Zeitungskongress 2019

Springer-Chef verteidigt die taz vor Kritik aus Bayern

Kalle Ruch, Martin Balle, Hannah Suppa, Christine Richter (v.l.n.r.)
© BDZV
Kalle Ruch, Martin Balle, Hannah Suppa, Christine Richter (v.l.n.r.)
Der Straubinger Verleger Martin Balle hält es für Nonsens, dass die taz ihre werktägliche Printausgabe aufgeben will. Der SWMH-Chef wünscht sich kundenfreundliche Angebote, der FAZ-Geschäftsführer mehr Personal, mehr Geld und mehr Tempo. Eindrücke vom jährlichen Treffen der Verleger in Berlin.




In Bayern ticken die Uhren anders, vielleicht weiß der Verleger von Straubinger Tagblatt und Abendzeitung aber auch schlicht nicht, was die Stunde geschlagen hat. Gerade hatte der scheidende taz-Gründungsgeschäftsführer Karl-Heinz Ruch detailliert geschildert: Die Zeitungszustellung sei ein riesiges Problem und zwinge ein überregionales Blatt wie seines in Abhängigkeiten von Regionalverlagen. Im Grunde sei das System kaputt. Während der BDZV für die Zustellung jedoch staatliche Hilfen einfordert, rechnet Ruch vor, wie viel weniger es kosten wird, wenn die taz ihren Plan umsetzt, werktags digital zu erscheinen und die Zeitung nur noch am Wochenende gedruckt auszuliefern.

Martin Balle sagte, ihn verstöre das. Zunehmend harscher kritisierte er Ruch, er übe sich in gefährlicher Wahrsagerei, zerstöre mutwillig die Sichtbarkeit der Zeitung und gebe vorschnell den Leser auf. Für sein Straubinger Tagblatt sprechend sagte er: „Wir wären schön blöd, das funktionierende Printgeschäftsmodell vorzeitig aufzugeben.“ Ruchs Zahlenmaterial wegwinkend urteilte er: „Ihrem Nachfolger würde ich dringend raten, diesen Weg nicht zu gehen“.


Balle fiel sichtlich schwer sich vorzustellen, dass unterschiedliche Häuser unterschiedlich vorgehen und bisher niemand eine allgemein gültige Antwort auf die Frage kennt, wie sich der Journalismus in Zukunft finanziert. Ruch jedenfalls stellte er hin, als handle es sich um einen Spinner.

Da griff BDZV-Präsident Mathias Döpfner ein: Ruch habe nicht fantasiert, sondern ebenso nüchtern wie eindrucksvoll Fakten vorgetragen und wirtschaftlich in eigener Sache „die Hosen runtergelassen“. Jan Bayer, sein Vorstandskollege bei Axel Springer, staunte schon vor Wochen nach einem Besuch bei der taz, dort sei man in vielem weiter als man selbst. Allein die Höhe der Rücklagen zeige, sagte Döpfner nun: „Für die einst kapitalismuskritische taz sei das eine vorbildliche kapitalistische Leistung.“ Nur die fürs Regionale der Madsack-Zeitungen zuständige RND-Chefredakteurin Hannah Suppa fuhr unbeirrt fort: Auch in zehn Jahren werde es Print geben, dann aber für kleinere und spitzere Zielgruppen, während die breite Masse anders erreicht werde, nämlich digital.

Letztlich standen da also Vertreter ganz unterschiedlicher Zeitungen, Geschäftsmodelle und Unternehmenskulturen auf dem Podium. Das galt auch für das folgende mit SWMH-Geschäftsführer Christian Wegner und FAZ-Geschäftsführer Thomas Lindner am Ende des diesjährigen Zeitungskongresses. Während dem ehemaligen Pro-Sieben-Sat-1-Mann anzumerken war, wie er noch staunt über das ihm unvertraute Zeitungsgeschäft mit seinen überteuerten und noch dazu kundenfeindlichen Digitalangeboten, klagte Lindner über den Mangel an Technologiekompetenz, ohne die aber ein Medienhaus keine Zukunft habe. Er wünschte sich „mehr Leute, mehr Geld, und ich wäre gerne schneller“, gleichzeitig sei die Digitalisierung nicht zu forcieren. Interne Befragungen würden ergeben, dass neun von zehn FAZ-Käufern verloren gingen, wenn ihnen die gedruckte Zeitung weggenommen würde. Womöglich sind FAZ-Leser aber auch schlicht anders eingestellt als taz-Leser, die sich mit ihrer Marke stark solidarisieren. Lindner glaubt dennoch: „Die Märkte sind noch nicht so reif wie wir es gerne hätten“, die Leser seien zögerlich und benötigten Zeit, bis sie von Print auf Digital wechselten.
„Wir wären schön blöd, das funktionierende Printgeschäftsmodell vorzeitig aufzugeben.“
Martin Balle, Straubinger Tagblatt
Am Ende blieb in Erinnerung, was der Thalia-Chef in seinem Eingangsvortrag gesagt hatte: Erst die Angst um die eigene Existenz habe zur Frage geführt, mit wem man kooperieren könnte, um sich aus der Misere zu retten. Inzwischen sehe sich Thalia dank der Partnerschaften auf Augenhöhe mit Amazon.

Als Erkenntnis formulierte Döpfner zusammenfassend: Bündnisse mit Blick auf Technologie, Medienpolitik und Infrastruktur seien zwingend, um erfolgreiche Geschäftsmodelle für Journalismus zu schmieden: „Wenn man erfolgreich sein will, dann muss man sich Verbündete suchen und strategische Partnerschaften eingehen. Da können wir Verleger noch einiges bewegen.“ usi

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