Stellenabbau

Vice gründet einen Betriebsrat

Bei Vice gründet sich eine Arbeitnehmervertretung
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Bei Vice gründet sich eine Arbeitnehmervertretung
Die Not der Berliner Mitarbeiter von Vice Media muss wirklich groß sein. Bisher jedenfalls war es dort undenkbar, einen Betriebsrat zu gründen. Man arbeitete schließlich in einem innovativen und aufstrebenden Unternehmen mit flachen Hierarchien. Deshalb, das sagten sie auch in Amerika, sei das nicht notwendig.

Der Text auf den Zetteln, die heute Morgen bei Vice.com in Berlin aushängen, ist in einer Sprache verfasst, die den Mitarbeitern dort ziemlich fremd sein dürfte. „Sehr geehrte Damen und Herren“, lautet die Anrede, gefolgt von Formulierungen wie: „aus dem Kreise der Beschäftigten“, „wird durchgeführt“, „bezüglich der Zusammensetzung“, „wird unterbreitet werden“. Das ist nicht die Sprache von Vice, der nach eigenem Empfinden coolsten Medienmarke der Welt, erwachsen aus einem Punk-Magazin und heute ein globaler Konzern mit breitgefächtertem Angebot, ebenso beliebt bei jungen Nutzern wie jungen Mitarbeitern.



Wer in Berlin für die Webseite Vice.com, die Videoproduktion, die Sales-Abteilung, den Musikkanal Noisey oder die Technikplattform Motherboard arbeitet, hat sich in der Regel jedenfalls bisher nicht damit beschäftigt, was sich hinter „§ 20 BetrVG“ verbirgt oder gar in „§ 17 in Verbindung mit § 44 Abs.1“ desselben Gesetzes steht.Die Institution Betriebsrat war in der Welt von Vice Media etwas, was man vom Hörensagen kannte, zum Beispiel aus den traditionell geführten Verlagen mit ihrem Ruf, in verkrusteten Strukturen zu verharren und bloßes Sparen als Innovation zu verkaufen.

Rund 150 Mitarbeiter der deutschen Sektion von Vice.com bespielen in dem hippen Laden an der Spree sämtliche zur Verfügung stehenden Kommunikationskanäle mit allem, was junge Nutzer anspricht. Das versprach schnelles Wachstum in der Gewissheit, mit einem über die ganze Welt verstreuten Team die mediale Zukunft zu gestalten, alles easy, alles transparent. Das hat sich gedreht.


Vice Media kündigte in diesen Tagen an, dass 250 der weltweit 2500 Mitarbeiter ihren Job verlieren würden – und steht damit nicht allein. Buzzfeed streicht sogar 15 Prozent der Stellen, wenngleich die deutsche Ausgabe davon vorerst nicht betroffen ist. Dafür zieht die Huffington Post hierzulande den Stecker gleich ganz.

Das lässt die Illusion platzen, explizit multimedial aufgestellte Marken hätten auch deshalb eine aussichtsreiche Zukunft, weil sie eben nicht unter der Last eines Print-Erbes leiden und schon gar nicht hausintern auf Traditionsmarken Rücksicht zu nehmen haben. Wer weiß, womöglich wäre der eine oder andere in der aktuellen Situation ganz froh, ein Schlachtross hinter sich zu wissen, alternd und schrumpfend zwar, aber noch immer gewinnbringend genug, um im Zweifel ein wenig Sicherheit zu bieten. Stattdessen leiden solche Marken nun nicht minder unter sinkenden Werbeeinnahmen und Reichweiten, und ihre unbedarften Mitarbeiter stellen fest, dass ihre Chefs in New York in eigener Sache viel weniger von Transparenz halten als gedacht und erst recht nicht lange fackeln, wenn die Zahlen nicht stimmen. Dann ist sie dahin, die wohlige US-Leichtigkeit.

Denn es rächt sich, dass Digital-only-Medien wie Vice.com einzig auf Reichweite vertrauten, ihre Nutzer zum überwiegenden Teil über Social Media suchten und sich dadurch der Willkür eines Facebook-Algorithmus auslieferten. Zuletzt brach die Reichweite von Vice.com merklich ein. Nun harren die Mitarbeiter nicht nur in Berlin der schlechten Nachrichten aus Übersee. Wann und was da kommt, weiß keiner, eine direkte Kommunikation gibt es nicht, nicht mit der Führungsspitze und schon gar nicht mit denen von Disney. Das ist der Hintergrund, vor dem die Mitarbeiter auf die Idee kamen, eines der bewährten Werkzeuge deutschen Arbeitsrechts zu nutzen und einen Betriebsrat zu gründen: spät allerdings, womöglich zu spät.

Rund ein Fünftel der 150-köpfigen Vice-Belegschaft in Berlin hat die Liste mit dem Aufruf zur Wahlversammlung binnen weniger Tage unterschrieben, darunter Felix Dachsel, seit vorigem Herbst als Nachfolger von Laura Himmelreich Chefredakteur des zwölfköpfigen DACH-Teams von Vice.com (davon sieben Mitarbeiter in Deutschland), Claus Schwartau, Chefredakteur von Noisey, und Sebastian Meineck, Chefredakteur von Motherboard.

In ein paar Wochen könnten die sieben Mitglieder gewählt sein und sich ein Betriebsrat konstituiert haben. Es bleibt jedoch zu befürchten, dass sich der Respekt vor einer deutschen Arbeitnehmervertretung bei den Amerikanern in Grenzen hält. usi

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