Spiegel nach Relotius

"Es gibt nichts, was wir nicht in Frage stellen"

Spiegel-Chefredakteur Steffen Klusmann will den Fall Relotius weiter aufarbeiten
© David Maupile/Der Spiegel
Spiegel-Chefredakteur Steffen Klusmann will den Fall Relotius weiter aufarbeiten
Was bleibt? Wer geht? Der Spiegel steht nach der Veröffentlichung des Abschlussberichtes der Aufklärungskommission zum Relotius-Fälschungsskandal vor einer hitzigen Debatte um konkrete personelle und organisatorische Konsequenzen. Immerhin: Wirtschaftlichen Schaden scheint der Verlag durch den Fall nicht erlitten zu haben.

Während die dreiköpfige Kommission in ihrem Abschlussbericht zu den journalistischen Standards, zur Dokumentation und zur Verbesserung der Fehlerkultur ausführlich konkrete Veränderungsvorschläge macht, beschränkt sie sich bei der Zukunft des für den Skandal verantwortlichen Gesellschaftsressorts auf eine knappe Auflistung von vier Szenarien, die unabhängig vom Fall Relotius in den vergangenen „mindestens 10 bis 15 Jahren von unterschiedlichen Chefredaktionen angestellt“ worden seien: von lediglich einer veränderten Ressortleitung bis hin zu einer Auflösung des Journalistenpreis-gekrönten Ressorts.



Warum verkneift sich die Kommission hier konkrete Empfehlungen? „Es gehörte nicht zu unserem Arbeitsauftrag, uns über Ressortzuschnitte Gedanken zu machen“, sagte Kommissionsmitglied Brigitte Fehrle, Ex-Chefredakteurin der Berliner Zeitung, am Freitagnachmittag im Pressegespräch. Aber man komme bei der Aufarbeitung des Relotius-Falles nicht drum herum, auch über das Gesellschaftsressort zu reden, das beim Spiegel bisher ein Eigenleben führe und einen Sonderstatus genieße, inklusive des Erwartungsdrucks früherer Chefredaktionen, Journalistenpreise einzuheimsen. „Es muss ein Weg gefunden werden, dieses Ressort stärker in die Arbeit der anderen einzubinden“, so Fehrle.

Von ihm gebe es keinerlei Erwartungsdruck bei Journalistenpreisen, sagt Steffen Klusmann, erst seit Januar Chefredakteur des Spiegel. Die Vorschläge der Kommission seien so gut, dass man sie fast alle umsetzen werde. Und über die angekündigten Maßnahmen hinaus – was hat er mit dem Gesellschaftsressort vor? „Wir werden es umorganisieren.“ Mehr will er mit Verweis auf notwendige Gesellschafterbeschlüsse und Personalgespräche nicht sagen.


Dies gilt auch für weitere personelle Konsequenzen. Bisher hat der zuständige Dokumentar den Spiegel „auf eigenen Wunsch“ (Klusmann) in den Vorruhestand verlassen. Außerdem trat der designierte Co-Chefredakteur Ullrich Fichtner seine Stelle wegen der Affäre nicht an. Und in den Ebenen darunter verlor der designierte Blattmacher Matthias Geyer sogar zwei Führungsjobs.

Fichtner, damals Leiter des Gesellschaftsressorts, hatte Claas Relotius 2014 zum Spiegel geholt, war dessen Chef und hat seine Arbeiten betreut, so wie seit 2016 Geyer. Hätten beide, Fichtner und Geyer, etwas merken können oder müssen? Hätte Relotius bereits früher nach externen und internen Hinweisen entlarvt werden können? Geyer und Fichtner waren zudem die ersten, die im Dezember von dem konkreten Fälschungsverdacht erfuhren: Haben sie die Aufklärung dann entschlossen genug vorangetrieben? Oder zunächst eher behindert?

Und meinte Juan Moreno (Relotius‘ Kollege, der dessen Fälschungen intern zunächst gegen Widerstände aufgedeckt hatte) diese beiden, wenn er sagt, seine Chefs hätten ihm anfangs „schlichtweg nicht geglaubt“? Dass er gegen Wände gelaufen sei? So ein Fall hätte auch in jedem anderen Verlag passieren können, meint Aufklärerin Fehrle – daher habe sie nur eines „wirklich schockiert“: der Umgang mit Moreno nach dessen ersten Hinweisen. Reicht der Ämterverzicht von Fichtner und Geyer also aus? „Das ist Auslegungssache“, sagt Klusmann knapp, der diese Frage wohl mit „ja“ beantworten würde, zumal er vor allem auf Fichtners Dienste dem Vernehmen nach ungern verzichten mag. Dennoch: Die Debatte, ob beide das Haus verlassen sollten, darf als eröffnet gelten.

„Es gibt nichts, was wir jetzt nicht in Frage stellen“, sagt Klusmann allgemein. Derweil loben Fehrle und ihr Co-Aufklärer Stefan Weigel (früher FTD und Rheinische Post, jetzt neuer Nachrichtenchef beim Spiegel) die Dokumentation beim Nachrichtenmagazin: „In keiner der Redaktionen, in der wir bisher gearbeitet haben, gibt es bessere Sicherungssysteme als hier.“ Am Format der Reportage will Klusmann derweil nicht rütteln. Zwar möchte er den Spiegel „härter, nachrichtenstärker und exklusiver“ machen – „aber an zwei, drei Stellen im Blatt wollen wir schon zeigen, dass wir auch erzählen können“. Eine Reportage sei ja keine auf Betrug angelegte Disziplin.

Immerhin: Wirtschaftlichen Schaden scheint der Verlag nicht erlitten zu haben. „Wir sind mit einem blauen Auge davon gekommen – weil wir durch unsere transparente Aufklärungsarbeit öffentlich die Hosen heruntergelassen haben“, sagt Spiegel-Geschäftsführer Thomas Hass beim Pressegespräch. Man erkenne keine Anzeigen- und Auflagenrückgänge, die auf Relotius zurückzuführen wären. Es habe lediglich „einige wenige“ Abo-Kündigungen mit Verweis auf den Fall gegeben. Wird der Verlag nun juristisch gegen Claas Relotius vorgehen? Nein, dies werde man „aus Fürsorgepflicht gegenüber einem ehemaligen Kollegen“ nicht tun, so Hass. rp

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