Springer-Chef Mathias Döpfner

"Lieber Insolvenzen von Zeitungen als der subventionierte Verlust ihrer Unabhängigkeit"

Mathias Döpfner
© Max Threlfall
Mathias Döpfner
Rundumschlag: Axel-Springer-Boss Mathias Döpfner vermisst Klartext-Debatten in den Medien – und zieht ein erstes Resümee beim selbsternannten Klartext-Magazin Bild Politik. Derweil sieht er die Vielfalt bei Regionalzeitungen schwinden, auch wegen des Mindestlohns. Deshalb will Döpfner Steuererleichterungen; diese seien mitnichten Subventionen. Auch verlagsinterne Querfinanzierungen lehnt er ab. Und nun? Trotz allem wächst sein Optimismus.

Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner bekräftigt seine Kritik am Zustand des Journalismus in Deutschland. Social Media reichten nicht aus, um demokratische Diskurse zu führen – dazu brauche es eine pluralistische Presse. "Doch der Journalismus wird dieser Rolle derzeit nur bedingt gerecht", sagte Döpfner am Montagabend vor dem Hamburger Presseclub: "Wenn eine Haltung zum aktionistischen Interesse selbst für etwas vielleicht Gutes wird, ist das ein Problem." Denn guter Journalismus bedeute nicht nur Neugier, Gründlichkeit, Hartnäckigkeit und Gedächtnis ("Haben Gesprächspartner vor fünf Jahren nicht das Gegenteil gesagt?"), sondern auch "Ergebnisoffenheit, wenn eine Recherche die Ursprungsthese widerlegt".



"Manche Debatten sind verklemmt geworden", findet Döpfner, "das führt zu einer Verarmung der Diskussion". Dahinter stehe die Angst, bei prononcierten Äußerungen in radikale Ecken gestellt zu werden. Beispiele will er auf Nachfrage nicht nennen. Nur so viel: "Vergleichen Sie mal frühere 'Bonner Runden' im Fernsehen mit 'Anne Will' und Co heute – fast jedes Politikerzitat von damals wäre heute ein Rücktrittsgrund." Doch je enger die Spielräume des Diskurses in den Qualitätsmedien würden, desto mehr fänden populistische Plattformen Gehör, befürchtet er. Damit unterstreicht Döpfner seine Kritik, die er seit Monaten äußert, zuletzt in Interviews etwa mit der dpa und den Schweizer Blättern NZZ und Blick.

Mit seinem neuen Wochenmagazin Bild Politik will Springer Klartext reden. Und wie läuft’s? Man habe noch nicht entschieden, ob es nach der Testphase weitergeht. Aber: „Unsere ersten Marktergebnisse sind sehr ermutigend", sagt Döpfner. Selbst wenn Bild Politik nach der herrschenden Lehre des Medienmarketings – das Titelthema Politik laufe bei Bild am schlechtesten, und ein Wochenmagazin-Neustart sei in Print ohnehin aussichtslos – kaum Chancen zu haben scheine, "wollen wir immer wieder Möglichkeiten auch in Print ausloten".


Für den Titel wie für Journalismus im Internet gelte: "Er muss sich aus sich selbst heraus finanzieren, ohne Quersubventionierung etwa durch den Handel mit Hundefutter. Diese Frage ist noch nicht gelöst“, so Döpfner. Doch eigentlich wird Zeitungsjournalismus seit über 120 Jahren querfinanziert über Erlöse, die nicht vom Leser stammen – sondern von (Klein-) Anzeigen. Das Internet aber hat Presse und Werbung entbündelt, für Rubrikanzeigen gibt es eigene Portale, die auch Springer erfolgreich betreibt. Hier hegt Döpfner nun die Hoffnung, dass Anzeigenplattformen eines Tages wieder den Reiz von Inhalten entdecken, die thematisch passen und die Nutzer öfters und länger auf die Portale locken könnten: "Vielleicht wächst da wieder etwas zusammen."

Dennoch werde die heutige Vielfalt an Tageszeitungen nicht aufrecht zu erhalten sein. Den Verlagen bleibe nur die Wahl, Konsolidierer zu sein – oder Konsolidierter. Bei den regionalen Blättern habe das Kartellamt einst Springer Zukäufe untersagt; also habe man das Hamburger Abendblatt und die Berliner Morgenpost an Funke veräußert. Bei den Frauenmagazinen (Bild der Frau) indes "haben wir es selber nicht geschafft, eine führende Position zu erreichen".

Sorgen bereitet ihm – vor allem als BDZV-Präsident – der Mindestlohn, nicht nur als direkten Kostentreiber für die ohnehin gebeutelten Verlage. Zudem fänden viele Zeitungen keine Zusteller mehr, weil der Mindestlohn (für andere einfache Tätigkeiten) den früheren Lohnvorsprung nivelliert habe. Der frühmorgendliche Austrägerjobs bei Wind und Wetter sei nun nicht mehr attraktiv. Freilich könnten die Verlage den Zusteller-Job besser (nun über Mindestlohn) bezahlen – insofern ist am Ende alles ein Kostenthema.

Döpfner hält es daher für möglich, dass es bald Landstriche ohne Papier-Regionalzeitung gebe. Da viele Menschen nicht online lesen könnten oder wollten, könne man dies auch mit Digitalausgaben nicht schönreden: "Hier ist Gefahr im Verzug." Daher regt er Steuervorteile („Zeitungszustellung als haushaltsnahe Dienstleistung“) an. Diese seien alles andere als eine Subvention – die er strikt ablehnt: „Lieber Insolvenzen bei Zeitungen als der Verlust ihrer Unabhängigkeit durch Subventionen.“

Zu Apples geplantem Flatrate-Modell will Döpfner nichts sagen – wohl aber zur Frage des Medienunternehmers Frank Otto, wann es denn endlich Streaming à la Netflix für sämtliche Presseinhalte gebe. Döpfner winkt ab: Aktueller Journalismus produziere verderbliche Güter, anders als bei Filmen und Songs. Zudem führten Einzeltexte auf fremden Aggregatoren zu einer "Entsolidarisierung von den Medienmarken". Er propagiert den Inhaltsverkauf über die eigenen Sites. Auch hier hat sich seine Stimmung (wie die etwa beim Spiegel) verbessert: "Wir generieren immer mehr Abos über Artikel im Netz, also über Journalismus anstatt wie früher über Abo-Prämien. Hier bin ich viel optimistischer als noch vor fünf Jahren." rp

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