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Bernhard Pörksen auf dem Deutschen Medienkongress in Frankfurt
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Storytelling

Bernhard Pörksen und die perfekte Kurzgeschichte in nur sechs Worten

Bernhard Pörksen auf dem Deutschen Medienkongress in Frankfurt
"Unsere Welt besteht nicht aus Atomen, sondern aus Geschichten", sagt der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen. "Sie sind die Ordnungsform unserer Wirklichkeit. Und wir Menschen sind Storytelling Animals." Was gute Geschichten ausmacht und warum Storytelling in der digitalen Sphäre so gefährlich wird, erklärte Pörksen heute beim Deutschen Medienkongress. Und sorgte für einige "Wow!"-Effekte.
von Klaus Janke Donnerstag, 30. Januar 2020
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Bernhard Pörksen, Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen, kann selbst sehr gut Geschichten erzählen. Zum Beispiel die von Ernest Hemingway, der einmal beim Zechen mit Freunden wetteiferte, wer die kürzeste Kurzgeschichte schreiben könne.


Hemingway ließ sich vom Barkeeper einen Bierdeckel geben und schrieb ohne Zögern: "For sale: baby shoes, never used." Eine perfekte Story, vor allem deshalb, weil sie nur andeutet und es unserer Phantasie überlässt, sie auszufüllen: die Mutter, die schon Schuhe für ihr Kind gekauft hat, ein Kind, das diese Schuhe nie tragen sollte, aus bestimmt sehr tragischen Gründen, wenn es überhaupt zur Welt gekommen ist. "Eine gute Geschichte erzählt nicht alles", sagt Pörksen, "sie lässt offene Räume."

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Zwei weitere Faktoren kommen hinzu, wenn Geschichten einen "Wow!"-Effekt erzeugen sollen: Zum einen bedienen sie archetypische Muster: David gegen Goliath, der Aufstieg aus dem Nichts oder ein kleines Mädchen, das eine Weltgemeinschaft begründet – Greta Thunberg. "Diese Geschichten haben eine Botschaft, die über sie selbst hinausweist", sagt Pörksen. Zum anderen arbeiten sie mit starken Symbolen, die einprägsam sind: Das Bild der Erde, aus dem Weltall aufgenommen, erzählt sehr viel über die menschliche Begrenztheit.


So weit, so gut. Nur leider verändert sich Storytelling im digitalen Zeitalter. Im Netz, dem "riesenhaften Pool unserer Sehnsüchte und Wünsche", kann es eine unheilvolle Wirkung entfalten. Wir ignorieren große Probleme, weil uns kleine, sich aber viral schnell verbreitende Geschichten aus fernen Ländern stärker interessieren. Geschichten werden missbraucht, um Lügen zu verbreiten und Stimmungen zu manipulieren. Sie können zur Hysterisierung führen, die Erregung über vergleichsweise banale Themen (#Omagate) verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Dieses "überreizte Storytelling" ist oft mächtiger als positive und konstruktive Inhalte. Und es ist nicht einfach, mit ermutigenden Geschichten dagegen anzuerzählen. Aber Pörksen hat in Frankfurt zumindest gezeigt, wie man das am besten anstellt. kj
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