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Verdeckte Akquise

Rolf Kirchmair
Rolf Kirchmair
Die Drücker-Methoden an der Haustüre zur Gewinnung von Abonnements gehören weitgehend der Vergangenheit an. Immer häufiger bedienen sich Zeitungs- und Zeitschriften-Verlage modernerer Methoden und spannen „Marktforschung“ dafür ein, um Abonnenten zu gewinnen.

Dann klingelt das Telefon und eine nette Dame am anderen Ende fragt: „Guten Tag. Ich rufe vom WX-Verlag an. Wir machen eine kleine Marktforschungsumfrage. Wären Sie so freundlich, mir drei kurze Fragen zu beantworten?“ Die drei Fragen betreffen ganz allgemeine Themen, zu denen jeder eine Meinung hat. Danach hört man: „Vielen Dank. Dürfen wir Ihnen als Dankeschön für Ihre Teilnahme die Zeitschrift YZ für 4 Wochen kostenlos schicken?“ Und wenn man die nette Dame am Telefon nicht enttäuschen will, ist man bereits in den Fängen des Verlages.

Was ist daran so schlimm? werden Sie fragen – denn schließlich hat man ja einen Vorteil davon. Ich will Ihnen sagen, was daran so schlimm ist: Marktforschung wird hier zu Werbezwecken missbraucht. Marktforschung, von der wir alle leben, hat sowieso schon einen miserablen Ruf: „Draußen im Lande“ glaubt niemand, dass die Marktforschung nichts verkaufen will. Und dass Befragungsdaten nicht personenbezogen sondern anonymisiert weitergegeben werden, das vermutet zu Zeiten von NSA und Snowden sowieso niemand mehr. Und wenn dann am Telefon „Marktforschung“ zum Zweck des Zeitschriftenvertriebs betrieben wird, wird eine solche Einstellung bestätigt.

Die Bemühungen der Verbände, die Öffentlichkeit mit Slogans wie „Sag ja zu Deutschlands Markt- und Sozialforschung. Anonym. Datengeschützt. Kein Verkauf“ aufzuklären, sind zwar zu loben. Doch ich bin überzeugt, dass der Großteil der Bevölkerung noch nie etwas vom Anonymitätsgebot der Marktforschung gehört hat. Unsere Verbände sollten viel lieber gegen solche schwarzen Schafe vorgehen (das machen nicht nur Verlage so). Denn solche rufschädigenden „Marktforschungsaktivitäten“ richten mehr Schaden an, als die Tage und Touren der Marktforschung wieder gut machen können.


Diplom-Psychologe Rolf Kirchmair ist Inhaber des Institutes T.E.A.M. (Team für effiziente angewandte Marktpsychologie) in Frankfurt am Main. Er hat über 30 Jahre Berufserfahrung in der Marktforschung, ist spezialisiert auf qualitative Marktforschung und hat unter anderem eine ganze Reihe innovativer Methoden entwickelt. Seit zwölf Jahren ist er Mitglied des BVM-Aufnahmegremiums, das die regelkonforme Arbeitsweise potenzieller BVM-Neumitglieder entsprechend der Standesregeln prüft.

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