Wissenschaftliche Studie

Wie sich Fake-News auf Twitter verbreiten

Fake-News verbreiten sich schneller als die Wahrheit
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Fake-News verbreiten sich schneller als die Wahrheit
Eine großangelegt Studie über Fake-News in Twitter bewegt derzeit die amerikanische Fachöffentlichkeit. Erschienen ist sie am Wochenende in der anerkannten Wissenschaftszeitschrift Science. Sozialwissenschafter haben in derselben Ausgabe reagiert und fordern „wir müssen unser Informationsökosystem im 21. Jahrhundert neu gestalten“.

Eine Gruppe von Wissenschaftlern am MIT untersuchte bekannte Fake-News und deren Verbreitung in Twitter: 126.000 Geschichten, die von über vier Millionen Nutzern über einen Zeitraum von zehn Jahren gezwitschert wurden. Das Team stellte fest, dass die Wahrheit kaum gegen Lügen und Gerüchte konkurrieren kann.

Falsche Nachrichten verbreiten sich viel schneller als Fakten. Sie erreichen mehr Menschen und dringen tiefer in das soziale Netzwerk ein, so das Ergebnis von Soroush Vosoughi, der sich als Datenwissenschaftler seit 2013 mit Fake News beschäftigt und die Studie geleitet hat. Und noch etwas hat die Analyse zu Tage gebracht: Es liegt nicht alleine an den bösen Bots, die menschen sind es, die die gefasten News verbreiten. Twitter-Bots verstärkten wahre Geschichten genauso stark wie falsche, so die Studie.




Obwohl Vosoughi und seine Kollegen sich nur auf Twitter konzentrieren – das Unternehmen hatte den Wissenschaftlern die Daten zur Verfügung gestellt –, hat ihre Arbeit auch Gültigkeit für Facebook, YouTube und jedes andere größere soziale Netzwerk, glauben Politologen. Es sei viel wahrscheinlicher, dass eine gefälschte Geschichte „viral“ laufe, als eine echte. Eine falsche Geschichte erreichte 1.500 Menschen im Durchschnitt sechsmal schneller als eine wahre Geschichte, fanden die Autoren heraus. Das gilt für Wirtschaft, Terrorismus und Krieg, Wissenschaft und Technologie und Unterhaltung. Die effektivsten Nachrichten sind jedoch Fake-News über Politik.


Politologen und Social-Media-Forscher bescheinigen der Studie einen überaus breiten und rigorosen Blick auf das Ausmaß von Fake-News in sozialen Netzwerken. Der Umfang des gesichteten Materials sei enorm: jede umstrittene Nachricht, die sich von September 2006 bis Dezember 2016 über Twitter verbreitet hat, wurde analysiert. Gefunden haben die Forscher diese Fake-News auf Webseiten von Drittanbietern, die Fakten prüfen, darunter Snopes.com, politifact.com und FactCheck.org.

Twitter als einzige Informationsquelle

Auslöser für diese akribische Suche der Forscher nach Lug und Trug war der Anschlag auf den Boston-Marathon im Jahr 2013. Der Gouverneur von Massachusetts bat Millionen Menschen in ihren Häusern zu bleiben, während die Polizei eine großflächige Fahndung durchführte. Zwei der Wissenschaftler, die jetzt die Studie veröffentlichten, entdeckten Twitter als Informationsquelle zur Außenwelt. „Wir hörten viele Dinge, die nicht wahr waren, aber auch viele, die sich als wahr herausstellten“, berichteten sie jetzt.

In der Folge erfanden sie einen Algorithmus, der Tweets sortieren und die Fakten, die höchstwahrscheinlich korrekt sind, erkennen kann. Geprüft wurden die Eigenschaften des Autors, die Art der verwendeten Sprache und die Art der Verbreitung des Tweets. Sie konnten dabei sogar Bilder mit berücksichtigen, zumindest wenn dort Text hinterlegt war. Sie fanden zwei Arten von Tweets.

