60 Jahre Infas

Viel mehr als Datenerhebung

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Menno Smid, Geschäftsführer von Infas
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Menno Smid, Geschäftsführer von Infas
Infas, das Institut für angewandte Sozialwissenschaften, begeht seinen 60. Geburtstag und zeigt, dass es viel mehr als ein Erhebungsinstitut ist und welchen Stellenwert die empirische Sozialforschung haben kann.
Menno Smid, Geschäftsführer von Infas, fühlt sich zwar hanseatisch zurückhaltenden Grundsätzen verpflichtet, findet aber in seiner Begrüßungsrede doch recht eindeutige Worte zum Zweck empirischer Sozialforschung und der Abgrenzung zu anderen Disziplinen. Seine Aufgabe: Mit erprobten Methoden valide Daten als Grundlage für Entscheidungen in der Gesellschaft zu schaffen. Ein Punkt, der sich durch die 24 Stunden währende Geburtstagsfeier ziehen sollte. Und so zeigt der Spezialist für Survey Methodologie auch wie der Wandel stattfindet. „Die Digitalisierung zieht auch uns in den Bann, nicht mit kleinen Online-Umfragen, sondern mit komplexen Erhebungen.“


So sei eine so komplizierte Frage wie die Alltagsmobilität der Menschen eine Studie, die von großer Relevanz für politische Entscheidungen ist, eigentlich heutzutage besser via Smartphone durchzuführen als durch Befragungen. Voraussetzung sei natürlich die Bereitschaft der Probanden und die Einhaltung des Datenschutzes. Für solche ergänzende Methoden hat Smid freilich Tochtergesellschaften wie Infas 360 und Infas Quo gegründet, die am Geburtstag der Mutter jedoch nicht im Mittelpunkt standen.

Die soziologische Betrachtung der Mobilität und deren Verbindung zum Medienverhalten vertiefte hingegen Maren Hartmann, Professorin für Kommunikations und Mediensoziologie an der Universität der Künste Berlin. Sie untersucht etwa Obdachlose und deren Nutzung von digitalen Medien.

Datenerhebung in Zeiten der Digitalisierung

Prof. Frauke Kreuter vom Lehrstuhl für Statistik und sozialwissenschaftliche Methodenlehre an der Universität Mannheim nimmt den Faden auf und zeigt welche Möglichkeiten die Digitalisierung für die Datenerfassung bietet. Es gibt eine ganze Reihe administrativer Daten, die noch nicht genutzt werden, es gibt die Möglichkeit, die Sensorik der Mobilgeräte zu nutzen und es gibt Plattformen, die eine Fülle von Informationen sammeln und teilweise für Forscher auch hergeben. Ein wahrer Schatz für Sozialwissenschaftler, die die Daten freilich noch aufbereiten müssen.


„Wir müssen diese anderen Daten immer mitdenken“, fordert Kreuter. Aber die Aufbereitung ist nicht nur aufwendig, sondern kann auch wieder systematische Fehler enthalten, warnt sie. Als Beispiel zeigt sie die Ergebnisse einer Suche bei Google Bilder. Mehrere Monate hat das Ergebnis immer nur Bilder von männlichen Professoren angezeigt. Die Maschinen lernen aus den Daten der Vergangenheit und sind nicht unbedingt ein Abbild der Realität.
Prof. Frauke Kreuter, Lehrstuhl für Statistik und sozialwissenschaftliche Methodenlehre an der Universität Mannheim
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Prof. Frauke Kreuter, Lehrstuhl für Statistik und sozialwissenschaftliche Methodenlehre an der Universität Mannheim
Kreuter appelliert dabei an die besondere Sorgfalt bei der Einhaltung des Datenschutzes. Eine perfekte Überleitung für den Bundesdatenschutzbeauftragten Ulrich Kelber. Ihm gelang es, nicht nur die Vorteile der vorhandenen Gesetzgebung zu preisen, sondern auch durchaus die Komplexität der Situation in der digitalen Welt darzustellen. Dabei reicht das Spannungsfeld von der Frage: Wie stellen wir die digitale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Unternehmen sicher? bis zu der Besorgnis, das die Einflussmöglichkeiten der Verbraucher gering sind. Die Menge an personenbezogene Daten nehme exponentiell zu und dies sei eine Gefahr für die freie Gesellschaft: Aus einem Datenpunkt wird eine Datenstrecke, ein Teppich, ein Wolke… Er fordert Profiling und Tracking müsse eng begrenzt werden und die DSGVO dürfe weder vor Technologien wie der Künstlichen Intelligenz noch der Blockchain halt machen.

