Trotz Relotius, Fakes und Hate-Speech

So offensiv wirbt die Henri-Nannen-Schule um Journalistennachwuchs

Das Motiv mit G+J-Chefin Julia Jäkel
© Henri-Nannen-Schule / Jim Rakete
Das Motiv mit G+J-Chefin Julia Jäkel
Jetzt erst recht: Die Henri-Nannen-Schule startet die erste Werbekampagne ihrer 40-jährigen Geschichte, mit branchenprominenten Protagonisten und offensiven Anspielungen auf „Lügenpresse“-Anfeindungen. Konzipiert wurde sie vor dem Relotius-Fälschungsskandal – und soll nun trotzdem (oder gerade deshalb) um Journalistenschüler werben.

Entwickelt wurde die Kampagne, um die Bewerberzahl zu stabilisieren und auf das veränderte Schulprogramm hinzuweisen. Zwar liegt die Zahl der Online-Registrierungen pro Jahr recht konstant zwischen 1500 und 2000, doch zuletzt nur noch 300 bis 500 Interessierte haben sich anschließend mit zwei Probetexten um einen der jährlich 16 Ausbildungsplätze (künftig: 18) beworben – vor sechs Jahren waren es noch 800. Der Journalistenberuf scheint an Faszination verloren zu haben. Vielleicht ein Modephänomen oder ein Imageproblem; vielleicht aber haben sich auch die erschwerten wirtschaftlichen Bedingungen für Verlage und die (etwa im Vergleich zu vielen Tech-Jobs) überschaubaren Verdienstmöglichkeiten herumgesprochen.



Kampagne der Henri-Nannen-Schule: Das sind die Motive


Darauf – und auf die veränderten Berufsanforderungen – hat die Henri-Nannen-Schule (HNS) reagiert und ihr Programm komplett umgebaut. Es dauert künftig zwei statt anderthalb Jahre und soll keine Generalisten mehr hervorbringen, sondern Spezialisten: Nach dem ersten halben Jahr mit Basiskursen für alle folgen 18 Monate, in denen die Volontäre gezielter als bisher zu Schreibern oder zu Produktentwicklern ausgebildet werden. Letztere können sich entscheiden zwischen einem technologischen („Techies“) und einem unternehmerischen Schwerpunkt („Publisher“). In dieser Hauptphase absolvieren die Schüler nun Seminare und Praktika bei den HNS-Trägerhäusern Gruner + Jahr und Zeit-Verlag sowie beim Spiegel. Und mehr Geld gibt es auch: In den ersten sechs Monaten erhalten sie zwar nur noch 500 Euro – danach jedoch 1500 Euro pro Monat. Bisher waren es konstant nur 764 Euro pro Monat.

Die Onlinekampagne startet an diesem Donnerstag, pünktlich zum Beginn der nächsten Auswahlrunde am 11. Januar, mit zehn animierten Motiven. Dort zitieren bekannte Köpfe aus der Medienwelt (darunter G+J-CEO Julia Jäkel, Zeit-Chef Giovanni di Lorenzo, TAZ-Boss Georg Löwisch, Spiegel-Kolumnist Jan Fleischhauer und ZDF-Moderatorin Dunja Hayali) je eine Anfeindung gegenüber Journalisten, etwa „Lügenpresse“, „Gutmensch“, „Populist“, „Korrupt“ oder „Linksgrünversifft“. Es folgt die Auflösung: „Behauptungen sind nicht die Wahrheit – Finde heraus, wie du sie rausfinden kannst“, samt Link zur Bewerbung. Die Motive erscheinen bis Ende März in zwei Flights à drei Wochen auf Facebook, Instagram und auf den Sites passender Titel der drei Verlage. Der Auftritt wurde entwickelt vom G+J-Marketing in Zusammenarbeit mit dem Kreativteam Thomas Homoki und Jonas Ohlhaver.


Doch dann, die Kampagne war längst fertiggestellt, schlug der Fall Relotius ein, beim Spiegel und in der gesamten Pressewelt. Konterkariert der Fälschungsskandal die Ausrichtung des Auftritts und speziell mancher Motive („Fake“)? Dem Vernehmen nach hatten die HNS-Verantwortlichen und die drei Verlage zunächst überlegt, die Werbung einzustampfen oder zu ändern – doch sich dann entschieden, wie geplant zu starten. „Auch wir als Journalistenschule müssen uns dieser Debatte offensiv stellen“, sagt HNS-Leiter Andreas Wolfers: „Daher sehen wir diese Kampagne als ,Jetzt-erst-recht'-Kampagne, die gerade zur richtigen Zeit kommt.“ rp

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