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Der Blog von planng&analyse - als mafo.spitze werden Meinungsbeiträge von Fachleute aus der Marktforschung veröffentlicht. Frech, zugespitzt und streng subjektiv.
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Der Blog von planng&analyse - als mafo.spitze werden Meinungsbeiträge von Fachleute aus der Marktforschung veröffentlicht. Frech, zugespitzt und streng subjektiv.
Das Wissen um Zufallsstichproben gehört zum Rüstzeug jedes Marktforschers. Unangenehm nur, wenn man selber darauf angewiesen ist, in diese Stichprobe zu fallen. Um in den USA arbeiten zu dürfen, braucht es viel Zufall und Glück. Und das Verfahren durchblickt man selbst als Marktforscher kaum.
Schon an der Universität oder spätestens on the Job lernt der Statistiker, dass das Urnenmodell mit und ohne Zurücklegen wenig praxistauglich ist. Umso bemerkenswerter, wenn man doch auf das Urnenmodell, also die echte Zufallsstichprobe, im richtigen Leben trifft.

Bei mir war dies im Frühjahr 2015 der Fall, als es um mein Arbeitsvisum für die USA ging. Jedes Jahr vergibt die US-Einwanderungsbehörde USCIS 85.000 Arbeitsvisa für qualifizierte Fachkräfte (das sogenannte H1B-Visum, nicht zu verwechseln mit der Greencard). Die USA sind zwar ein Einwanderungsland, aber die Zahl der temporären Einwanderungen wird streng reglementiert. Nachdem die Wirtschaft anzog, gibt es jedes Jahr mehr Anträge als Genehmigungen, daher das Losverfahren.

Ab Anfang April eines jeden Jahres können die Arbeitgeber Petitionen bei den USCIS Service Centern einreichen. Im April 2015 wurde ein neuer Rekord aufgestellt: 233.000 Bewerbungen. Das heißt also, der amerikanische Staat sucht die Kandidaten für die Unternehmen aus. Einige Arbeitgeber lösen das Problem so, indem sie sehr viele Anträge für unterschiedliche Personen einreichen. Gerade IT-Firmen verfahren so: 100 brauche ich, also werden 400 Petitionen eingereicht.

Per Losverfahren wurden somit 85.000 Petitionen zur Bearbeitung ausgewählt. Alle anderen sind aus dem Rennen, die Anträge werden nicht weiter bearbeitet, die Kandidaten bekommen eine Ablehnung.
Von der Zusammenstellung der Antragsunterlagen über die Auswahl bis hin zur endgültigen Bearbeitung können mehrere Monaten vergehen. Viel Zeit, um sich mit der Materie zu beschäftigen.

Das Verfahren wird auf vielen Ratgeberseiten im Internet beschrieben. Konkret funktionierte es wie folgt: In einem ersten Schritt werden 20.000 Anträge des sogenannten Master Cap (Antragsteller mit einem US-Master-Abschluss) ausgewählt. Die hierbei nicht berücksichtigten Anträge kommen in den Regular Cap, hier werden die restlichen 65.000 gezogen. Es gibt noch ein paar kleinere Quoten für Sonderfälle, die aber nicht sehr ins Gewicht fallen.

Da Anfang April noch nicht alle Anträge elektronisch erfasst waren (die Anträge müssen in Papierform eingereicht werden), erhielt jeder Antrag eine Losnummer; das USCIS erzeugte diese Losnummern und ordnete sie den Anträgen zu.

Zufallsstichprobe ohne Zurücklegen. Dies elektronisch sauber hinzubekommen, ist nicht ganz so einfach. Wer will, kann dies in Excel für den Regular Cap gerne simulieren. Mit der Funktion Zufallsbereich und den Parametern „1“ und „213000“ (233.000 abzüglich Master Cap) erhält man bei 65.000 Zellen allerdings durchschnittlich 14 Prozent Doppelungen. Letztere müssen ja vermieden werden.

Eigentlich ein einfaches und faires Verfahren. Allerdings gibt das USCIS selber über das Losverfahren nicht sehr detailliert Auskunft. Es ist bekannt, dass mehr als 85.000 Fälle für die Bearbeitung gezogen werden, da nicht jeder Antrag genehmigt wird. Wie hoch ist diese Reserve? Nicht bekannt. Wie sieht der Algorithmus für die Zufallsauswahl genau aus? Auch nicht bekannt.

Die Folge ist, dass in einschlägigen Foren immer wieder Spekulationen über Quoten oder Bevorzugungen auftauchen und der Verdacht geäußert wird, es ginge nicht alles mit rechten Dingen zu. Einige Experten wie die Betreiber der Internetseiten redbus2us arbeiten jedes Jahr aufs Neue gegen diese Gerüchte an.

So gibt es für die beschleunigte Bearbeitung der Anträge das sogenannte Premium Processing, welches extra kostet und feste Bearbeitungszeiten garantiert. Verschwörungstheoretiker vermuten immer wieder, dass die teureren Premium-Fälle eine größere Auswahlchance hätten. Was reine Spekulation ist. Bisher ist noch niemand wegen des Auswahlverfahrens gegen das USCIs vor Gericht gezogen.

Ich jedenfalls habe Glück gehabt, bei dieser ersten Hürde und wurde gezogen. Erst im nächsten Schritt schaut dann die Einwanderungsbehörde, ob man wirklich qualifiziert ist. Das wiederum ist eine andere Geschichte.

Stefan Althoff war viele Jahre betrieblicher Marktforscher bei der Lufthansa Technik in Hamburg. Jetzt berichtet er aus Seattle, wo er eine neue Stelle angetreten hat.

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