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Digitalisierung als Unwort?

Meinungsbeiträge von Fachleuten aus der Marktforschung. Frech, zugespitzt und streng subjektiv.
privat/pua
Meinungsbeiträge von Fachleuten aus der Marktforschung. Frech, zugespitzt und streng subjektiv.
Auch für die Energiewirtschaft ist Digitalisierung eine große Herausforderung. Auf der führenden Branchenmesse E-World energy & water, die im Februar in Essen stattfand, wurde jedoch deutlich, dass vielen Entscheidern Digitalisierung noch zu unkonkret ist und manchen fast schon zum Unwort geworden ist.
 

Neben der Optimierung der Unternehmensprozesse und der Erfüllung gesetzlicher Anforderungen ist der entscheidende Erfolgsfaktor bei der Digitalisierung die Entwicklung kundenorientierter Geschäftsmodelle und die Vermarktung digitaler Produkte und Dienstleistungen. Auf so einer Fachmesse wie der E-World gehen die Diskussionen jedoch in erster Linie um Umsetzungsmöglichkeiten ingenieurtechnischer Träume. Ob es um Smart Home oder Energie-Apps geht; die meisten Marktakteure schauen eher auf das technisch Machbare und ihr Unternehmen und selten auf den Kunden.
Aus zwei Gemeinschaftsstudien wissen wir, dass zirka 80 Prozent der am Markt befindlichen Smart Home Lösungen nicht den Anforderungen der relevanten Zielgruppen entsprechen. Ingenieursträume sind oft verwirklicht, Kundenanforderungen leider häufig nicht.
Doch wenn Digitalisierung in der Energiewirtschaft erfolgreich sein will, dann kommt es darauf an, den konkreten Bedarf der Energiekunden und die Angeboten von Stadtwerken und Energieversorgern zusammen zu bringen.

Das Ergebnis einer Online-Befragung durch die Innofact Energiemarktforschung im bevölkerungsrepräsentativen Panel mit 350.000 Probanden in Deutschland von Ende Februar 2016 zeigt, was Energiekunden in erster Linie wollen: 91 Prozent der deutschen Haushaltsvorstände halten Informationen zu Preisen und Tarifen auf der Homepage für sehr wichtig/wichtig. 81 Prozent der Probanden halten die Möglichkeit, selbst Vertragsanpassungen online vornehmen zu können, für sehr wichtig/wichtig. Für 69 Prozent ist eine Stromverbrauchsabrechnung online per E-Mail oder im Kundenportal der Homepage für sehr wichtig/wichtig. Aber nur 28 Prozent erwarten eine zusätzliche Kommunikation des Energieversorgers über Social-Media Kanäle.

Natürlich beinhalten die Ergebnisse signifikante Unterschiede zwischen einzelnen Kundensegmenten und Regionen sowie Kriterien wie Alter und Geschlecht. Vertiefende Projekte haben gezeigt, dass lediglich Innovatoren auf der Stadtwerke- und Energieversorgerseite gegenwärtig die Chance nutzen, die Digitalisierung ihrer Prozesse mit Augenmaß und Profitabilität zu betreiben und gleichzeitig die Kundenzufriedenheit und Kundenbindung durch nutzenorientierte digitale Angebote zu erhöhen, sowie attraktiv für verlorene Kunden und Neukunden zu werden.

Ich bin der Überzeugung, dass sich durch eine fundierte qualitative und quantitative Marktforschung und auf Basis fundierter branchenspezifischer Erfahrungen profitable Geschäftsmodelle für Energieversorger im Rahmen des Megatrends Digitalisierung entwickeln lassen. Kritischer Erfolgsfaktor ist und bleibt der realisierte Kundennutzen. Für Ingenieurträume ist im Rahmen der zuverlässig ermittelten Kundenanforderungen dann ja immer noch genügend Raum.

Hans-Jochen Brückner ist Geschäftsbereichsleiter Energiemarktforschung bei der Innofact AG in Düsseldorf.

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