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Fehler bei Usability-Tests vermeiden

Fehler vermeiden
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Fehler vermeiden
Usability-Tests von neuen medizinischen Produkten sind aufwendig und teuer. Doch sie können rechtzeitig Schwachstellen bei der Anwendung aufdecken – vorausgesetzt, sie sind gut gemacht. Worauf Forscher bei Usability-Tests unbedingt achten sollten, erklärt Julia Eymann von der GIM.
Usability-Tests sind in der Medizinproduktforschung etabliert. Testnutzer probieren unter Beobachtung Prototypen oder fertige Medizinprodukte aus. Treten bei der Benutzung Probleme auf, können die Produkte anschließend optimiert werden. Die Erforschung der User Experience von Medizinprodukten ist alles andere als neu. Umso erstaunlicher: Immer noch werden häufig handwerkliche Fehler gemacht. Das ist ärgerlich für die Auftraggeber – und unangenehm für die verantwortlichen Forscher. Wer ein paar Regeln beachtet, kann Fehler vermeiden und das Beste aus Usability-Tests von Medizinprodukten herausholen.

Zunächst ein allgemeiner Hinweis: Usability-Tests haben im Vergleich zu anderen Fokusgruppen oder Interviews einen besonders dynamischen Charakter. Es sind die Teilnehmer, die den tatsächlichen Ablauf des Tests mit ihren Kenntnissen, ihrer Erfahrung, ihrem Produktverständnis und ihren Anwendungsroutinen prägen.

Ein Usability-Test kann in Form von Einzelinterviews oder Gruppendiskussionen angelegt werden. Zu Beginn beleuchtet ein allgemeiner Usage- & Attitudes-Teil die Einstellungen und Bedürfnisse der Nutzer bei der Verwendung des Produktes. Dabei werden sie beispielsweise befragt, wie sie ähnliche Produkte zuvor verwendeten und wie zufrieden sie damit waren. Für diesen Teil sollte unbedingt genügend Zeit eingeplant werden. Nur dann kann das spätere Teilnehmer-Feedback vor dem Hintergrund der individuellen Nutzung analysiert werden.

Der nächste Schritt ist ein Konzepttest. Die Produktidee wird als sogenanntes Verbalkonzept präsentiert. Es ist meist dreistufig aufgebaut. Ein prägnanter Consumer Insight weckt das Interesse der Teilnehmer mit einem klar formulierten Produktbedürfnis. Dann nennt das Verbalkonzept alle zentralen Produkt-Benefits. Schließlich liefert der sogenannte Reason-to-Belief Erklärungen für die Glaubhaftigkeit der Benefits. Dieser Konzepttest soll zeigen, ob die Produktidee ansprechend und für die Nutzer relevant ist.

Julia Eymann
Julia Eymann
GIM
ist Soziologin M. A. und arbeitet bei der GIM mbH Heidelberg als Senior Research Manager im Bereich Health & Pharma. Sie ist seit 2010 bei der GIM tätig und hat seitdem zahlreiche Usability Projekte im Bereich Medizinprodukte durchgeführt. Seit 2016 ist sie CPUX-F zertifiziert und Mitglied des German UPA (Berufsverband der Deutschen Usability und User Experience Professionals).
Es folgt der praktische Produkttest, der als Video aufgezeichnet wird. Jede Testperson erhält eine zuvor definierte Aufgabe. Diese kann zum Beispiel lauten: „Lesen Sie die Anleitung durch und legen Sie dann dem menschlichen Model das Inkontinenz-Produkt an, während das Model steht.“ Alle Teilnehmer testen nun das Produkt, bei Fokusgruppen nacheinander oder parallel in verschiedenen Räumen. Während des Tests sollen die Nutzer laut denken und ihre Eindrücke spontan äußern. Abschließend bewerten die Teilnehmer in einem Feedback-Interview einzeln oder in der Gruppe das Produkt.

