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Verbände verkünden Zusammenhalt – nur warum?

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© ADM, BVM, DGOF
Die deutschen Verbände der Marktforschung melden sich in der Krise mit einer gemeinsamen Erklärung zu Wort. Was sie sagen wollen, vermittelt sich allerdings nur mühsam. Branche wundert sich über das Statement. Ein kommentierender Bericht.  

Die Situation ist lähmend und macht viele sprachlos. Das Corona-Virus und die staatlich verordneten Einschränkungen treffen uns alle und bedrohen unser Leben, gefühlt weniger in medizinischer als in wirtschaftlicher Hinsicht. Angesichts dieser Situation kann es einem schon mal die Sprache verschlagen. Die Frage ist, ob man sich dann dennoch äußern muss.


Die Verbände der deutschen Marktforscher, ADM, BVM und DGOF, haben eine gemeinsame Presseerklärung veröffentlicht. Darin versichern sie, dass sie die Bewältigung der aktuellen Lage als Gemeinschaftsaufgabe sehen, „um die Markt- und Sozialforschung in Deutschland so unbeschadet wie möglich aus der Krise herauszuführen“. Vier Punkte werden konkret genannt (Originaltext siehe Kasten): Hilfestellungen geben, Qualität hochhalten, Networking und Kow how-Transfer fördern, Kommunikation und mit einer Stimme sprechen. Hier der Text im Wortlaut:
Aus der gemeinsamen Presseerklärung von ADM, BVM und DGOF
1. Die unterschiedliche Positionierung als Wirtschafts-, Berufs- und Wissenschaftsverband erlaubt es uns, der Branche und ihren Stakeholdern in allen Aspekten wirksame Beratung, Hilfestellungen und Networking sowie Know-How-Transfer, bieten zu können. Hier ist es – wie auch in der Vergangenheit geschehen – sinnvoll, Inhalte gemeinsam zu entwickeln bzw. abzustimmen, die ggf. unterschiedlich – je nach Zielgruppe und Kanal – kommuniziert werden können.
2. Ein besonderes, gemeinsames Anliegen aller Verbände ist die Qualität der Forschung, von der Durchführung der Forschungsarbeit über die Belastbarkeit von Interpretationen bis zur angemessenen Kommunikation der Ergebnisse. Dies wird durch unsere Regeln und Standards abgebildet. Hier bringen alle Verbände ihre Perspektiven und Kompetenzen ein und sorgen so für ein vollständiges und hoffentlich anwendungsnahes Regelwerk. Nachvollziehbare und verlässliche Forschung ist eine unverzichtbare Entscheidungshilfe in Wirtschaft und Gesellschaft. Während einer Krise wie wir sie derzeit erleben, und danach.
3. Weiterbildung, Networking und Know-How-Transfer sorgen für eine möglichst dynamische Weiterentwicklung, den Abgleich unterschiedlicher Perspektiven und Sicherstellung einer Forschungs- und Beratungsleistung, die dem aktuellsten Stand der Forschung und Technik entspricht. Und hier gilt eben nicht one-size-fits-all! Große Konferenz, Tagungen für spezifische Themen und Zielgruppen, regionale Veranstaltungen, kleinere Gruppen mit hoher Interaktion, Präsenz- vs. Online-Veranstaltungen und vieles mehr – das alles sorgt im Zusammenspiel dafür, vielen Interessen und Anwendungen gerecht zu werden und eine zukunftsfähige Branche zu ermöglichen. Dazu stimmen wir uns – wo möglich – inhaltlich und terminlich ab.
4. Kommunikation über Markt- und Sozialforschung ist wichtig. Leistungsfähige Verbände bieten dazu eine Plattform, die im Zweifel mehr Gehör findet als einzelne Akteure. Hier hat jeder Verband eigene Schwerpunkte, ob Politik, Auftraggeber, Wissenschaft, Anwender oder die breite Öffentlichkeit. Erst das Zusammenspiel aller Aktivitäten ergibt ein stimmiges Gesamtbild. Hier stehen wir in einem ständigen Austausch, egal ob bei unserem Jahresauftakttreffen (das „Weinheimer Gespräch“), beim Rat der Deutschen Markt- und Sozialforschung, den regelmäßigen Abstimmungen der Geschäftsführungen oder im Rahmen informellen Austausches der Vorstände der Verbände. Bei zentralen Fragen wollen wir mit einer Stimme sprechen. Gerade in einer elementaren Krise wie der jetzigen sind Kommunikation und Austausch sowie Zusammenarbeit wichtig. ADM, BVM und DGOF sorgen gemeinsam dafür, dass Marktforschung auch in Zukunft die ihr angemessene Rolle in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik spielt.
Als Branchenbeobachter bleibt man vor diesem Statement einigermaßen ratlos zurück. Müssen die Verbände sich selber Mut machen? Wozu braucht es jetzt einen Aufruf zum Zusammenhalt? Welche Vorteile hat die Branche, haben die verschiedenen Player von dieser Erklärung der Einigkeit? Wie wollen die Lobbisten das zugesagte Versprechen – „ADM, BVM und DGOF sorgen gemeinsam dafür, dass Marktforschung auch in Zukunft die ihr angemessene Rolle in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik spielt“ – einhalten?

