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Einblicke in der Wolke

Eyetracking passt auch noch in die Cloud
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Eyetracking passt auch noch in die Cloud
Eyetracking macht sichtbar, wie gut sich Menschen auf Webseiten zurechtfinden, und ist eine etablierte Methode zur Verbesserung der Benutzerfreundlichkeit. Die Software Eyevido Lab bringt Eyetracking in die Cloud und erweitert so die Einsatzmöglichkeiten des Usability-Tools, erklärt Dr. Tina Walber.
Der Blick des Mannes überfliegt immer wieder die Webseite. Bis zum Klick mit der Maus vergeht mehr als eine Minute. Die Aufgabe scheint einfach für den Teilnehmer, der im Kundenlabor der Deutschen Bank eine Webseite auf Benutzerfreundlichkeit testet: Kontakt zu einem persönlichen Berater aufnehmen.


Währenddessen betrachtet eine Usability-Expertin in ihrem Webbrowser die visualisierten Eyetracking-Ergebnisse mehrerer Probanden. Sie erkennt anhand der Blickpfade, der grafischen Visualisierung von Daten – sogenannten Heatmaps – und Mausinformationen, wie die Webseite wahrgenommen und wie mit ihr interagiert wurde.

Die komplizierte Menüstruktur und großflächige Bilder im oberen Bereich der Seite erschweren den Testpersonen, den gesuchten Link zu einem persönlichen Berater zu finden. Die Blicke der Probanden bleiben immer wieder hängen, Menüs werden mehrfach ein- und wieder ausgeklappt. Die Rückmeldung an die Entwickler ist klar: Weniger ablenkende Elemente und eine deutlichere Menüstruktur würden die Bedienung der Seite erleichtern.


Seit den 1990er Jahren werden Usability-Studien mit Eyetracking durchgeführt, um die Benutzerfreundlichkeit von Webseiten und Software zu optimieren. Dazu wird eine spezielle Hardware, ein Eyetracker, unterhalb des Computerbildschirms befestigt. Anhand von Infrarotlichtquellen und -kameras erkennt der Eyetracker, auf welche Bereiche des Bildschirms eine Person schaut. Die Hardware war vor einigen Jahren noch sehr teuer, doch die Technik hat sich sehr schnell weiterentwickelt. Heute sind Geräte, die hochqualitative Daten liefern, für einen Bruchteil des einstigen Preises erhältlich. Sie werden unkompliziert via USB angeschlossen. Es gibt sogar Laptops, die diese Technik bereits integriert haben.
Dr. Tina Walber
Tina Walber
eyevido
beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Eyetracking und hat in diesem Bereich promoviert. Die zertifizierte Usability-Ingenieurin ist Gründerin und Geschäftsführerin der Eyevido GmbH.
Die bisher verfügbaren Software-Lösungen konnten mit der rasanten Entwicklung der Hardware und dem Megatrend zum Cloudcomputing nicht mithalten. Bis vor kurzem standen nur lokal installierte Desktopanwendungen bereit. Deshalb mussten bisher an einem einzigen Computer Studien angelegt, durchgeführt und ausgewertet werden. Dadurch verbrachten die Usability-Experten viele Stunden im Eyetracking-Labor und waren mit einer Reihe von Einschränkungen bei der Datenerhebung konfrontiert. Zudem war die Datenerhebung zeitlich aufwendig und örtlich beschränkt. Da die Probanden vor Ort in das Labor kommen mussten, war eine Datenerhebung mit mehreren Teilnehmern gleichzeitig nicht möglich.

Mit einem solchen Eyetracking-System haben Tina Walber und Christoph Schaefer mehrere Jahre an der Universität Koblenz geforscht. Sie stießen dabei regelmäßig an Grenzen, etwa wenn das Eyetracking-Labor besetzt war, an Home-Office-Tagen oder während eines Forschungsaufenthalts in den USA. Aus diesen Erfahrungen heraus entstand die Idee zum webbasierten Crowd-Eyetracking. Der Name ist angelehnt an Crowd-Working, bei dem Probanden per Internet Anweisungen erhalten und online kleine Aufgaben erfüllen. Basierend auf diesem Prinzip entstand die mehrfach ausgezeichnete Cloud-Software Eyevido Lab.
Eyetracking direkt am Computerbildschirm
© Eyevido
Eyetracking direkt am Computerbildschirm
Hier werden, dem Prinzip der Cloud folgend, alle Daten zentral auf einem Webserver gespeichert. Der Usability-Experte legt eine Studie an, indem er sich in seinem Webbrowser in das Portal einloggt und dort den Ablauf der Studie mit verschiedenen Elementen definiert. Elemente sind etwa Instruktionen für Probanden, Eyetracking-Aufzeichnungen auf Bildern, Videos oder URLs und Fragen an die Probanden. Für die Studien wird ein Eyetracker benötigt. Das System arbeitet aktuell mit Modellen von zwei Herstellern. Ausgestattet mit einem solchen Gerät und einer Internetverbindung wird so aus dem Computer ein kleines Eyetracking-Labor. Das System leitet die Teilnehmer dabei völlig autonom durch die Studie. Bildschirminhalte, Eyetracking- sowie Mausdaten werden aufgezeichnet und auf den Server übertragen. Die Daten lassen sich wiederum im Eyevido Portal betrachten und mit einer Reihe von Visualisierungsmöglichkeiten und Analysewerkzeugen auswerten. Dank Cloud-Lösungen können Aufgaben gleichzeitig, kollaborativ und weltweit bearbeitet werden. Damit werden neue Möglichkeiten bei der Studiendurchführung eröffnet. Im Portal können mehrere Personen gemeinsam an Studien arbeiten. Da die Vorzüge der Cloud genutzt werden, kann der Einsatz von Eyetracking unkompliziert und günstig erfolgen, sodass die Technik weitere Verbreitung findet und zu einem Standard im Usability- und Marketing-Bereich werden kann. Die Software ist seit dem Jahr 2016 auf dem Markt und bei einer Reihe von Unternehmen und Agenturen im Einsatz.

Die Deutsche Bank etwa lässt Feedback von Benutzern direkt in ihre Software-Entwicklungsprozesse einfließen und stellt so eine gute Bedienbarkeit sicher. Die Usability-Expertin der Bank schätzt besonders die Flexibilität des Systems. Heute ist sie vor Ort in einer großen Bankfiliale und führt eine Usability-Studie mit Kunden und Besuchern durch. Sie analysiert die Reaktionen der Menschen auf ein IT-Produkt im Entwicklungsstadium. Die Entwickler der Webseite warten schon gespannt auf ihre Rückmeldung.

Erschienen in planung&analyse 5/2017
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