Wer Usability-Tests plant, muss wissen, dass diese je nach Medizinprodukt sehr unterschiedlich ausfallen können: Der Test eines Wundverbands läuft anders ab als der eines Inkontinenz-Produktes. Zum einen unterscheiden sich die Verwender beziehungsweise Zielgruppen, zum anderen wird immer eine auf das Produkt abgestimmte Testumgebung benötigt. Während im ersten Fall Wundmanager die richtige Zielgruppe sind, sollten beim zweiten Test professionelle Pflegekräfte rekrutiert werden. Setzt man ein Model beim Test ein, ist es wichtig, auf die Details zu achten. Beim Wundverband-Test muss beispielsweise die relevante Körperstelle möglichst frei von Haaren sein. Beim Inkontinenz-Produkt-Test müssen Hüftumfang und Gewicht des Models exakt bestimmt werden, damit die Testprodukte passen. Bei Usability-Tests mit Patienten sollten mögliche Einschränkungen der motorischen Fähigkeiten berücksichtigt werden, zum Beispiel eine limitierte Beweglichkeit der Finger. Checklisten erleichtern die Vorbereitung. Folgende Punkte sollten vor Usability-Tests immer geprüft werden:

1. Aspekte, die das Testprodukt selbst betreffen
  • Entsprechen die Produkte und die Testumgebung den Anforderungen des Testmarkts?
    Beispiel: Beim Test eines Katheterfixierungsverbandes ist es wichtig, sich zu informieren, welcher Kathetertyp Marktführer in dem jeweiligen Testmarkt ist. Dieser sollte dann beim Testen verwendet werden.
  • Welche Anforderungen muss das menschliche Model erfüllen – beispielsweise hinsichtlich Größe, Gewicht, Alter oder Hüftumfang?
  • Sind die Testprodukte vergleichbar, das heißt zum Beispiel in der gleichen Größe verfügbar? Das ist etwa beim Einsatz eines Models relevant.
2. Methodische Aspekte, die den Testablauf betreffen
  • Was ist die genaue Aufgabe, die die Testpersonen erfüllen sollen? Sie muss im Vorfeld genau definiert und den Testpersonen präzise erläutert werden.
  • Ist es notwendig, eine Anleitung für die Testpersonen zu erstellen?
  • Welche Hilfestellung darf der Moderator geben, falls Testpersonen Verständnis- oder Anwendungsprobleme haben? Dabei muss klar definiert werden, wie weit Moderatoren in den Prozess eingreifen dürfen oder sollen.
  • Wie viel Zeit ist pro Teilnehmer für den Test vorgesehen? Hier wird häufig der Faktor Mensch unterschätzt und zu knapp kalkuliert. Eine Anleitung kann für Testperson A zum Beispiel sofort verständlich sein und zu einer Testdauer von nur drei Minuten führen, während es bei Testperson B zu Rückfragen und Fehlversuchen kommt, sodass der Test insgesamt acht Minuten dauert.
  • Was ist zu beachten bei Fokusgruppen? Hier ist es von Vorteil, Produkte individuell testen zu lassen, zum Beispiel in einem separaten Raum oder einem Gruppenraum mit Sichtschutz. Unbedingt beachten: Der Auftraggeber sollte den Test immer beobachten können.
Beobachtungsprotokolle und Videoanalysen steigern die Qualität von medizinischen Produkttests. Beobachtungsprotokolle helfen, Testergebnisse standardisiert zu erfassen und zu dokumentieren. Dazu gehören Informationen wie beispielsweise: Wie viel Prozent der Teilnehmer haben die Applikation auf Anhieb richtig vollzogen, eine alternative Applikations-Technik angewandt oder sind an der Aufgabe gescheitert? Das ist vor allem bei größeren Fallzahlen wichtig, um dem Kunden detaillierte Ergebnisse für jede Zielgruppe vorlegen zu können. Um die Testergebnisse zu verstehen und richtig zu interpretieren, sollten quantitative Resultate mit den qualitativen Beobachtungen und Kommentaren der Testpersonen verglichen werden. Videoaufnahmen ermöglichen eine detaillierte Analyse der Usability-Tests. Tipp: Bei Tests mit Anwendungen auf Smartphones oder Tablets sollte das Display mit einer zweiten Kamera gefilmt werden. Videoaufnahmen bieten gleich mehrere Vorteile: Sie sichern wichtige Erkenntnisse im Hinblick auf die Optimierung des Produktes. Usability-Probleme können im Ergebnisbericht mit Screenshots veranschaulicht werden. Der Report wird klarer für Personen, die die Interviews nicht live verfolgt haben. Und für den Kunden sind Video-Clips, die die Ergebnisse noch einmal prägnant veranschaulichen, ein schönes und nützliches Extra.

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