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Pflege am Limit

Pflege bedeutet oft Anwesenheit und Unterstützung der Patienten an sieben Tagen die Woche rund um die Uhr
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Pflege bedeutet oft Anwesenheit und Unterstützung der Patienten an sieben Tagen die Woche rund um die Uhr
Deutschland steht vor einer großen Aufgabe. 2,5 Millionen Pflegebedürftige stellen viele Familien vor eine große Herausforderung. Das Institut IKM führte für ein junges Startup eine Untersuchung durch. Ziel war es herauszufinden, wie die Pflege durch Familienmitglieder und professionelle Pfleger mit Hilfe innovativer Technologien erleichtert werden kann. Ilka Kuhagen und Nina Stolle berichten von den Ergebnissen einer qualitativen Online-Studie.
Die meisten befragten Angehörigen pflegen ihre kranken Verwandten zu Hause alleine oder unterstützt vom Pflegedienst, vom Hausarzt, vereinzelt mit Tagespflege. Die Altenpfleger, die an der Studie teilnahmen, arbeiten auf Stationen oder in Pflege-WGs. Die Krankheitsbilder der Patienten sind vielfältig (Alzheimer, Parkinson, Schlaganfall, Multiple Sklerose und andere). Die meisten haben hohe Pflegegrade, hauptsächlich 5, vereinzelt 3 und 4, und brauchen permanente Unterstützung.




Was bedeutet Pflege im Alltag der Angehörigen


Pflege bedeutet für viele Teilnehmer Anwesenheit und Unterstützung der Patienten an sieben Tagen die Woche rund um die Uhr. Zur Routine gehört die Unterstützung aller täglichen Aktivitäten wie Aufstehen, Frühstücken, die komplette Körperpflege, der Toilettengang, Mahlzeiten und Tabletten einnehmen, Zubettgehen und (bei manchen) nachts Drehen und Wenden. Medikamenteneinnahme beziehungsweise der Besuch des Pflegedienstes strukturieren den Tagesablauf. Pflegende Angehörige leisten hier eine ungeheure körperliche, aber auch psychisch beanspruchende Arbeit. Eine Angehörige berichtete, wie sie jede Nacht mindestens drei Mal aufsteht, um ihren Mann zu wenden oder zur Toilette zu bringen. Die Angehörigen sind häufig selbst am Limit und befürchten den Verlust ihrer eigenen Gesundheit.

Ilka Kuhagen
Ilka Kuhagen
IKM
ist geschäftsführende Gesellschafterin der IKM GmbH. Sie hat 25 Jahre Erfahrung mit internationalen Forschungsprojekten. Sie war von 2006 bis 2016 im BVM Fachbeirat sowie von 2006 bis 2010 Mitglied im Vorstand der Qualitative Research Consultants Association (QR CA). Seit 2016 ist sie wieder im Vorstand von QRCA.
Die größte Herausforderung für pflegende Angehörige ist jedoch emotionaler Natur. Die Teilnehmer nannten die Aussichtslosigkeit der Situation, das Gefühl ständiger Verantwortung und die Befürchtung, „es nicht mehr zu schaffen“. Mit der Zeit verändert sich auch die Beziehung zwischen dem Patienten und dem Angehörigen. Aus dem Lebenspartner wird der Patient und es fehlt oft der ehemalige Ansprechpartner. Plötzlich dreht sich alles nur noch um den Patienten. Die Angehörigen geben ihr eigenes Leben auf. Immer auf Abruf zu stehen, bedeutet eine Verringerung sozialer Kontakte: keine Zeit mehr für Freunde oder Aktivitäten. Einfach mal spontan ins Kino zu gehen, geht nicht. Alles muss im Voraus geplant und mit den Pflegediensten abgeklärt werden.
Ganz alltägliche Situationen können jederzeit in Notsituationen umschlagen: Das Verschlucken beim Essen, eine Blasenentzündung wegen eines Urinkatheters, bei vielen Pflegepatienten wiederholen sich Stürze und manche laufen häufig weg.

Nina Stolle
Nina Stolle Institut IKM
IKM
ist Projektleiterin bei IKM und Spezialistin für Entrepreneurship und Startups.
Viele Teilnehmer erkennen Notfallsituationen an den kognitiven Fähigkeiten ihrer Patienten. So werden sich wiederholende Notfallsituationen sowohl bei pflegenden Angehörigen als auch bei professionellen Altenpflegern zur Routine. Viele haben hier schon eine Notfallliste und wissen, was zu tun ist. Situationen außerhalb des normalen Schemas verursachen jedoch oft Verunsicherung und Panik. Betroffene fühlen sich in solch einer Situation häufig allein gelassen und überfordert. Sie brauchen selber Unterstützung und danach eine „Verschnaufpause“, um „runterzukommen“. Diese wird ihnen aber im Pflegealltag nicht ermöglicht. Es geht direkt weiter mit der Pflege und täglichen Belastung.

Technische Hilfsmittel zur Kommunikation

Gerade in solchen Notsituationen wünschen sich die Teilnehmer mehr Unterstützung von Fremdanbietern. Einige Befragte holen sich technische Unterstützung zur Beobachtung des Wohlergehens der Patienten. Es wurden das Babyphone, die Notrufklingel und das Notfallhandy genannt. Ein Teilnehmer nutzt eine mit dem Internet verbundene Kamera zusammen mit einer passenden App, um seinen Patienten zu beobachten. Eine pflegende Angehörige nutzt eine App, um wichtige Daten (Ärzte, Therapeuten) zu verwalten und um an Einnahmetermine erinnert zu werden. Um mit Familienmitgliedern und Gleichgesinnten zu kommunizieren, werden auch Applikationen wie Skype, Facebook und WhatsApp genutzt. Ortungssysteme zur Suche eines weggelaufenen Patienten wurden jedoch von mehreren Teilnehmern kritisiert. Sie seien zu ungenau. Bessere und zuverlässigere Ortungssysteme wären in ihren Augen wünschenswert. In manchen Regionen ist eine schlechte Mobilfunk- oder Internet-Verbindung für die Nutzung internet- oder mobilfunkbasierter Apps problematisch.
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