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Axel Springer testet Print-Ableger "Bild Politik"

Nikolaus Blome und Selma Stern vor dem Logo des geplanten Wochenmagazins
© Axel Springer
Nikolaus Blome und Selma Stern vor dem Logo des geplanten Wochenmagazins
Nach dem Aus für "Fußball Bild" versucht sich Axel Springer erneut an einem gedruckten Wochentitel. Diesmal geht es um Politik, gefühlte Wahrheiten und Fragen, von denen zumindest "Bild" glaubt, dass sich Leser sie stellen. Getestet wird "Bild Politik" nach HORIZONT-Informationen zunächst in einem trichterförmigen Verbreitungsgebiet in und um die Hansestädte Hamburg und Lübeck. Die Idee dazu stammt von Selma Stern. Sie arbeitet derzeit als Referentin von Vorstand Jan Bayer.

Ärger, Neugier und Freude. So heißen die Rubriken, die bei "Bild Politik" an die Stelle der sonst üblichen Ressorts treten. Denn von Emotionen lasse sich das geplante Wochenmagazin leiten, hieß es am Donnerstagabend beim Blick in die "Laborküche" des Springer-Konzerns. Die Grundidee sei, Antworten zu liefern auf Fragen, die für die potenziellen Leser als die wichtigsten der Woche erscheinen sollen. Das spiegle die aktuelle gesellschaftliche Lage, sagte Nikolaus Blome, denn "auch Gefühle schaffen Fakten", und in Zeiten der Verunsicherung gelte es einen kühlen Kopf zu bewahren. Genau das, sagte der 55-jährige, wolle "Bild Politik" leisten, und zwar durch eine ganz eigene Sprache und Herangehensweise.



Blome, der bei "Bild" Politikchef und stellvertretender Chefredakteur ist, hat Springer der eigentlichen Urheberin der Idee, Selma Stern, zur Seite gestellt. Die 32-Jährige habe denkbar wenig journalistische Erfahrung, sagte Springer-Chef Mathias Döpfner. Eigentlich erstelle die Referentin seines Vorstandskollegen Jan Bayer tagein, tagaus Excel-Tabellen. Trotzdem habe sie dieses Zeitschriftenkonzept angeregt. Die besten Ideen entstünden nun einmal oft dort, wo sie gerade nicht entstehen sollten, sagte Döpfner, und verschwieg allerdings: Selma Stern mag journalistisch nur zwei Praktika in den Redaktionen der "Zeit" in Hamburg und "Bild" in Berlin vorzuweisen und darüber hinaus bei Unternehmensberatungen gearbeitet haben. Studiert aber hat sie Politikwissenschaften.

Gekommen ist Stern auf die Idee zu "Bild Politik" als regelmäßige Leserin des "Economist" und der für politische Themen reservierten Seite 2 von "Bild". Was ihr lange schon gefehlt habe, sagt sie, sei ein Nachrichtenmagazin, das kompakt das politische Geschehen analysiert, maximal verdichtet, maximal transparent und maximal nah am Leser ist. "Bild Politik", das zwischenzeitlich den allerdings verworfenen Titel "Q12" trug, könnte ihres Erachtens diese Lücke schließen. Ob das stimmt, und ob "Bild Politik" besser als anderen gelingt "durch die Brille der Leser auf die Welt der Leser zu schauen", wie Blome es formuliert, wird nun vom Frühjahr an getestet.


Erste Marktforschungen mit Gruppendiskussionen scheinen die Hoffnung auf einen ausreichend großen Bedarf genährt zu haben. Gleich im Januar beginnt die heiße Phase der Entwicklung, danach erfolgt der Markttest, dem Vernehmen nach in und rund um Hamburg und Lübeck. Erst dann, sagte Bayer, werde Springer sagen können, wie groß das Potenzial überhaupt sei, ob das Konzept "einen Nerv treffe" und wie die vermutete Zielgruppe politisch Interessierter zu charakterisieren sei. Sollte der Test erfolgversprechend sein, wird das für die Politikredaktion von "Bild" bedeuten, mit vorhandenen Ressourcen zusätzlich ein Wochenmagazin zu stemmen, das – hier scheiden sich die Geister – entweder freitags oder montags erscheinen könnte.

