Terroranschlag

Christchurch-Video stellt Facebook vor Probleme - und bringt Bild Kritik ein

Der Täter streamte seine Tat live über Facebook
© Marco Saal
Der Täter streamte seine Tat live über Facebook
Das Video des Anschlags von Christchurch sorgt weiterhin für Diskussionen. Der Täter hatte seine Tat live über Facebook verbreitet, zahlreiche Medien verwendeten für ihre Berichterstattung Ausschnitte oder Screenshots aus dem 17-minütigen Video. Facebook versucht, die Verbreitung einzudämmen, in Neuseeland muss sich bereits ein Mann wegen der Weiterverbreitung des Clips vor Gericht verantworten. 
Der Attentäter hatte seinen Anschlag, bei dem am Freitag 50 Menschen ums Leben kamen, mit einer Helmkamera gefilmt und live im Video verbreitet. Das 17 Minuten lange Video, in dem zu sehen ist, wie der Täter in zwei Moscheen zahlreiche Menschen erschießt, verbreitete sich anschließend schnell im Internet. Viele Medien nutzen Bilder aus dem Clip für ihre Berichterstattung über die Tat. Mittlerweile versuchen die Behörden und Facebook, die Verbreitung einzudämmen. 


Facebook hat nach eigenen Angaben in den ersten 24 Stunden nach dem Anschlag auf zwei Moscheen in Christchurch 1,5 Millionen Videos der Tat aus dem sozialen Netzwerk gelöscht. "Wir arbeiten weiter rund um die Uhr, um  die regelwidrigen Inhalte zu entfernen", twitterte Mia Garlick von Facebook Neuseeland am Sonntag. Zur Entfernung der Inhalte würden sowohl technische Hilfsmittel sowie Angestellte eingesetzt. 1,2 Millionen der entfernten Videos seien bereits beim Hochladen blockiert worden. Aus Respekt für die Betroffenen sowie wegen Bedenken der Behörden würden auch alle bearbeiteten Versionen des Videos entfernt, einschließlich derer, die keine brutalen Szenen zeigten, schrieb Garlick weiter. 

„Wir arbeiten weiter rund um die Uhr, um die regelwidrigen Inhalte zu entfernen.“
Mia Garlick
Kopien eines 17-minütigen Videos, das der Täter mit seiner Helmkamera gefilmt hatte, waren noch Stunden nach der Tat im Internet verfügbar. Die Betreiber sozialer Medien und Internetplattformen wurden vielfach dafür kritisiert, die Verbreitung des Videos nicht schneller gestoppt zu haben. Die Polizei sowie Premierministerin Jacinda Ardern hatten Nutzer aufgerufen, das Video nicht zu teilen. Experten warnten, die Verbreitung des Videos könne die Gefahr von Nachahmertaten erhöhen. 


In Deutschland hatte unter anderem Bild Auschnitte aus dem Video gezeigt und dafür viel Kritik geerntet. In dem Clip ist unter anderem zu sehen, wie der Attentäter seine Waffen aus dem Auto nimmt, die Moschee betritt und diese nach der Tat wieder verlässt. Die Szenen, in denen er auf die Menschen in der Moschee feuert, wurden herausgeschnitten.

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Bild-Chefredakteur Julian Reichelt verteidigte die Veröffentlichung in einem Kommentar: "
Journalismus muss zeigen, was geschehen ist. Journalismus ist dazu da, Bilder der Propaganda und Selbstdarstellung zu entreißen und sie einzuordnen. Erst die Bilder verdeutlichen uns die erschütternde menschliche Dimension dieser Schreckenstat. Das Video des Massakers ist online überall genauso verfügbar, wie der Täter es wollte. Journalismus darf solche Bilder aber nicht Social Media überlassen", argumentiert Reichelt. 

Beim Deutschen Presserat sind bereits mehrere Beschwerden gegen die Bild wegen der Veröffentlichung des Videos eingegangen. Diese werden nun geprüft. Auch der Deutsche Journalisten-Verband weist im Zusammenhang mit dem Video auf die Einhaltung des Pressekodex hin - dieser gelte natürlich auch für die Berichterstattung über Christchurch: "Es steht für mich außer Frage, dass journalistische Medien nicht das Video des Attentäters zeigen dürfen, auch nicht in längeren Ausschnitten", stellt DJV-Bundesvorsitzender Frank Überall klar. Aufgabe der Journalistinnen und Journalisten sei die Information und nicht die Befriedigung von Sensationsbedürfnissen. Es könne nicht sein, dass Facebook millionenfach das Video des Attentäters lösche und hierzulande einzelne Boulevardmedien Teile des Films auf ihren Digitalseiten zeigten.

Überall widerspricht zudem ausdrücklich der Argumentation von Bild-Chefredakteur Reichelt, man dürfe diese Bilder nicht den sozialen Medien überlassen: "Journalismus hat die Aufgabe, aufzuklären, Informationen einzuordnen, sie zu recherchieren, Hintergrund zu liefern. Welchen Erkenntnisgewinn haben Mediennutzer davon, durch die Perspektive der Body Cam des Attentäters einen Teil des grauenhaften Geschehens zu sehen?" Wenn sich jetzt Bürger beim Deutschen Presserat beschwerten, sei das die logische Konsequenz. 

In Neuseeland muss sich unterdessen ein 18-Jähriger für die Verbreitung des Lives-Streams der Tat vor Gericht verantworten. Der junge Mann wurde am Montag einem Richter in Christchurch vorgeführt, wie die Tageszeitung New Zealand Herald berichtete. Dem 18-Jährigen wird vorgeworfen, die Aufnahmen des Anschlags im Netz geteilt zu haben. Auch soll er Zeitungsangaben zufolge ein Foto von einer der angegriffenen Moscheen online veröffentlicht und mit der Botschaft "Ziel erfasst" versehen haben. In weiteren Chat-Nachrichten habe er darüber hinaus zu "extremer Gewalt angestachelt". 

Der 18-Jährige war bereits am Freitag festgenommen worden und sitzt in Untersuchungshaft. Mit der Bluttat soll er nach Angaben der Polizei sonst nicht in Verbindung stehen. Eine Freilassung auf Kaution wurde am Montag verweigert. Am 8. April soll der Jugendliche erneut vor den Richter treten. dh/dpa
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