Statt Formatänderung in Print

So wollen Giovanni di Lorenzo und Jochen Wegner die Zeit digitaler machen

Giovanni di Lorenzo wird Vorsitzender aller Chefredaktionen der Zeit Verlagsgruppe
© Jim Rakete für Die Zeit
Giovanni di Lorenzo wird Vorsitzender aller Chefredaktionen der Zeit Verlagsgruppe
Online-Evolution statt Print-Revolution: Ein pragmatisches anstatt radikales Strategiepaket haben die Zeit-Oberen am Donnerstag bei der Mitarbeiter-Weihnachtsfeier geöffnet. Die beiden wichtigsten Chefredakteure des Hauses erhalten weitere Aufgaben, mit Hintergedanken. Und es gibt neue Ressorts – aber kein schickes neues Tabloid-Format für die Wochenzeitung, das wie kaum eine andere Maßnahme für eine neue „Zeit“ hätte stehen können.

"Wir haben uns vorläufig gegen eine Umstellung des Formats entschieden", sagt Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo. Warum, das erklärt er im Interview mit HORIZONT Online. Ab Januar warten weitere Aufgaben auf ihn: di Lorenzo übernimmt zusätzlich den Vorsitz aller Chefredaktionen der Verlagsgruppe (etwa der zehn Magazine) und soll dabei koordinierend tätig sein. Und Jochen Wegner, Chefredakteur von Zeit Online, wird zusätzlich Mitglied der Zeit-Chefredaktion. Hier soll er sich um eine stärkere Zusammenarbeit und Verzahnung von Print und Online kümmern. Auch dazu mehr im Interview unten.



„Wir haben uns in den letzten drei Jahren sehr intensiv mit der Frage beschäftigt, wie die Zeit aussehen müsste, wenn man sie neu erfinden würde“, sagt di Lorenzo. Auch mit den Lesern wurden diese Fragen erörtert. Die meisten der Antworten setze man nun nach und nach um. So will er im 1. Halbjahr 2019 unter dem voraussichtlichen Titel „Streit“ ein Ressort starten, um den großen Debatten mehr Raum zu geben. Zudem werden die beiden Ressorts „Chancen“ und „Wissen“ zum neuen Großressort „Bildung“ vereint, unter der Leitung von Andreas Sentker und Manuel Hartung. Neue Produkte auch im Netz: „Wir denken über besondere Inhalte für Abonnenten nach, die wir ausschließlich digital anbieten“, sagt Wegner.
Jochen Wegner steigt in die Chefredaktion auf
© Meiko Herrmann/Die Zeit
Jochen Wegner steigt in die Chefredaktion auf
Daneben sucht der Verlag für seine sechs Berliner Redaktionen (Hauptstadtbüro, Investigativ-Ressort, Zeit Online, Zeit Magazin, Ze.tt, Credo/Christ & Welt) einen gemeinsamen Standort in der Hauptstadt. Damit will man die Kommunikation zwischen den Redaktionen verbessern, heißt es. Einer konsequenteren, weil kompletten Zusammenlegung mit der bislang Hamburger Print-Redaktion sowie den dortigen Verlagsabteilungen unter einem Berliner Dach erteilt das Haus eine Absage. rp

"Was ist Markenkern - und was Marotte?"

Herr di Lorenzo, werden Sie in der neuen Struktur der Chef von Online-Chef Jochen Wegner?
Giovanni di Lorenzo:
Nein, disziplinarisch und arbeitsrechtlich ändert sich gar nichts. Darum geht es auch gar nicht. Sondern wir haben gemerkt, wie bereichernd es ist, viel miteinander zu reden. Jede Seite geht da schlauer heraus als vorher. Für diese Gespräche schaffen wir einen institutionellen Rahmen, um nicht allein darauf vertrauen zu müssen, dass sie sich spontan ergeben. Wir wollen das nun regelmäßig tun und mit großem Nachdruck.
Jochen Wegner: Ich bin zwar noch nicht einmal sechs Jahre hier, wage aber die These, dass das dem Geist des Hauses entspricht. Die Dinge werden ausführlich und kooperativ besprochen, und selten bis nie angeordnet. Insofern passt die jetzt gefundene Lösung sehr gut zu uns.