Warum aber ausgerechnet ein Printmagazin? Wegen der Haptik, sagt Stern, wegen der Abgeschlossenheit eines gedruckten Mediums, das einen Anfang und ein Ende habe und so zu einem besseren Verständnis des Gelesenen verhelfe.
„Wenn es darum geht, eine Auswahl und die Einordnung des Wesentlichen zu lesen, schätzen viele Menschen weiterhin ein gedrucktes Heft in der Hand“
Selma Stern, Vorstandsreferentin News Media
Ob das funktioniert? Verlagsleiterin Carolin Hulshoff Pol sagte schon bei der Einstellung von "Fußball Bild": Schlimmer wäre gewesen, diesen Versuch nicht gewagt zu haben: "Wir werden auch weiterhin den Mut und die Ideen haben, neue Dinge auszuprobieren." Damals deutete sich an, dass ein weiteres Printmagazin kommen könnte. Jetzt stellt sich heraus: Sie meinte "Bild Politik". Mathias Döpfner sagt darüber: "Ich liebe dieses Konzept, und ich glaube daran".

Bei der Gelegenheit erinnerte er an eine Wette, die 2013 in der "Berliner Zeitung" nachzulesen war. Springer hatte damals bereits alle Regionalzeitungen mitsamt "Hörzu" und weiteren Zeitschriften verkauft und nährte Zweifel, inwiefern es sich bei dem Konzern überhaupt noch um einen Verlag handle. Döpfners Wette lautete: "Axel Springer wird in fünf Jahren eine wesentlich gewichtigere Rolle im Qualitätsjournalismus spielen als heute".

Inzwischen erwirtschaftet der Konzern zwei Drittel des Umsatzes im Classifieds-Geschäft, wie das im Vorstand von Andreas Wiele verantwortete Segment mit digitalen Rubrikenanzeigen heißt. Doch dann zählte Döpfner auf, womit Springer aus seiner Sicht publizistisch punktet. Er nannte das Brüsseler "Politico", die auf Samsung-Geräten installierte, europaweit marktführende Nachrichten-App "Upday", den Fernsehsender Welt TV, neu eingeführte Zeitschriften wie "Die Dame" und "Blau", eine halbe Million digitale Abonnenten für "Bild" und "Welt", das globale, in den USA führende Wirtschaftsnachrichten-Portal "Business Insider" und, nicht zu vergessen, den an Wirtschaftsprofis adressierte Daten-Anbieter E-Marketer: Alles zusammen seien das 300 Millionen Unique User, die Springer nach internen Berechnungen mit journalistischen Angeboten erreiche. Die Arme im Rücken und mit gespielt  geschwellter Brust sagte Döpfner, man dürfe ihm gern widersprechen, aber: "Meine Chancen, diese Wette zu gewinnen, stehen ganz gut".

Im Erfolgsfall würde "Bild Politik" einen lang gehegten Wunsch erfüllen. Springer hätte sein erstes politisches Wochenmagazin. Versuche, allesamt letztlich nicht realisierte, gab es mehrere. Einer stammt aus der Zeit, als Philipp Welte kurzzeitig von Burda ins Springer-Management gewechselt ist (bevor er bei Burda Vorstand wurde); einen weiteren gab es, als Stefan Aust mit "Die Woche" hausieren ging – inzwischen ist er "Welt"-Herausgeber; und nun eben "Bild Politik". Doch erst einmal muss sich erweisen, dass die Magazinidee fruchtet. Bundesweit sechsstellige Verkäufe sollten es dann schon sein. Bei der wöchentlich erscheinenden "Fußball Bild" war das nicht der Fall. Sie hatten sich nach HORIZONT-Informationen bei zuletzt wöchentlich nur rund 22.000 Heften eingependelt. usi

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