Theodor-Wolff-Preis

Günter Bannas: „Der Leser ist nicht so bequem und unwissend, wie manche glauben“

Günter Bannas
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Günter Bannas
Das bestimmende Thema der diesjährigen Verleihung des Theodor-Wolff-Preises lautete "Heimat und die Fremden". In insgesamt vier Kategorien ausgezeichnet wurden Journalisten von taz, "Zeit Online", "Berliner Zeitung", "SZ Magazin" und "Zeit". Für seine fast vier Jahrzehnte währende Arbeit als Hauptstadtkorrespondent der FAZ erhielt Günter Bannas den Preis fürs Lebenswerk. Er nutzte die Gelegenheit, den versammelten Verlegern ins Gewissen zu reden.

In Zeiten wie diesen sei es eine große Auszeichnung, einen Preis zu erhalten, der den Namen eines großen deutschen Demokraten trägt, leitete der grünbesockte Günter Bannas seine Dankesrede ein und verhehlte nicht, wie sehr er drei Monate nach seiner Pensionierung noch immer für den Journalismus brennt. Verfolge er das aktuelle Treiben von Seehofer, Söder und Merkel in der Großen Koalition, sagte er, erfasse ihn Wehmut, den Beruf, der ihm so viel Freude bereitet habe, nicht wenigstens noch drei Jahre ausüben zu können. Ein wenig Neid empfinde er daher auf die aktiven Kollegen. Immerhin könne er versichern, nicht ganz mit dem Schreiben aufzuhören. "Lebbe geht weider", zitierte der gebürtige Kasseler den ehemaligen Eintracht-Frankfurt-Trainer Dragoslav "Stepi" Stepanović.


Damit hätte der von Jörg Thadeusz moderierte Abend enden können, doch da Bannas nun schon einmal die Gelegenheit hatte, auf der Bühne zu stehen, nutzte er den Moment und sagte: Die FAZ und seine zweite Lieblingszeitung, die "Süddeutsche", respektierten, dass der Leser intellektuell gefordert werden wolle. Der Satz, "immer an die Leser zu denken", dürfe nämlich "nicht dazu führen, dass wir Journalisten dem Leser hinterherlaufen". Der sei "nicht so bequem und unwissend wie manche glauben".

Bannas richtete "an die anwesenden Vertreter von Verlagen" daher diesen Appell: "Der Leser will Qualität, Qualität kostet Geld", das wüssten zwar alle, sollten das aber bitte auch berücksichtigen, denn "nicht jede Sparmaßnahme ist von Nutzen". Er wünsche "allen viel Erfolg dabei", Kollegen wie die an diesem Abend geehrten "weiterhin zu fördern – und auch ordentlich zu bezahlen".

Bannas Auftritt war zweifellos der Höhepunkt des vom Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger ausgerichteten Abends. Zuvor hatten fünf Journalisten in vier Kategorien ihre mit 6000 Euro dotierten Theodor-Wolff-Preise entgegengenommen. Beim Thema des Jahres, "Heimat und die Fremden", gab es gleich zwei: Einen erhielt Hannes Koch von der taz für seine aus eigenem Erleben erzählte Geschichte über den bei ihm aufgenommenen, aus Syrien geflüchteten Karim sowie Vanessa Vu von "Zeit Online" für ihren ebenfalls aus eigenem Erleben geschilderten Artikel "Meine Schrottcontainerkindheit".

Preisträgerin in der Sparte "Lokales", obgleich die Story nicht wirklich eine lokale war, ist Anne Lena Mösken von der "Berliner Zeitung" über eine beim Anschlag am Breitscheidplatz traumatisierte Helferin.

Lorenz Wagner vom "SZ-Magazin", der mit seinem Porträt der Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus bereits beim Nannen-Preis nominiert, angesichts der überragenden Konkurrenz durch Markus Feldenkirchens Schulz-Story im April allerdings leer ausgegangen war, nahm den Theodor-Wolff-Preis in der Sparte "Reportage" entgegen.

Aus Sicht der Jury überzeugend in seiner Stärke, aber nur bedingt zur Kategorie "Meinung" passend, war der "Zeit"-Essay "Alles Zufall?" von Malte Henk. Damit hatten die "Zeit" und die "Süddeutsche", die in diesem Jahr die mit Abstand meisten Arbeiten eingereicht hatten, immerhin in zwei Kategorien Erfolg.

Von Laudator Wolfgang Thierse, von Haus aus Germanist, war schließlich zu lernen, dass der häufige Gebrauch des Konjunktivs, wie Bannas ihn pflegte und wohl weiterhin pflegen wird, vieles über journalistisches Ethos verrate. Als Stilmittel signalisiere der Konjunktiv nämlich das Gegenteil dessen, was zum Leidwesen des ehemaligen Bundestagspräsidenten die aktuelle Berichterstattung präge: Überwältigungsjournalismus anstelle von Fairness und Distanz.

Die Beiträge aller Preisträger wie auch Nominierten sind hier nachzulesen. usi



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