Springer-Boss

Mathias Döpfner geht unter die Podcaster

Mathias Döpfner mit Regina Quast
© Axel Springer
Mathias Döpfner mit Regina Quast
Zu seinem 20. Dienstjubiläum bei Axel Springer, davon 17 Jahre als Vorstandsvorsitzender, versucht sich Mathias Döpfner in einem für ihn neuen Medium. Das scheinbar nette Geplauder mit der achtzigjährigen Regina Quast, die im Verlag eine Institution ist und schon zu Axel Springers Lebzeiten den Führungskräften die Lohntüte überreicht hat, ist ein Lehrstück für Kommunikation in eigener, nämlich Döpfners Sache.

Natürlich wüsste man gern, wer das war, der voriges Jahr in Regina Quasts Büro saß und mit starrem Blick derart zu zittern anfing, dass sie dachte, einen Arzt holen zu müssen. Man wüsste auch gern, welchen leitenden Mitarbeiter sie mit Cognac und nassen Tüchern vor einer Ohnmacht bewahrt hat. Doch derartige Indiskretionen sind nicht zu erwarten bei der Frau, deren oberstes Gebot Verschwiegenheit lautet, und es lag auch nicht in Mathias Döpfners Interesse, ihr solche Geheimnisse zu entlocken, jedenfalls nicht im Rahmen dieses Podcasts, der ja Unternehmenszwecken dient.



Seit mehr als sechs Jahrzehnten arbeitet Regina Quast bei Springer und leitet noch immer die Stabsabteilung leitende Angestellte, für deren Belange sie vom ersten bis letzten Arbeitstag zuständig ist. Sämtliche Konzernchefs in der Unternehmensgeschichte hat sie erlebt, angefangen bei Peter Tamm über Günter Prinz und Günter Wille bis Jürgen Richter und August A. Fischer. Über Letztere verliert sie kein weiteres Wort. „Sechs Vorstandsvorsitzende in zehn Jahren“, sagt sie nur – „und seit 17 Jahren immer derselbe“, erwidert Döpfner. Podcasts liefern keine Bilder. Aber auch so kann man sich sein schelmisches Grinsen in diesem Moment bildhaft vorstellen.

Was früher anders gewesen sei bei Springer, will Döpfner von Regina Quast wissen. Der Vorstand sei abgekapselt oben gesessen, antwortet sie, alle anderen unten, und jedem, der nach oben musste, habe das einen Schlag in die Magengrube versetzt, bloß ihr nicht, „weil ich immer die Herren abgerechnet habe“.


Wie es heute sei, bohrt Döpfner. Sie sagt: „Der Vorstand ist zu den Mitarbeitern ganz anders geworden. Sie sind freundlich, Sie reden mit ihnen“. Früher war es also hierarchischer? Döpfner bekommt die Antwort, die er hören will: Früher war es hierarchischer.

Überhaupt muss Mathias Döpfner nicht fürchten ins Schwitzen zu geraten – wozu er ohnehin nicht neigt. Am spannendsten ist es daher, seine Gesprächsführung zu verfolgen: wie er zum Beispiel zwei Anläufe braucht, um Regina Quast das Adjektiv „bodenständig“ abzuringen, um den Verlagsgründer Axel Springer zu charakterisieren.

Er wundert sich, dass es schon in den Fünfzigern des vorigen Jahrhunderts hieß: „Zu Springer geht man nicht“. Schon damals wegen „Bild“? Sie habe sich trotzdem beworben, erzählt Regina Quast. Weil Zeitung hochattraktiv war, wie heute ein Tech-Unternehmen, vermutet Döpfner. Sie widerspricht nicht. Döpfner versucht es an anderer Stelle erneut: Dynamisch sei Axel Springer, nicht wahr? Regina Quast stimmt zu.

Und damit zur nächsten Botschaft: „Sie haben sich auf Neues immer eingelassen“, sagt Döpfner zu Regina Quast. Ja, das habe sie. Döpfner erzählt: Den Vorstand beschäftige, wie wichtig es sei, sich selbst zu ändern, eigene Positionen über den Haufen zu werfen, sich anzupassen, um fit zu sein für die Zukunft. Da passt es, dass Regina Quast die Veränderung, die ihr am schwersten fiel – der Umzug des Konzerns 2004 nach Berlin – rückblickend als die für sie glücklichste Wende bezeichnet. Noch einmal sagt Döpfner. „Ihnen fiel das immer leicht, sich auf Neues einzulassen. Anderen geht es nicht so“. Naja, erwidert Regina Quast, „wenn man weiterkommen will, muss man Neues in sich aufnehmen. Kulturwandel braucht aber seine Zeit“.

Im weiteren Gespräch versäumt Döpfner nicht, als obersten Wert des Unternehmens die Freiheit zu erwähnen, bevor er rekapituliert: Wichtig sei Respekt vor Menschen, Empathie, Veränderungsbereitschaft, Neugier, Loyalität, Einsatzbereitschaft.

Nun war es an Regina Quast, ihrem Vorstandschef einen Ratschlag zu erteilen: „Was empfehlen Sie mir? Was sollte ich anders, besser machen“? „Sich mehr Zeit nehmen“, antwortet sie. Er sei immer so schnell, alles müsse zack, zack gehen. „Sie sind zu eng getaktet in Ihrem Büro“, weil „jeder mit Ihnen sprechen will“. Auch andere sagten das, „er hat ja nie Zeit“. Darauf Döpfner, reumütig: „Ich weiß, dass Sie recht haben“. Er verspricht: „Ich nehme das sehr ernst“. Sich als schlimmsten Vorwurf anhören zu müssen, wenig Zeit zu haben, damit lässt es sich als Vorstandsvorsitzender leben, gerade noch.

Die 30-minütige Folge des Springer-Podcasts „inside.pod“ gibt es bei iTunes, SoundCloud, Google Podcast und Spotify.

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