72. Gallup International Association Konferenz

Menschen eine Stimme geben

Wolfgang Schüssel, ehemaliger Bundeskanzler von Österreich auf der Konferenz der Gallup International Association
© GIA
Wolfgang Schüssel, ehemaliger Bundeskanzler von Österreich auf der Konferenz der Gallup International Association
Die Welt trifft sich in Wien. So könnte man die Veranstaltung der Gallup International Association (GIA) überschreiben; auf jeden Fall trafen sich Vertreter aus 45 Ländern von Afghanistan bis Usbekistan – alles Meinungs-, Sozial- und Marktforscher. Alle fühlen sich der Idee von George Gallup verpflichtet: Sie hören Menschen zu und wollen ihnen eine Stimme geben. Das Motto der 72. Konferenz lautet entsprechend: „Voice of the People. Truly measured.“

Seit über 70 Jahren finden jährlich Konferenzen statt, die der gemeinsamen Arbeit, dem Austausch, der Fortbildung aber auch dem Kennenlernen und Feiern dienen. Nach Wien eingeladen hatte Michael Nitsche vom österreichischen Gallup Institut. Er ist Vizepräsident der Organisation GIA, die insgesamt 70 Mitglieder hat. Schwerpunkt ist – ganz im Sinne von George Gallup, der das Netzwerk bereits 1947 ins Leben gerufen hat – die Meinungs- und Sozialforschung. Was denken die Menschen? Was macht sie glücklich? Welche Sorgen haben sie? Was halten sie von ihrer Regierung, von der Politik? DAs sind die Fragen, die die Mitgliedsunternehmen beschäftigen.



So wird jährlich ein „End of Year Survey“ herausgegeben. Anfang dieses Jahres mit den Schwerpunkten: Die Meinung über die weltweiten politischen Führer und Regierungen sowie Vertrauen in Medien und Erfahrungen mit Fake News. Die Vorbereitung zur kommenden Umfrage gehörte zum Arbeitspart des Kongresses.

Der Fortbildungspart wurde zum größten Teil von den Teilnehmern selber gestaltet. Dementsprechend führte der President Kancho Stoychev aus Bulgarien das Treffen ein: „Das ist Eure Konferenz!“ Also kein Treffen, um sich von der Bühne her berieseln zu lassen, sondern zum gemeinsamen Austausch und zur Diskussion.


Das Programm war anspruchsvoll: Welchen Weg gehen die EU, die USA und China? Welches Verhältnis haben Putin und Trump? Europa am Scheideweg und Einblicke in die Kontinente Afrika, Asien, Lateinamerika und arabische Halbinsel. Dabei wurde deutlich, dass bei aller Gemeinsamkeit die Notwendigkeiten vor Ort doch einige recht unterschiedliche Herausforderungen bieten.
Die internatinalen Teilnehmer der 72. GIA-Konferenz
© GIA
Die internatinalen Teilnehmer der 72. GIA-Konferenz

Forscher von Albanien bis Usbekistan

Mungith M. Dagher aus dem Irak etwa berichtete, wie ihm die Idee, Menschen zu Wort kommen zu lassen, im Krieg 2003 nach der Lektüre eines Buches von Gallup kam. Seit dieser Zeit befragt er die Menschen im Irak und veröffentlicht dies. In seinen Studien wird deutlich, wie anders die Meinung der Bevölkerung zu den offiziellen Statements ist und wie stark die Übernahme der Macht durch die ISIS die Menschen betroffen hat und im Gespräch am Rande der Konferenz sagt er auch, wie gefährlich der Job für die Interviewer ist. Einige haben den Einsatz vor Ort nicht überlebt.

Eine wesentlich regierungskonformere Sicht äußerte Nelson Wong aus China und erklärte die Beweggründe für die sogenannte Seidenstraßen-Initiative: Frieden und Entwicklung. Diesem Zweck dienen die geplanten Investitionen in alle Teile der Welt inklusive Griechenland, Italien, der Schweiz und Österreich. Die Befürchtung, dass dahinter ein geopolitischer Zweck stecke, hält Wong für ein „großes Missverständnis“.