Wenn eine Person mit vielen Followern etwas postet, kann es zwar von vielen Menschen potenziell wahrgenommen werden, hat aber nicht unbedingt eine weitere Verbreitung. Ein Tweet, der immer wieder weitergereicht wird, sich also vital verbreitet, erreicht unter Umständen genauso viele Menschen, hat aber laut Vosoughis eine größere Tiefe. Die Autoren fanden heraus, dass akkurate Nachrichten nicht mehr als 10 Retweets erzeugten. Gefälschte Nachrichten konnten eine Retweet-Kette mit bis zu 19 Gliedern vorweisen und das 10mal so schnell wie richtige Nachrichten.

Warum ist die Lüge so gut?

Das MIT-Team hat zwei Hypothesen aufgestellt: Zum einen erscheinen gefälschte Nachrichten eher als neuartig und anders als echte Nachrichten. Fälschungen unterscheiden sich oft deutlich von den übrigen Tweets, fand das Team heraus. Außerdem rufen gefälschte Nachrichten viel mehr Emotionen hervor als der durchschnittliche Tweet. Das erhöht ihre Attraktion. Die Forscher erstellten eine Datenbank mit den Wörtern, mit denen Twitter-Nutzer auf die 126.000 umstrittenen Tweets antworteten, und analysierten diese anschließend mit einem Tool zur Gefühlsanalyse. Gefälschte Tweets neigten dazu, Wörter hervorzurufen, die mit Überraschung und Ekel assoziiert wurden, während Tweets mit korrektem Inhalt Wörter hervorriefen, die mit Traurigkeit und Vertrauen assoziiert wurden.

Bekannt ist, dass die Menschen Informationen bevorzugen, die ihre bisherigen Einstellungen bestätigen und diese als überzeugender ansehen. Sie neigen dazu, Informationen zu akzeptieren, die ihnen gefallen.

Gute Taten werden Trump nicht zugetraut

Ein Beitrag der Zeitschrift The Atlantic zu der Studie nennt zwei Beispiele aus dem US-Präsidentschaftswahlkampf. Im August 2015 kursierte das Gerücht in den sozialen Medien, dass Donald Trump ein krankes Kind sein Flugzeug benutzen ließ, um dringende medizinische Versorgung zu erhalten. Snopes.com bestätigte diese Geschichte. Sie wurde jedoch nur von etwa 1.300 Menschen geteilt oder neu geschrieben. Im Februar 2016 entstand hingegen ein Gerücht, dass Trumps älterer Cousin vor kurzem gestorben sei und dass er in seinem Nachruf die Amerikaner angefleht haben soll: „bitte lasst nicht zu, dass der wandelnde Schleimbeutel Präsident wird". Snopes konnte keine Beweise für den Cousin oder seinen Nachruf finden. Dennoch teilten rund 38.000 Twitter-Nutzer die Geschichte mit ihrem sozialen Netz. Und es stellte eine Retweet-Kette zusammen, die dreimal so lang war, wie die Kranken-Kind-Geschichte es schaffte.

Der Autor des Artikels auf The Atlantic, Robinson Meyer, hat verschiedene Wissenschaftler zu der Studie befragt. Sie äußerten vor allem die Besorgnis, dass die Aussage über die Bots zur Verharmlosung dieser missbraucht werden könnte. Einer der Autoren der Studie sagt, dass die Bots nicht im Fokus der Studie standen und dass gerade zum Präsidentschaftswahlkampf 2016 vermehrt Bots auftraten. Bleibt die Frage, ob die Infrastruktur sozialer Netzwerke die Entstehung und Verbreitung von Fake-News bedingt. Meyer schließt seine Recherche bei Politologen und Social-Media-Forschern mit dem Statement: “Auf Plattformen, auf denen jeder Nutzer gleichzeitig Leser, Schriftsteller und Verleger ist, sind Unwahrheiten zu verführerisch, um nicht erfolgreich zu sein: Der Nervenkitzel der Neuheit, der Kitzel des Ekels ist zu verlockend.“

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