Sie betonen den „großen Erfolg“ Ihres Online-Bezahlmodells Z Plus und die schon bisher tolle Zusammenarbeit der Print- und Onlineredaktion. Was genau soll durch Ihre künftige Führungsstruktur möglich werden, was bisher nicht möglich ist?
di Lorenzo:
Die Zahl der redaktionellen Angebote, die den Titel „Zeit“ im Namen führen, ist in den vergangenen Jahren sprunghaft gestiegen. Unser Haus ist mittlerweile zu groß, um die notwendige Zusammenarbeit und die Nutzung der berühmten Synergien auf Dauer bloß per Zuruf zu organisieren. Daraus ist die Idee für eine koordinierende Funktion entstanden.
Wegner: Die Idee ist, dass Giovanni das bunte redaktionelle Treiben in unserem Verlagshaus etwas besser ordnet. Ich werde versuchen, die Verzahnung zwischen Print und Online weiter zu verbessern und die recht erfolgreiche Zusammenarbeit bei Z Plus auszubauen – was sehr viel leichter fällt, wenn man Teil beider Teams ist. Daher werde ich regelmäßig auch in der Print-Chefredaktion mitarbeiten. Wir rücken zusammen, doch nicht per Dekret und verwaltungsgetrieben, sondern iterativ und auch mithilfe vieler Experimente. So sehen wir die Zukunft: Kooperieren und experimentieren.


Sie legen alle Berliner Print- und Online-Redaktionsstandorte zusammen. Warum sind Sie nicht so konsequent und fusionieren gleich die gesamte Print- und Onlineredaktion in Hamburg oder eher in Berlin? Dann könnte die Kommunikation noch besser funktionieren …
di Lorenzo:
Daran glauben wir nicht. Eine solche Zusammenlegung ergäbe nur über die Inhalte Sinn. Und da sehen wir parallel zum rasant stetigen Wachstum unserer digitalen Auflage, dass eine weiterhin beachtliche Mehrheit unserer Leser die Zeit im Wochenrhythmus und auf Papier nutzen möchte. Daraus ergeben sich für die tägliche Arbeit unterschiedliche Geschwindigkeiten und Erfordernisse für die Produktion unserer Inhalte.
Wegner: Eine minutenaktuelle Online-Redaktion und ein wöchentlich erscheinendes Blatt, das weit über das aktuelle Geschehen hinausdenken muss, können an vielen Stellen inhaltlich gut zusammenarbeiten – strukturell macht das aus unserer Sicht nur ganz selten Sinn. Dennoch werden wir auch hier im neuen Jahr das eine oder andere Experiment versuchen.

Trotzdem könnten alle unter ein Dach ziehen.
di Lorenzo:
Wir legen Hamburg und Berlin nicht zusammen. Zum Glück haben wir einen extrem erfolgreichen Verlag im Rücken. Dort ist der Zug nach Berlin bei weitem nicht so stark wie in der Redaktion. Aber für unsere Kolleginnen und Kollegen in Berlin machen wir uns jetzt auf die Suche nach einem gemeinsamen Haus.
Wegner: Die Online-Redaktion wird auch nicht zurück nach Hamburg ziehen – ein Gerücht, das in der Vergangenheit immer mal wieder aufkam.

Das eine ist die örtliche Zusammenlegung, das andere die Fusion in einer Firma, mit gleichen Arbeitsverträgen. Was teuer werden könnte, wenn das höhere Print-Gehaltsniveau zum Maßstab würde. Gibt es solche Pläne?
di Lorenzo:
Nein, die gibt es nicht. Wir planen keinen Gemeinschaftsbetrieb.
Wegner: Unabhängig davon wissen wir aus einer Befragung der Print-Kollegen, dass sich die überwiegende Zahl eine viel stärkere Zusammenarbeit mit den Onlinern wünscht. Das freut uns natürlich sehr, und das war sicher nicht immer so.
di Lorenzo: Bedenken Sie die Kultur, aus der wir kommen: Das ist ein Riesenschritt – der typische Zeit-Redakteur würde sagen: ein Paradigmenwechsel!

Sie haben sich nach über dreijähriger Test- und Überlegungsphase nun „vorläufig“ dagegen entscheiden, das Format der Zeit aufs kleinere Tabloid umzustellen. Warum?
di Lorenzo:
Eine Formatveränderung in der Form, wie wir sie erwogen hatten, wäre mit erheblich höheren Produktionskosten einhergegangen. In der Abwägung der Frage, wo wir unsere Ressourcen investieren, haben wir uns für andere Prioritäten entschieden: für neue Ressorts, für die Verzahnung von Print und Online. Die Formatfrage stellen wir hinten an.

Haben Sie und Ihre Redaktion die Umstellung gewollt, doch der Verlag war dagegen, nicht nur wegen der Kosten, sondern auch wegen der Anzeigenpreisrisiken bei kleinerer Fläche?
di Lorenzo:
Nein, Rainer Esser und ich haben dies dem Verleger gemeinsam vorgeschlagen. Und ich persönlich gebe zu: schweren Herzens. Da spreche ich auch für einen größeren Teil der Redaktion. Wir haben da ein wirklich schönes Produkt entwickelt, das in allen Tests hervorragend ankam. Und natürlich hätten wir mit einer Formatumstellung auch eine griffige Geschichte zur neuen Zeit erzählen können. Aber unsere Entscheidung ist vernünftig.