Wie zwei weitere Global Player, Putin und Trump, zusammenpassen oder eben nicht wurde in den Statements von Journalisten deutlich, die als Gäste dabei waren: Fyodor Lukyanov ein russischer Journalist und Eric Frey, Österreicher und Chefredakteur von Der Standard. Lukyanov warnte vor allem davor, dass die Nato die Ukraine als Mitglied aufnehmen könnte. Dies berge unterschätzte Gefahren.

Europa am Scheideweg

Im Anschluß sprach Wolfgang Schüssel, ehemaliger Kanzler Österreichs, zur Situation Europas. Durch die vielen anstehenden Wahlen in den Mitgliedsländern und der EU-Wahl werde das Personal in Brüssel komplett ausgetauscht. Außerdem glaubt er: „Europa ist eine große Erfolgsgeschichte“. Die Wirtschaftskraft konnte seit der Gründung um das 50fache gesteigert werden und die Power der EU werde bei weitem unterschätzt: „Man redet zu wenig darüber“. In der Diskussion kam die Forderung nach einer europäischen gemeinsamen Armee auf.

Gefälschte Umfragen gefährden die Reputation der Forscher

Antonio Ascencio von Sigma Dos aus Spanien berichten von den kürzlich stattgefunden Wahlen und der hohen Anzahl an Fake-Polls, also gefälschten und via soziale Medien in Umlauf gebrachte Befragungen, die vermutlich niemals stattgefunden haben. Den Faden nahm später Marita Carballo aus Argentinien wieder auf. Carballo ist Präsidentin der World Association for Public Opinion Research (WAPOR). Sie berichtete über die Situation in Lateinamerika. Das Vertrauen oder besser gesagt Misstrauen in die Regierenden, die Einschätzung der Bürger zur Demokratie und die Verbreitung von Korruption. Vor allem in den Ländern wo es eine längere gesetzlich vorgeschriebene Zeit zwischen der letzten Veröffentlichung einer Wahlumfrage vor der Wahl gebe, kursieren zahlreiche Fake-Umfragen in den sozialen Medien. Abgesehen davon, dass eine solche Pause von beispielsweise 15 Tagen in Chile keine realistische Vorhersagen zulassen, trage dieses Phänomen erheblich zur Skepsis gegenüber Meinungsforschern bei. Im Anschluß an diesen Vortrag wurde darüber diskutiert, ob es die Möglichkeit gebe ein Siegel zu vergeben, damit Institute ihre Seriosität unser Beweis stellen können. Carballo erklärte, die WAPOR-Mitgliedschaft sei ein solches Siegel.#/ZT#Big Data auch für Meinungsforschung#/ZT#Die letzte Session lieferte Input über die traditionellen Methoden der Meinungsforscher hinaus. Wie kann Big Data genutzt werden? Hagop Hamandarian aus Russland zeigte auf, wie Einkauf, Medienkonsum, Surfverhalten und Essgewohnheiten mithilfe von Apps und Geolokation im Handumdrehen transparent werden und damit erstmals das tatsächliche Verhalten der Konsumenten für Forscher sichtbar wird.

Daniel Fazekas von Bakamo Social aus Ungarn erklärte, wie mit Social Listening eine komplementäre Methode eine deutliche und laute Stimme der Verbraucher im Markt sein kann. Außerdem berichtete er von verschiedenen Narrativen zur Flüchtlingssituation, die in unterschiedlichen Ländern populär sind. Diese jüngste Studie wurde von der Friedrich-Ebert-Stiftung veröffentlicht. Vlora Berisha aus Albanien berichtet schließlich von der Anwendung von Eye Tracking.

Optimismus zu verbreiten war nicht die Aufgabe der Sprecher auf der Konferenz von Gallup International. Das konnte auch nicht gelingen. Es gibt zu viele Brennpunkte und Krisen in der Welt. Meinungs- und Sozialforscher sind ganz nah dran an der Politik und an der täglichen Situation der Menschen. Die 72. Konferenz der Gallup International Association hat wieder ein kleines Stück dazu beigetragen, dass Menschen aus aller Welt miteinander reden und sich ein wenig besser zu verstehen. Dank des Netzwerkes können die allesamt selbstständigen Institute mit ihren weltweit vorhandenen GIA-Partnern zusammen arbeiten und so nicht nur einen weiteren Horizont bekommen, sondern auch ihr Geschäft vergrößern.

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