Spiegel

Das Gesellschaftsressort verliert seine exklusiven Seiten - und heißt nun "Reporter"

Steffen Klusmann baut das Gesellschaftsressort um
© David Maupile/Der Spiegel
Steffen Klusmann baut das Gesellschaftsressort um
Relotius-Reformation: Nach dem Fälschungsskandal zieht der Spiegel eine vorerst letzte organisatorische Konsequenz. Das Gesellschaftsressort, in dem der Geschichten-Erfinder Claas Relotius wirken konnte, verliert seine exklusiven Seiten im Heft – und wird umbenannt.

Künftig firmiert das Team unter dem Namen "Reporter" und arbeitet auch den übrigen Ressorts zu, mit eigenen Geschichten oder Zulieferungen. Gesellschaftliche Themen stehen künftig dort (Deutschland, Ausland, Wirtschaft, Kultur etc.), "wo sie hinpassen", heißt es. Jedoch: Die Seiten in der Heftmitte sollen der Platz für Reportagen, Porträts und große Rekonstruktionen bleiben – hier dürfen und sollen künftig aber auch Kollegen anderer Ressorts schreiben. "Besondere Erzählstücke sind ein wichtiger Bestandteil der DNA des Spiegel, daran ändern auch die Fälschungen von Claas Relotius nichts", sagt Chefredakteur Steffen Klusmann.



Die Leitung des neuen Reporterressorts übernimmt Özlem Gezer. Ihre Stellvertreter werden Hauke Goos und Britta Stuff, die dafür zum 1. Januar von der Zeit zum Spiegel zurückkehrt. Gezer, 38, arbeitet seit 2012 beim Spiegel, seit 2014 im Gesellschaftsressort und seit 2017 dort als Vize. Stuff, 40, startete bei der Welt und schrieb von 2015 bis 2018 im Spiegel-Hauptstadtbüro. Goos, 53, ist seit 1999 im Haus, im Gesellschafts- und Wirtschaftsressort.

Mit der stärkeren Einbindung der Edelfeder-Truppe in die Arbeit der Hauptredaktion dürfte das Eigenleben des Gesellschaftsressorts enden. Dieses genoss über 15 Jahre lang einen Sonderstatus, mit vielen Privilegien auch bei Themenwahl und bei – offensichtlich zu laxen – Faktenchecks. Im Gegenzug haben frühere Chefredaktionen dafür wohl auch Journalistenpreise erwartet.


Der neue Name erinnert an die Ursprünge: Das Ressort wurde 2001 vom damaligen Chefredakteur Stefan Aust gegründet; erster Leiter wurde Cordt Schnibben, bis dato Chefredakteur des Spiegel-Magazinablegers "Reporter", der damals nach nur zwei Jahren eingestellt wurde.

Schon zuvor hatte der Relotius-Skandal personelle Konsequenzen nach sich gezogen: Der Relotius-Förderer Ullrich Fichtner, zuvor als Co-Chefredakteur von Steffen Klusmann vorgesehen, hatte seinen Posten wegen des Skandals gar nicht erst angetreten. Und Matthias Geyer, als früherer Leiter des Gesellschaftsressort der direkte Vorgesetzte von Relotius, hat den Spiegel verlassen, ebenso wie der fürs Gesellschaftsressort zuständige Dokumentar und der Leiter der "Dok"-Abteilung. 2017 fest angestellt wurde Relotius vom damaligen Chefredakteur Klaus Brinkbäumer.

In einem anderen Fall verzichtet der heutige Boss Klusmann auf eine Leitung: Das Investigativ-Team bleibt ohne eigene Führung und wird direkt an die drei Blattmacher (Juliane von Mittelstaedt, Thorsten Dörting, Oliver Trenkamp) angedockt, die Teil der zweiten Führungsebene der Redaktion sind. Vorgesehen als Investigativ-Chef war Rafael Buschmann - doch der war zuletzt in die Kritik geraten und hat kürzlich auf seine Beförderung verzichtet. Hintergrund: Buschmann konnte seit dem Aufkommen von Zweifeln Ende 2018 an einer fünf Jahre alten Geschichte über einen angeblichen Wettbetrug bei der Fußball-WM keine ausreichenden Belege für ein entscheidendes Detail seiner Story liefern. Erschienen war sie 2014; damals war Wolfgang Büchner Chefredakteur. rp

stats