Was können Verbände konkret in der Krise anbieten?

Nun, da diese Fragen in dem Statement nicht beantwortet werden und Information über konkrete Maßnahmen ungenannt bleiben, fragt planung&analyse nach. Die Antworten kommen umgehend und zwar von Otto Hellwig, Vorstand der DGOF, im Namen der drei Verbände.
Hier die Fragen und Antworten in O-Ton
Welche konkreten Empfehlungen haben Sie für die Branche, für Institute, Dienstleister und betriebliche Forscher? Hier finden Sie Informationen auf den Websites von BVM und ADM. Im wesentlichen: Chance, sich noch stärker mit Digitalisierung zu beschäftigen; konsequente Nutzung aller angebotenen öffentlichen Hilfen.

Wie vertreten Sie in der jetzigen Situation die Interessen der Branche in Wirtschaft und Politik? Die Arbeit der Verbände geht hier unverändert weiter, aber im Prinzip steht unsere Branche vor den gleichen Herausforderungen wie alle anderen Branchen auch.

Danke für den Hinweis. Auf der Webseite des ADM wird man in der Tat über allerlei Aktivitäten informiert. Zum Beispiel die Briefe, die der Verband an die Wirtschafts- und Finanzminister an Bund und Länder sowie die EU-Ratspräsidentin geschrieben hat, um eine Haftungsübernahme des Staates von 100 Prozent für Corona-bedingte Kredite und Liquiditätshilfen zu fordern. Ohne eine solche Sicherheit sei der Fortbestand kleiner und mittelständischer Unternehmen – ein großer Teil der Markt- und Sozialwirtschaft gehöre dazu – gefährdet.

Zuvor gab es vom ADM-Vorstand Bernd Wachter den Hinweis: „einen kühlen Kopf und einen klaren Blick zu bewahren, weil jede und jeder von uns von der Krise betroffen ist. Panikmache und Fake News dürfen jetzt jedoch nicht auf fruchtbaren Boden fallen“, heißt es. Auch wird darauf hingewiesen, dass die Unternehmen der Branche das richtige Handwerkszeug besitzen, um Politik und Wirtschaft zu unterstützen.

Zum Beispiel beim Thema der repräsentativen Corona-Tests (wir berichteten). Hier teilte Bettina Klumpe, Geschäftsführerin des ADM, p&a zu einem früheren Zeitpunkt mit, dass ein Angebot zur Unterstützung an das Robert-Koch-Institut, die Charité, Forschungsministerin Anja Karliczek sowie weitere wissenschaftliche Einrichtungen ging. Unterstützungsangebote seien auch an Organisatoren der mittlerweile sehr überlasteten Telefonseelsorge gegangen. Auch zu Solidarität innerhalb der Branche hatte Klumpe schon am 19. März aufgrufen.

BVM informiert über Homeoffice und wirtschaftliche Hilfen

Auch auf der Webseite des BVM wird man fündig. Dort werden konkrete Links zu wirtschaftlichen Hilfen (wie auch beim ADM) mit der Branche geteilt, es gibt zudem Hinweise und Tipps für das Arbeiten im Homeoffice und die datenschutzrechtlichen Konsequenzen. Christiane Quaas vom Vorstand des BVM trägt hilfreiche Hinweise für die – jetzt weitestgehend übliche – Zusammenarbeit in Online-Meetings zusammen. Präsenzveranstaltungen werden weitestgehend virtuell durchgeführt, heute findet ein Webinar zu Rechtsfragen statt und gestern hat der erste virtuelle Regionalabend, gesteuert aus Köln, stattgefunden.

