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Furcht vor Fehldiagnosen und Datenklau

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Persönlich zum Arzt oder via Online-Sprechstunde?
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Persönlich zum Arzt oder via Online-Sprechstunde?
In der ärztlichen Versorgung werden immer häufiger telemedizinische Verfahren eingesetzt. Aber was halten eigentlich die Verbraucher von Telemedizin? Welche Vorteile und welche Nachteile sehen sie? Antworten hat Max Czycholl von Research Now SSI.
Die Gesundheitssysteme in den fünf großen europäischen Volkswirtschaften Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien stehen durch den demografischen Wandel, den medizinisch-technologischen Fortschritt und regionale Herausforderungen in der flächendeckenden Versorgung vor gewaltigen Aufgaben. Auch die Ressource Zeit wird zusehends knapper – sowohl beim Arzt als auch beim Patienten. Telemedizin kann bei der Lösung dieser Probleme helfen. Von Telemedizin spricht man, wenn Diagnose oder Therapie mit Hilfe von Telekommunikation und Informatik erfolgt, also etwa per Telefon oder Videokonferenz.


Um zu verstehen, wie Menschen in diesen fünf EU-Ländern die Telemedizin im Gesundheitswesen wahrnehmen und wo sie Chancen und Risiken sehen, hat Research Now in jedem Land 500 Personen im Alter von 18 bis 65 Jahren befragt. Die Stichprobe war bevölkerungsrepräsentativ in Bezug auf Alter, Geschlecht und Region. Ziel der Studie war es, die Einstellung zu Nutzen, Chancen und Risiken von Telemedizin im Gesundheitswesen zu erforschen. Grundlage war ein holistisches Verständnis der miteinander verknüpften Themenbereiche Gesundheitsleistungen im Allgemeinen und Telemedizin im Speziellen. Die Studie hatte vier Kernbereiche:
•    Aktuelle Nutzung von Gesundheitsleistungen
•    Wahrnehmung und Akzeptanz von Telemedizin
•    Chancen und Risiken der Telemedizin
•    Stellenwert von Datenschutz und Privatsphäre
Rund 42 Prozent der mehr als 2.500 Befragten nehmen regelmäßig medizinische Dienste wie Gesundheitskontrollen und diagnostische Routineuntersuchungen in Anspruch. 20 Prozent der Teilnehmer litten nach eigenen Angaben an einer Erkrankung, die regelmäßige medizinische Betreuung erforderlich macht. 36 Prozent nutzen medizinische Dienste lediglich punktuell und nur wenn notwendig. 59 Prozent (europäisches Mittel) haben auch schon kostenpflichtige Gesundheitsleistungen in Anspruch genommen. Das Gros der Teilnehmer gab an, weitestgehend zufrieden mit der jeweiligen nationalen Gesundheitsversorgung zu sein. Nur wenige glauben jedoch, dass sich ihr System in naher Zukunft verbessern wird. Im europäischen Mittel sehen 29 Prozent der Befragten einen leichten Zugang zu medizinischer Versorgung. Verbesserungspotenziale sehen die Teilnehmer vor allem in der Wartezeit bis zum Arzttermin.

Max Czycholl
 Max Czycholl
Research Now SSI
leitet seit Januar 2017 als Divisional Director, Healthcare – EMEA, das Europa-Geschäft der Pharma- und Gesundheitsmarktforschung von Research Now. Der Diplom-Geograph ist seit mehr als neun Jahren für Research Now tätig und für den Healthcare-Sektor verantwortlich.
Bei schnelleren Terminen und beim Fernzugang zu medizinischen Leistungen sehen daher europäische Verbraucher die größten Vorteile der Telemedizin: 52 Prozent der Befragten nannten den ortsunabhängigen Zugang, 48 Prozent die reduzierte Wartezeit, 29 Prozent den Zugang zu einer Vielzahl medizinischer Leistungen. Verbrauchern in Deutschland gefällt am Konzept der Telemedizin, dass sie einfach und schnell zugänglich ist, unkompliziert genutzt werden und dass Beratungs- und Diagnoseergebnisse kann zügig bereitgestellt werden. Als weitere Vorteile gelten höhere Effizienz im Gesundheitswesen, mehr Komfort für Patienten, bessere Versorgung in Notfällen und einfachere Altenpflege. Befragt nach potenziellen Risiken der Telemedizin, so herrscht Skepsis, ob ein Arzt per Videosprechstunde eine korrekte Diagnose zu erstellen vermag. Viele Teilnehmer machen sich ferner Sorgen über technische Probleme und die Gefahr von Computerausfällen. Der wahrgenommene Mangel an persönlichem Kontakt und echter Interaktion stellt außerdem eine große Hürde für die Nutzung telemedizinischer Versorgung dar. Weit verbreitet ist die Sichtweise, dass Telemedizin vorrangig für Personen mit ernsten, chronischen Erkrankungen gedacht ist. Außerdem sehen Befragte Technologie-Barrieren, insbesondere für ältere Menschen. Vor allem in Deutschland ist der Anteil der besorgten Personen, die eine unsachgemäße Datenweitergabe bei der Nutzung von Telemedizin befürchten, am größten. Demnach äußerten 89 Prozent der Teilnehmer eine gewisse bis große Besorgnis, ihre personenbezogenen Daten im Rahmen von telemedizinischer Versorgung weiterzugeben. Dabei wird deutlich, dass das Wissen, wie personenbezogene Daten von den erfassenden Stellen verarbeitet, genutzt und gespeichert werden, recht gering ist. Hinzu kommt eine allgemeine Angst davor, dass Datenmissbrauch das Arztgeheimnis verletzt, dass Dritte die Daten erhalten und dass durch Computerhacks Identitätsdiebstahl erfolgen kann.


Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Inanspruchnahme und Wahrnehmung von Telemedizin im Gesundheitswesen weitgehend dadurch bestimmt wird, wie die unterschiedlichen Verbrauchergruppen auf das Konzept reagieren. Weiteren Einfluss haben demografische Faktoren wie Alter, Beschäftigungsstatus und Haushaltseinkommen.
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