Zeit-Chef Giovanni di Lorenzo

"Wir dürfen die Leser nicht ständig mit unseren eigenen Ansichten majorisieren"

Giovanni di Lorenzo wird Vorsitzender aller Chefredaktionen der Zeit Verlagsgruppe
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Giovanni di Lorenzo wird Vorsitzender aller Chefredaktionen der Zeit Verlagsgruppe
Mut statt Meinungsmache: Vor über drei Jahren war er der erste deutsche Chefredakteur, der die eigene Pressezunft öffentlich vor zu viel Gleichförmigkeit warnte. Mittlerweile treiben Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo weiterführende Fragen um – nicht zuletzt auf Druck der Leser.

Bereits 2015 hatte di Lorenzo wiederholt vor politisch korrektem Einheitsjournalismus gewarnt. "Nicht oktroyierter Konformismus, ob aus Bequemlichkeit, Opportunismus oder selektiver Wahrnehmung von Stimmungen, schadet uns Medien enorm", sagte er damals. Man müsse auch unangenehme Debatten führen und für den notwendigen Pluralismus sorgen. "Ich glaube aber, dass sich der konformistische Wind irgendwann drehen wird, denn das Heulen mit den Wölfen nutzt uns publizistisch in keiner Weise, im Gegenteil", fügte er 2015 an.



Jetzt, drei Jahre später, sieht di Lorenzo hier tatsächlich eine Verbesserung und nimmt die Medien wieder als kontroverser, mutiger und pluraler wahr – "und das tut uns allen gut!" Stattdessen macht sich der Zeit-Chef nun über zwei andere Punkte Gedanken. Zum einen würden in den öffentlichen Debatten über komplizierte Themen – etwa über Klimaschutz und Diesel-Fahrverbote – häufig die falschen Argumente priorisiert. Zum anderen die Trennung von Nachricht und Meinung: "Die edle Tugend der Einordnung darf keinen Vorwand liefern, um den Leser ständig mit eigenen Ansichten zu majorisieren", sagt di Lorenzo im HORIZONT-Interview: "Die Leser machen da Druck – und ich kann sie verstehen." Mit seiner Redaktion will er darüber diskutieren.

Verstehen kann er auch die Aufforderung von G+J-Chefin Julia Jäkel, die Werbewirtschaft möge aus gesellschaftlicher Verantwortung mehr in "Qualitätsmedien" und weniger auf Facebook buchen. Der Frage, ob er diesen Appell auch selbst unterschreiben würde, weicht er etwas aus und argumentiert wie viele andere lieber über die Werbewirkung: "Jetzt muss es darum gehen, den Anzeigenkunden klarzumachen, welchen Wert ihre Anzeige in einem Umfeld hat, das das Qualitätsversprechen einlöst." Die Verlage hätten da gute Argumente auf ihrer Seite – "ich bin nicht sicher, ob wir sie schon gewinnbringend einsetzen", so di Lorenzo.


Im Gespräch mit ihm und Zeit-Online-Chef Jochen Wegner geht’s auch um Geschäftsmodelle für Journalismus im Internet – und darum, ob Klick-Rankings von Artikeln den Journalismus verändern. Abonnenten lesen das Interview in der HORIZONT-Ausgabe 50/2018 vom 13. Dezember. Bereits eine Woche zuvor hatten di Lorenzo und Wegner in HORIZONT Online über das alte Zeit-Format, neue Ressorts und die Zusammenarbeit in getrennten Redaktionen gesprochen. rp

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