und dem wir machtlos ausgeliefert sind. Unabhängig von Alter, Geschlecht oder sozialem Status konnte in der Untersuchung sechs Phasen identifiziert werden, wie eine Depression entstehen kann:
1. Die Betroffenen sind durch überhöhte Ansprüche und Ideale getrieben, die sie nicht erfüllen können, und geraten dadurch unweigerlich an ihre Grenzen.
2. Diese Einschränkungen werden jedoch nicht situativ bewertet, sondern führen die Betroffenen in ein schwarzes Loch, in dem sie das Gefühl haben, auf ganzer Linie zu scheitern.
3. Die Ansprüche werden nicht infrage gestellt und gegebenenfalls aufgegeben, sondern die Betroffenen werden vielmehr still und inaktiv.
4. Betroffene ziehen sich zurück und sind unfähig, ihren Alltag zu meistern. In diesem gibt es dann keine Vorstellung mehr davon, was wichtiger ist als anderes, alles erscheint gleich wichtig oder unwichtig. Daraus entsteht eine große Gleichgültigkeit und das Gefühl, den Alltag nicht mehr, mitunter nicht einmal in Ansätzen, bewältigen zu können.
5. Dieser Rückzug bedeutet keine geruhsame Auszeit, sondern ein inneres Getriebensein und Heißlaufen. Sie schmoren im eigenen Saft, drehen sich um sich selbst, kommen aber nicht in notwendige Veränderungen hinein.
6. So entstehen Resignation, Verbitterung und Schuldzuweisung. Die Betroffenen klagen sich und die Welt an, fügen sich aber in ihr vermeintliches Schicksal. Sie kapseln sich ab und es dauert Jahre, bevor sie etwas gegen diesen Zustand unternehmen. Sie versuchen lediglich, die Symptome herabzudimmen, und legitimieren so eine Sonderbehandlung.Die Depression ist eine zwar sehr leidvolle, aber auch unbewusst selbst hergestellte Erkrankung und wir haben mehr in der Hand gegen dieses seelische Tief als wir glauben.

So konnten auch 6 Phasen herausgestellt werden, die aus ihr wieder herausführen:
1. Entthronung der Ideale statt Festhalten an allerhöchsten Ansprüchen. Die Auseinandersetzung mit den eigenen Idealen ist Voraussetzung für eine Genesung. Alte Muster müssen überdacht und losgelassen werden. Eine ehrliche, offene Auseinandersetzung mit sich selbst ist der Anfang, um aus der depressiven Enge herauszutreten.
2. Wertschätzung kleiner Erfolge statt kompromisslosem Alles-Oder-Nichts-Prinzip. Durch den veränderten Blick auf das, was realistisch betrachtet machbar ist, kann ein seelischer Umbau in Gang gesetzt werden und eine Wertschätzung kleiner Erfolge gelingen. Einschränkungen werden dann nicht nur als umfassende Kränkung gesehen, sondern als Anstoß, die vielen Nuancen, die es zwischen glanzvollem Erfolg und bodenlosem Absturz gibt, wahrzunehmen und neue, realistischere Ziele und Bilder anzuvisieren, in die es sich zu investieren lohnt.
3. Den Mantel des Schweigens ablegen, statt gnadenloser Stilllegung. Indem wir über unsere Gefühle sprechen und sie beschreiben, gewähren wir anderen Einblick in unser Seelenleben. Wir legen dadurch zwar unseren Schutzpanzer ab, gelangen so aber wieder in einen fruchtbaren Austausch. Dadurch, dass man sich traut, Depression nicht nur zu benennen, kann man Empathie erfahren. Dies ermöglicht wieder Begegnungen, die heilsam sein können. Über sein Befinden zu sprechen, ist der erste Schritt auf dem Weg dazu, wieder tätig zu werden.
4. Prioritäten- und Sinnfindung im Alltag statt großer Gleichgültigkeit. Es lohnt sich, etwas zu tun, statt davor zu kapitulieren, nicht alles zu schaffen. Das selbstzerstörerische Alles-oder-nichts-Prinzip kann nur aufgelöst werden, wenn ein Reflexionsprozess einsetzt: Was ist wirklich wichtig und von welchen Ansprüchen oder Aufgaben kann man sich kurz- und langfristig verabschieden?
5. Den Weg zurück ins aktive Leben finden, statt innerem Heißlaufen. Wieder Lust und Drang zu verspüren, tätig zu werden, bedeutet einen wichtigen Schritt aus dem Schmoren im eigenen Saft. Das beginnt schon beim Aufstehen. Einfach machen – loslegen! Menschen in der Depression müssen aufs Neue lernen, dass jeder Weg mit einem ersten Schritt beginnt. Die gemeinsame Tasse Kaffee auf dem Balkon, ein kleiner Spaziergang mit dem Hund oder der Einkauf von leckeren Dingen lockt aus der depressiven Stilllegung.
6. Hinwendung und Öffnung zur Welt statt resigniertem Tunnelblick. Die resignativ-verbitterte Symptombehandlung in der Depression verengt den Blick, sodass nur noch das gesehen wird, was nicht machbar ist. Alles dreht sich ausschließlich um die Erfahrungen, gescheitert zu sein und um eine Behandlung der Symptome. Im Zuge des (Selbst-)Behandlungsprozesses wird es wichtig, den Blick jenseits der Symptome schweifen zu lassen, also auf Erkundung auszugehen. Dies lenkt die Energie wieder nach außen.

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