VDZ Distribution Summit

"Ohne adäquate Gegenleistung müssen wir Verlage uns den US-Plattformen verweigern"

Andreas Schoo, Thomas Lindner und Stefan Ottlitz (früher Plöchinger)
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Andreas Schoo, Thomas Lindner und Stefan Ottlitz (früher Plöchinger)
Ausgerechnet Ex-Bauer- und nun Funke-Geschäftsführer Andreas Schoo hinterfragt Gemeinschaftsredaktionen. Köpfe der VDZ-abtrünnigen Verlage Gruner + Jahr und Spiegel reden auf der VDZ-Bühne. Und bei FAZ-Geschäftsführer Thomas Lindner leuchten mit Blick auf Apple die Warnlampen. Drei Beobachtungen vom VDZ Distribution Summit in Hamburg.

Nanu, wer spricht denn da? Stefan Ottlitz (früher Plöchinger), Leiter Produktentwicklung beim Spiegel, steht auf der Bühne und referiert über (die eigenen) Erlösmodelle im Digitaljournalismus. Und ein Tag später Christopher Höpfner, Sales Director bei der G+J-Vertriebstochter DPV, über das Pricing von Presse. Beide Aufritte dürfen erstaunen. Denn G+J und Spiegel (und der Zeit-Verlag sowie Medweth) sind im vergangenen Jahr im Streit aus dem Fachverband Publikumszeitschriften (PZ) des VDZ ausgetreten, auch als Reaktion auf das aus ihrer Sicht intransparente Berufungsverfahren des damaligen VDZ-Präsidenten Stephan Holthoff-Pförtner. Seitdem sind die Abtrünnigen den VDZ-Veranstaltungen ferngeblieben, vor allem deren Chefs und auf den Bühnen, manchmal sogar als Besucher.



Und nun Ottlitz und Höpfner prominent auf der Bühne? Gibt es da eine Wiederannäherung? Beim VDZ hängt man diese Auftritte tiefer. Vertreter von G+J und Co hätten auch schon 2017 die B-to-B-Veranstaltungen des Verbandes besucht. Außerdem seien sie ja nach wie vor Mitglieder der Landesverbände. Nun, das mag ja alles sein – doch auf den VDZ-Bühnen mitgewirkt haben sie seit ihrem Austritt nicht. Und der VDZ Distribution Summit ist keine Veranstaltung eines Landesverbandes, sondern auch und vor allem des PZ-Fachverbandes, aus dem beide Häuser mit Pauken und Trompeten ausgetreten waren.

Auch Andreas Schoo wurde lange nicht auf einer VDZ-Veranstaltung gesichtet, schon gar nicht auf der Bühne. Bis Herbst 2017 war er Geschäftsleiter der Bauer Media Group – und Bauer war schon 2010 aus dem PZ-Fachverband ausgetreten, damals im Vertriebsstreit. Doch seit diesem April agiert Schoo als Zeitschriften- und Digital-Geschäftsführer der Funke Mediengruppe. Bauer und Funke – zwei Verlagsriesen, die auf große Redaktionspools setzen, die mehrere Titel bestücken. Umso mehr ließen Schoos Bemerkungen aufhorchen zu einem seiner Charts, das den Auflagenerfolg des Funke-Frauen- und TV-Magazins „TV für mich“ abbildet.


Seit zehn Jahren steigen dessen Einzelverkäufe, dokumentiert Schoo und kommentiert: „Das ist ein Erfolg eigentlich gegen unsere Effizienzannahmen, denn dieser Titel hat seine eigene Redaktion.“ Hier gebe es keine quasi-industrielle Fertigung aus einer Gemeinschaftsredaktion wie bei anderen Heften. Auf die Frage aus dem Publikum, ob das dann nicht auch ein Erfolgsrezept für andere Titel sein könnte, sprach Schoo von einer „Einzelfallbetrachtung“.

Und dann war da noch Zeitungsmann Thomas Linder beim Zeitschriftenverband. Der FAZ-Geschäftsführer kündigte nicht nur eine Online-Flatrate an, sondern rief auch zu einem Schulterschluss der Verlage gegen die US-Netzwerke auf. „Wir dürfen klugen Journalismus nicht länger um dummer Reichweite willen für kleines Werbegeld an Plattformen abgeben.“ Er erinnerte etwa daran, dass Apple bald seine neue News-App nach Deutschland bringt. Die Verlage dürften sich nicht dazu hinreißen lassen, diese „sicherlich wieder sensationelle sexy App“ anzufüttern und erst später nach Erlösquellen zu suchen. „Wir brauchen im Zusammenspiel mit den neuen Formaten der Plattformen ein funktionierendes Geschäftsmodell – von Anfang an“, so der FAZ-Chef. Es dürfe nicht sein, dass sich kommerzielle Anbieter ohne adäquate Gegenleistung an Journalismus bedienten.

Lindner: „Ist Apple dazu bereit, kann ein Produkt wie Apple News eine Chance auch für uns sein. Ist Apple dazu nicht bereit, müssen wir uns diesem System verweigern.“ Ohne relevante Titel würden derartige Aggregatoren nicht funktionieren. „Wir sind einflussreicher als wir glauben, wenn wir uns nicht gegeneinander ausspielen lassen“, ergänzt er. Hier müssten VDZ und BDZV die Verlage koordinieren. Und selber handeln: Angesichts der Herausforderungen müssten beide „vielleicht jetzt mutiger und entschiedener sein bei den Überlegungen über ihre eigene zukünftige Verbandsstruktur“, so Lindners Grußadresse an den Summit-Veranstalter.

Zu Vertriebskooperationen riefen derweil Schoo und Burda-Vorstand Philipp Welte auf. Mehr dazu lesen Abonnenten in der HORIZONT-Ausgabe 38/2018 vom 20. September. rp

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