Es wird also eine Menge Gutes getan und zum Teil auch darüber geredet. Wie in der Erlärung steht: „Die Verbände der Markt- und Sozialforschung in Deutschland, ADM, BVM und DGOF, haben jeder eine eigene inhaltliche und organisatorische Positionierung.“ Und demnach fallen auch die Unterstützungsmaßnahmen etwas unterschiedlich aus. Nur, hätte es dafür eine gemeinsame Erklärung gebraucht?

Beim ersten virtuellen regionalen BVM-Kongress (Bericht hier) waren bis zu 46 Branchenvertreter zugeschaltet. Es ging um die Situation in Zeiten mit Corona. Sehr schnell wurde klar, dass die derzeitige Betroffenheit sehr unterschiedlich ist. Von vermehrten Anfragen über „alles so wie immer“ bis zum Totalausfall der Aufträge. Sehr schnell kam in der Gruppe auch die Frage nach Solidarität mit den besonders betroffenen Branchenteilnehmern. „Denn die dürfen nicht verloren gehen“, hieß es, denn wir müssen auch morgen weiterforschen können.

Die Welt wird nicht mehr dieselbe sein

Im Statement zum Zusammenhalt der drei Verbände gibt es auch den Wunsch die Branche aus der Krise herauszuführen. Auf die p&a-Frage, wie man sich eine Zukunft der Branche vorstellt, sagt Otto Hellwig von der DGOF stellvertretend für die anderen Verbände: „Wir werden unsere Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung an vielen Stellen hinterfragen, überprüfen und verändern.“ Und weiter: „Nachvollziehbare und verlässliche Forschung ist eine unverzichtbare Entscheidungshilfe in Wirtschaft und Gesellschaft. Während einer Krise wie wir sie derzeit erleben, und danach.“
„Wie sehen Sie die Chancen für die Branche Markt- und Sozialforschung für die Zeit nach der Krise?“
Otto Hellwig, Vorstand DGOF, im Namen der drei Verbände: Wir müssen natürlich abwarten wie lange die jetzige Situation anhält und ab wann das öffentliche Leben und damit die Wirtschaft wieder hoch gefahren wird. Aber auch nach der jetzigen Phase der Krisenbewältigung und der kommenden Phase der Stabilisierung wird die Welt nicht mehr die gleiche sein. Wir werden unsere Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung an vielen Stellen hinterfragen, überprüfen und verändern. In Europa werden wir wieder mehr Menschen in die Produktion bringen, um alternative Lieferketten zu schaffen. Jeden Tag können wir aktuell beobachten wie mehr und mehr Einzelhändler digitale Bestellmöglichkeiten für sich entdecken, zunächst noch provisorisch wird dies mehr und mehr professionalisiert und positiv auf die digitale Transformation der Gesellschaft einzahlen. Diese veränderte Welt braucht aber Orientierung und dafür wird auch in Zukunft Markt- und Sozialforschung sorgen. Es wird viel Arbeit auf uns warten, diese neue Welt zu vermessen. In den Methoden müssen wir aber technischer und digitaler werden und folgen damit dem Handel und anderen Wirtschaftsbereichen.
Die unterschiedliche Positionierung als Wirtschafts-, Berufs- und Wissenschaftsverband erlaubt es uns, der Branche und ihren Stakeholdern in allen Aspekten wirksame Beratung, Hilfestellungen und Networking sowie Know-How-Transfer, bieten zu können. Hier ist es – wie auch in der Vergangenheit geschehen – sinnvoll, Inhalte gemeinsam zu entwickeln bzw. abzustimmen, die ggf. unterschiedlich – je nach Zielgruppe und Kanal – kommuniziert werden können.
Ein besonderes, gemeinsames Anliegen aller Verbände ist die Qualität der Forschung, von der Durchführung der Forschungsarbeit über die Belastbarkeit von Interpretationen bis zur angemessenen Kommunikation der Ergebnisse. Dies wird durch unsere Regeln und Standards abgebildet. Hier bringen alle Verbände ihre Perspektiven und Kompetenzen ein und sorgen so für ein vollständiges und hoffentlich anwendungsnahes Regelwerk. Nachvollziehbare und verlässliche Forschung ist eine unverzichtbare Entscheidungshilfe in Wirtschaft und Gesellschaft. Während einer Krise wie wir sie derzeit erleben, und danach.
Nun, dann stellen wir mal die Verwunderung über die Verlautbarung zurück und sehen sie als Auftakt für ein gemeinsames Anpacken der Herausforderungen. 

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