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Niemals ohne mein Smartphone

Meinungsbeiträge von Fachleuten aus der Marktforschung. Frech, zugespitzt und streng subjektiv.
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Meinungsbeiträge von Fachleuten aus der Marktforschung. Frech, zugespitzt und streng subjektiv.
Betrachtet man die Auswirkungen der Digitalisierung, dann überrascht mich besonders die Automobilbranche: Sie wirkt regelrecht hilflos angesichts einer Generation, die nicht mehr mit Begeisterung das Statussymbol Auto hegt und pflegt. Besonders deutlich wird dies, wenn man eine Hersteller-Website besucht.
Dort geht es im Kern immer noch um glänzendes Metall, schöne Felgen, technische Daten. Ein Verständnis von Mobilität gibt es dort meist nicht, nur Verliebtheit in Maschinen und Pferdestärken. Es wird Zeit, dass die Automobilbranche aufwacht. Sonst wird sie trotz ihrer vielen PS gnadenlos abgehängt. Ein Blick auf den derzeitigen Einstellungswandel zeigt deutlich, wohin die Reise geht.

„Always on“ ist im Auto immer noch schwierig

Es gibt weit Wichtigeres als das Auto. Nämlich das Smartphone. In qualitativen Studien zur Mediennutzung jüngerer Zielgruppen wird deutlich, dass die nachwachsende Generation sämtliche Medien den ganzen Tag über erreichbar haben will. Die Zeiten, in denen die Nutzung an den jeweils verfügbaren Medien orientiert wurde, sind endgültig vorbei. Niemand in der digital affinen Zielgruppe ist mehr bereit, auf das Medium zurückzugreifen, das in der jeweiligen Situation verfügbar ist – wie etwa das Radio im Auto. Im Gegenteil: Viele unserer Studienteilnehmer berichten, dass sie alle Situationen meiden, die keine freie Auswahl von Medien und Kommunikationskanälen, sprich dem Smartphone, ermöglichen. Eine solche Situation ist nach wie vor das Autofahren, das damit schlagartig an Attraktivität verliert.

Heute gilt: In der Bahn hat – dank Smartphone – jeder seine eigene Musik und seine Videos dabei, ist in ständigem Kontakt mit seinen Netzwerken, hat vollen Zugriff auf Freunde, Informationen und Unterhaltung. Im Auto dagegen kann man das Smartphone kaum nutzen. Es lässt sich mehr schlecht als recht mit dem Pkw verbinden, die Bedienung funktioniert kaum, und wenn man es doch in die Hand nimmt, droht auch schon der Strafzettel. Dies wird von vielen jungen Nutzern kritisiert und als relevante Einschränkung erlebt. So teilten uns in einer Studie zur Radionutzung 20- bis 39-Jährige immer wieder mit, dass sie genervt sind, wenn sie im Auto keine WhatsApp-Nachrichten beantworten und nicht problemlos zwischen den eigenen Musikangeboten und Radio wechseln können.

Lederlenkrad war gestern – Touchscreen ist morgen

Wenn man sich anschaut, wie beispielsweise Mercedes die Zukunft des Autos entwirft, dann ist klar: Alles das wird wegfallen, was früher ein Auto in seinem Statuswert ausgemacht hat – ein sportliches Lenkrad, eine möglichst dynamische Schaltung, eine hohe PS-Zahl und viele weitere Möglichkeiten, sich als Fahrer in Szene zu setzen.



Stattdessen wird das Auto zum Lebensraum, der ausgestaltet ist wie ein Wohnzimmer und vor allem eins bieten muss: eine gute multimediale Internetnutzung. Das Endgerät dazu besitzen die meisten bereits: Ein Smartphone.


Dieser Traum wird allerdings erst dann Wirklichkeit, wenn Autos autonom fahren. Solange sie einen Fahrer benötigen, gibt es einen Konflikt zwischen der Bedienung des als kompliziert erlebten Fahrzeugs und der eigentlich gewünschten Beschäftigung mit dem Smartgadget. Dies ist bis auf weiteres nicht lösbar und führt dazu, dass das Fahren – also die Beschäftigung mit dem Auto – regelrecht als Störfaktor erlebt wird. „Wenn ich mit dem Auto unterwegs bin, schaue ich trotzdem immer wieder auf mein Handy. Und das ärgert mich dann, weil es extrem ablenkt“, sagt Jörg, 34 Jahre, in einer result-Studie zur Radionutzung.

Mobil sein ohne eigenes Auto wird zum angestrebten Ziel

Die beschriebenen Nachteile des Autos und die damit verbundenen Kosten lassen viele junge Menschen Ausschau nach alternativen Mobilitätskonzepten halten. Die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel oder Carsharing-Modelle wachsen langsam, aber stetig – zumindest dort, wo sie angeboten werden. Vor allem die stationsunabhängigen Car-sharing-Angebote haben in den vergangenen Jahren Nutzer hinzugewonnen.

Insgesamt sind die Zeichen deutlich: Die Automobilbranche steht vor einem Umbruch. Abhängig von den technologischen Entwicklungen und den vorhandenen Alternativkonzepten wird sich Mobilität wandeln, und zwar grundlegend. Sicher wird es weiterhin ein Anliegen bleiben, von A nach B zu gelangen. Dies mit dem eigenen Auto zu erreichen, wird aber in Zukunft kein Muss mehr sein.

Die Automobilbranche muss diesen Wandel viel schneller mitgehen als bisher. Natürlich werden Trends analysiert und neue Mobilitätskonzepte getestet. Aber irgendwie gewinnt man den Eindruck, dass dies alles nur mit halber Kraft und am Rande des eigentlichen Kerngeschäfts geschieht. Das aber könnte für die Zukunft zu wenig sein.

Sabine Haas ist Gründerin und Geschäftsführerin der result gmbh. Mit ihrem Institut für digitalen Wandel berät die Diplom-Psychologin und Medienexpertin Unternehmen und Institutionen aus den Bereichen Medien, FDL und Kultur auf ihrem Weg in die digitale Zukunft.
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