Zu wenige Verlagskooperationen?

Burda-Vorstand Philipp Welte kritisiert "tödliche Reflexe des 20. Jahrhunderts"

Philipp Welte auf dem Publishers' Summit
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Philipp Welte auf dem Publishers' Summit
Aufgeben ist keine Option: Ungeachtet (oder gerade wegen) der jüngsten Dämpfer durch das Kartellamt und durch skeptische Kollegen beschwört Burda-Verlagsvorstand Philipp Welte in seiner Eigenschaft als Chef des VDZ-Fachverbands Publikumszeitschriften beim Publishers‘ Summit einmal mehr die Notwendigkeit von Verlagskooperationen.

In den veränderten Märkten sei der Weg in die Zukunft „ein Weg der Gemeinsamkeit“, über Unternehmensgrenzen hinweg. Doch stattdessen seien die Verlage gerade hinsichtlich ihrer Strategien im Werbemarkt immer noch „gefangen im wettbewerblichen Denken der 80er-Jahre und sehen untätig oder unfähig zu, wie links und rechts US-Monopolisten den 18 Milliarden Euro großen Werbemarkt in Deutschland okkupieren“. Welte weiter: „Anstatt uns souverän und selbstbewusst dagegen aufzustellen, kämpfen wir in dem winzigen Reservat, das uns in diesem Markt noch geblieben ist, bis an die Zähne bewaffnet gegen unsere eigentlich natürlichen Weggefährten. Das sind tödliche Reflexe des 20. Jahrhunderts.“



Dabei lande weltweit jeder vierte Werbedollar (insgesamt, nicht nur digital) schon heute bei Google oder Facebook – „und Amazon beginnt gerade erst, sich warmzulaufen“, so Welte. Diese „dramatische Marginalisierung“ ihrer Rolle im Werbemarkt „durchleben und durchleiden“ die Verlage schon lange. Was aber neu sei: Die Disruption erreiche jetzt auch „die eigentliche Lebensader“ der Häuser – den Vertrieb: Die Deutschen kaufen seltener stationär ein, kleine Läden verschwinden. Immerhin: Im Vertrieb sieht Welte „Anzeichen eines anderen Denkens“ und lobt die Grosso-Verhandlungsallianz sieben großer Verlage.

Und wie es sich für einen VDZ-Repräsentanten gehört, begründet Welte das alles nicht mit (höchst legitimen) Geschäftsinteressen, sondern mit dem großen Ganzen, über alle Titel und Gattungen hinweg. Die Verlage seien als „journalistischer Teil der Medienindustrie“ der „wertegebundene Gegenentwurf zur Flut an manipulativem Content, mit dem die Menschen heute in den sozialen Netzen konfrontiert sind“. Hinzu komme: „Vier der fünf Länder, in denen sich die Pressefreiheit am deutlichsten verschlechtert hat, liegen in Europa, und selbst hier in Europa kann es Journalisten ihr Leben kosten, dass sie ihrer Arbeit nachgehen“, sagt Welte mit Blick auf Jamal Khashoggi, Jan Kuciak und Daphne Caruana Galizia.


Das Jahr 2018 habe gelehrt, wie unersetzbar die Verlagsarbeit heute sei. „Schon lange war unser Auftrag, eine freie Presse zu gewährleisten, nicht mehr so wichtig wie heute“, so Welte. Und eine freie, unabhängige Presse könne nur marktwirtschaftlich funktionieren, mit den entsprechenden Geschäftsmodellen. rp

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