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Rezo beim Deutschen Medienkongress in Frankfurt
HORIZONT / Mara Monetti
Youtuber Rezo

"Nur, weil etwas in der Presse steht, ist es noch nicht wichtig"

Rezo beim Deutschen Medienkongress in Frankfurt
Wer zum HORIZONT-Award in die Frankfurter Alte Oper kommt, darf sich durchaus zum Establishment der Medien-, Agenturen- und Marketingkommunikationsbranche zählen. Wer dort ist, hat was zu sagen. Weit überwiegend waren das in der Vergangenheit eher etwas ältere Männer. Insofern ist es durchaus belebend, wenn man, wie jetzt geschehen, mal einen jüngeren aus einer ganz anderen Welt einlädt – und dann auch noch das Format ändert.
von Wolfgang Borgfeld Donnerstag, 30. Januar 2020
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16,6 Millionen mal wurde sein Video über die Versäumnisse der Politik im Allgemeinen und die der CDU im Besonderen bislang geklickt, es machte den Youtuber Rezo im Mai 2019 jenseits seiner jugendlichen Zuschauer einer großen Öffentlichkeit bekannt. Er war danach bei Böhmermann und wurde Kolumnist bei Zeit Online, was er übrigens "mega geil" findet. Seit 24. Oktober sind dort acht Beiträge erschienen, und die sind durchaus lesenswert, wie unter anderem seine 5 Tipps zum Umgang mit Aufregung im Netz (anlässlich der Umweltsau-Aufregung beim WDR) zeigen.


Rezo hielt keine Keynote, die Gastgeber hatten sich was besseres ausgedacht: Ein kleines Gespräch in weißen Lederfauteuils mit Zeit-Online-Chefredakteur Jochen Wegner. Der hatte in seiner mit Christoph Amend gestalteten Podcast-Reihe "Alles gesagt?" zwar schon 8 Stunden 40 Minuten mit Rezo gesprochen, aber für das Frankfurter Publikum blieb offenbar noch genug für unterhaltsame 20 Minuten.
Rezo und Jochen Wegner im Gespräch
© HORIZONT / Mara Monetti
Rezo und Jochen Wegner im Gespräch
Hier der ruhige, aufmerksame, in seiner Rolle als gut vorbereiteter Journalist beharrlich fragende Wegner, dort der unverfälscht als Youtuber locker und ohne Scheu daher plaudernde Rezo. In diesem Spannungsfeld entspann sich ein kurzweiliges Q&A.

Und es gab richtig geilen Scheiß zu hören. Wie beispielsweise den, was für Rezo denn eine adäquate Reaktion der CDU auf sein Video gewesen wäre. Natürlich vor allem, sich mit den Fakten auseinanderzusetzen, mit Sicherheit aber nicht (wie geschehen) in einem 13seitigen Brief! "Das liest doch kein Mensch!" Da hätte sich die CDU schon ein bisschen mehr Mühe geben können, man müsse Fakten auch aufbereiten, er habe das besser gemacht.


Also Lesen ist nicht Rezos Ding. Fernsehen aber auch nicht. Zwar war Rezo bei Böhmermanns TV-Show "Neo Magazin Royale", die finde aber im Internet statt. Er, Rezo, schaue nicht fern. Warum? Er habe das Gerät nie angeschlossen, bekannte der Youtuber seinem verblüfften Gegenüber, er wisse gar nicht, was er da tun müsse. Soviel zur Zukunft des linearen Fernsehens.

Dass Rezo einer Generation angehört, die ganz offensichtlich bewegte Bilder nicht nur anders konsumiert, sondern auch ein anderes Verständnis ihrer Produktion hat, zeigt eine kleine Anekdote mit Dunja Hayali. Die habe ihn gefragt, in einer Sendung mit ihr zwei Themen zu diskutieren. Rezo schaute sich die Themen an und befand, das gehe nicht – er brauche zwei Stunden, um sich mit ihnen richtig auseinanderzusetzen, sie von Experten vorstellen zu lassen und dann zu besprechen. Hayali hatte nur eine, aus der Sendung wurde nichts. "Ich dachte, wenn sie Bitte sagt, kriegt sie zwei Stunden", meinte Rezo – und man fragt sich: warum eigentlich nicht?

Habe sich nun, da Rezo selbst Journalist sei, sein doch zuletzt recht angespanntes Verhältnis zu Journalisten verändert? Ja und nein: "Ich hasse sie mehr, ich mag sie mehr." Vor allem die, die lügen, hat Rezo im Visier. Ungerechtfertigte Angriffe lasste er allgemein nicht auf sich beruhen. So hatte unter anderem dpa Fehler in der Berichterstattung einräumen müssen und sich bei Rezo entschuldigt.
„"Nur, weil etwas in der Presse steht, ist es noch nicht wichtig."“
Rezo


Dass falsche Sachen richtig gestellt werden, ist Rezo ganz offensichtlich weiter ein Anliegen. So kommt er richtig in Fahrt, als es um die Frage geht, was denn Bedeutung signalisiere? Ein paar kumulierte Äußerungen auf Twitter? "Völliger Quatsch, Dinge auf Twitter für wichtig zu halten", Twitter zeige nur einen winzigen Ausschnitt von der Welt. Das gelte aber auch für die Zeitungen: "Nur, weil etwas in der Presse steht, ist es noch nicht wichtig."

Was hat sich durch das Video verändert, will Wegner wissen. Er stehe nunmehr mehr im Fokus, was manchmal nerve, sagt Rezo, "vorher hatten uns alle in Ruhe gelassen". Andererseits werde die Plattform jetzt ernster genommen.

Wer Rezo vorher noch nie live gehört hatte, wusste am Ende des Talks mit Wegner: Das  Zerstörungsvideo ist ein Medienphänomen, der Macher selbst ist es nicht. Das hatte dieser auch nie behauptet, sich im Gegenteil in den Medien ziemlich rar gemacht. Aber: Das Gespräch in der Alten Oper hatte eine schöne Dynamik und erlaubte den Älteren im Publikum einen Blick in ein anderes jüngeres Universum.
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