Gegen Abend lässt Infas dann die Frage zu: „Wo ist der blinde Fleck der empirischen Sozialforschung?“ Der Philosoph und professionelle Redner Richard David Precht stellt sie und sagt: „Die messbare Seite der Welt ist nicht die Welt, sondern nur deren messbare Seite“, eine Aussage, die in der anschließenden Diskussion durchaus Widerspruch hervorruft. Prechts Kritik ist dabei nicht, dass gemessen und erhoben wird, sondern dass die Politik sich blind nach den Zahlen richte und dabei taktische Entscheidungen – wie etwa die besten Argumente für die kommende anstehende Wahl – die strategischen, langfristigen Fragen dominieren. „Ich sehe ein Gap zwischen der Menge an Statistiken und Zahlen und der sinnvollen Verwendung der Daten.“
Richard David Precht und Menno Smid
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Richard David Precht und Menno Smid
Nach Networking und Party mit Schlagerfachmann Götz Alsmann sowie dem Mitternachtskino geht die Geburtstagsfeier am kommenden Morgen mit Lachyoga weiter.

Wie wir leben wollen und was wir dafür tun müssen

Im Mittelpunkt steht dabei die Vermächtnisstudie, die Infas nun bereits zum zweiten Mal gemeinsam mit der Wochenzeitung Die Zeit und dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) durchführte (wir berichteten). Aus der umfassenden Studie herausgenommen wurde dabei der Aspekt „Heimat“. Was ist das Verständnis von Heimat im 21. Jahrhundert für die Menschen in Deutschland? Und Jutta Allmendinger, Präsidentin des WZB, zeigt auf, welche Verwerfungen dabei in der sozialen, emotionalen und territorial kulturelle Dimension entstehen. Ein Drittel der Befragten hatten Migrationshintergrund, mussten allerdings der deutschen Sprache mächtig sein. Aber die Risse verlaufen nicht unbedingt zwischen diesen Bevölkerungsgruppen, auch nicht zwischen Männern und Frauen sondern eher zwischen Stadt- und Landbevölkerung oder dem Bildungsgrad der Befragten. Man könne aus den Diskrepanzen auf die Notwendigkeit des politischen Handelns schießen, glaubt sie. Im Anschluß an die Vorträge diskutierten Allmendinger gemeinsam mit Menno Smid, dem Chefredakteur von Zeit Wissen, Andreas Lebert, und Ines Pohl, Chefredakteurin der Deutschen Welle. Aufgegriffen wurde wieder das Thema, welchen Einfluß die Ergebnisse der empirischen Sozialforschung auf die Politik haben können und sollten. Smid: „Wir liefern Studien an Grundsatzabteilungen wo noch nachgedacht wird. Dort ist die Politik nicht ideologisch sondern evidenzbasiert.“

Dennoch: Der in der Studie deutlich werdende Vertrauensriss in der deutschen Gesellscahft ist größer geworden und neben dem Heimatbegriff werden noch ganz andere Emotionen wie sinkendes Vertrauen oder Kränkung sichtbar, die sich äußern können in Wut oder Kapitulation, Sprengstoff für eine Gesellschaft, die sich nicht weniger, sondern immer mehr Problemen gegenüber sieht. Wie reagiert sie? Nun der Geburtstag des größten deutschen Instituts für Sozialwissenschaften endet zufällig am Beginn der Aktionswoche Fridays for Future. Nur wenige Meter entfernt werden sich auf der Hofgartenwiese in Bonn 15.000 Menschen zusammenfinden, um gegen die Ignoranz der Politik gegenüber dem Klimawandel zu protestieren. Ein passender Abschluss für den Geburtstag eines Insituts, das Daten für Entscheidungen in Politik und Gesellschaft erhebt, aber eben noch viel mehr.
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