Was heißt „vorläufig“ dagegen entschieden? Rückt diese Frage nun jährlich auf die Agenda?
di Lorenzo:
Sicher nicht, so schnell geht das nicht, auch wegen der technischen Prozesse, die damit zusammenhängen. Das Projekt liegt nun auf Eis. Doch die neue Zeit, über die wir in den letzten Jahren intensiv nachgedacht haben, umfasst weitere viel grundsätzlichere Themen. Unsere Zeitung hat sich über die Jahrzehnte nicht systematisch entwickelt, sondern hat immer weitere Jahresringe hinzubekommen. Die wollen wir sortieren, um herauszufinden, was zum Markenkern gehört – und was bloß Marotte ist. Dafür müssen wir uns ein paar Fragen stellen.

Zum Beispiel?
di Lorenzo:
Wie wollen wir welche Inhalte präsentieren? Wie mischen wir sie? Wie trennen wir die Genres? Und wie Meinung von Fakten? Wie viel Länge braucht ein Text? Müssen wir in jedem Artikel erst einmal die ganze Welt erklären? Die Antworten auf diese Fragen finden wir jetzt – und wir werden sie auch im gewohnten Heftformat gut umsetzen können.

Es wird ein „Streit“-Ressort geben. Was versprechen Sie sich davon? Was fällt dafür weg?
di Lorenzo:
„Streit“ ist der Arbeitstitel, aber er gefällt mir schon ziemlich gut. Es werden vier Seiten mit ressortübergreifenden Debatten, die Meinungsvielfalt als Alleinstellungsmerkmal der Zeit zeigen. Die bisherigen beiden Kommentarseiten gehen darin auf.
Wegner: Wir denken das „Streit“-Ressort von vornherein auch als digitales Projekt. Zeit Online hat eines der größten – und eines der zivilisierteren - Community-Foren im deutschen Internet. Unsere Leser haben eine große Liebe zur Diskussionskultur, das können wir gut mit dem „Streit“ verbinden. Außerdem ist geplant, das Ressort mit Veranstaltungen zu begleiten – auch hier haben wir dank unserer Onliner-Experimente wie „Z2X“ oder „Deutschland spricht“ und dank der vielen erfolgreichen Zeit-Veranstaltungen ein gutes Gefühl.

Die Ressorts Chancen und Wissen legen Sie zum neuen Ressort Bildung zusammen. Warum?
di Lorenzo:
Die Themen Ausbildung/Karriere und Wissen sind immer schwerer voneinander zu trennen. Hier profitieren wir auch von den Erfahrungen der Onlinekollegen mit ihrem sehr erfolgreichen Ressort Arbeit. Bildung wird von der Kopfzahl her das größte Ressort.


Außerdem wollen Sie spezielle Inhalte nur für Abonnenten ausschließlich digital anbieten. Welche werden das sein, im Unterschied zu den bisherigen Bezahlinhalten?
Wegner:
Bisher haben wir die meisten Print-Inhalte, aber nur einige wenige Inhalte der Onlineredaktion abgeschlossen. Wir wollten sehen, wie gut das funktionieren kann. Die Zahlen sind so gut, dass wir dieses Digital-only-Angebot für Abonnenten nun strukturierter ausbauen werden. In diesen Tagen beginnen wir damit, eigene Formate und Themen zu entwickeln. Dabei bauen wir auf dem Wissen darüber auf, welche Inhalte online gut konvertieren. Das sind häufig die vermeintlichen Randgebiete einer politischen Wochenzeitung, etwa ausführliche, im Stil der Zeit erzählte Geschichten aus den Themenfeldern Familie und Erziehung, Sexualität und Partnerschaft, Gesundheit und Ernährung. Als idealtypisch gilt uns die Themenmischung des wunderbaren Print-Ressort „Z – Zeit zum Entdecken“, aber eben auch die Themen von Online-Ressorts wie „Arbeit“ oder „Zeit Magazin Online“.

Das heißt, Sie bauen neben dem Print-Abo ein zweites rein digitales Abo-Premiumprodukt?
Wegner:
Vorerst nicht. Wir sehen aber, dass wir mit den stark wachsenden digitalen Abos unser Geschäftsmodell langfristig sichern können. Daher möchten wir hier weiter experimentieren. Zumal wir im Ausland sehen, dass auch rein digitale Zusatz-Bezahlangebote funktionieren können, etwa beim Economist. Interview: Roland Pimpl

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