So sieht das neue G+J-Haus aus

"Flexible Räume für kluge Texte und wilde Ideen"

Mit diesem Entwurf hat Caruso St John aus London den Architekturwettbewerb von G+J gewonnen
© G+J
Mit diesem Entwurf hat Caruso St John aus London den Architekturwettbewerb von G+J gewonnen
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Blickfang statt Protzbau: Jetzt steht fest, wie das neue Verlagsgebäude von Gruner + Jahr aussehen wird. Es soll nach dem Umzug 2021 „Kommunikation und Konzentration verbinden“. Und das ganz ohne Eitelkeit.

Wer von Süden mit dem Zug in Hamburg einfährt, der wird ab dem Jahr 2021 als erste Impression der Medienmetropole nicht mehr den Glaspalast des „Spiegel“ erblicken, sondern dann das neue Gebäude von Gruner + Jahr. Oder doch nicht – weil das „Spiegel“-Haus zwar dahinter liegt, aber etwas höher ragt und mit seinem roten Schriftzug ganz oben weithin sichtbar ist? „Old-School-Denken“, antwortet G+J-Chefin Julia Jäkel im Pressegespräch auf entsprechende Fragen.



Sie hält es aber dennoch für eine „gute Idee“, vielleicht digitale G+J- oder Markenlogos nicht nur über dem eher versteckten Eingang am Lohsepark zu platzieren, sondern auch auf der Seite, die täglich tausende Nah- und Fernverkehrsreisende passieren.

Zwei Verlagsriesen in direkter Nachbarschaft: Das neue G+J-Verlagsgebäude wird in unmittelbarer Nähe zum Spiegel errichtet
© G+G / Montage HORIZONT
Zwei Verlagsriesen in direkter Nachbarschaft: Das neue G+J-Verlagsgebäude wird in unmittelbarer Nähe zum Spiegel errichtet
Den Bauwettbewerb um die neue G+J-Heimat am östlichen Ende der Hamburger Hafencity hat das Londoner Architekturbüro Caruso St John gewonnen. Einstimmig entschieden hat eine Jury aus Vertretern der Stadt, des Investors, Projektentwicklers und Bauherren HIH Real Estate sowie von G+J, dem künftigen Hauptmieter. Wie lange der „langfristige“ Mietvertrag genau läuft, will Jäkel nicht sagen. Üblich sind Fristen zwischen zwölf und 20 Jahren.


„Einen Protzbau, mächtig und dominant, wollen wir nicht.“
Julia Jäkel
Über einem offenen Erdgeschoss mit allgemeiner Nutzung (etwa für Ausstellungen) und Gastronomie "entwickelt sich die Reihe der Streben aus grün glasierter Keramik, die sich nach oben schrittweise verjüngen", heißt es bei der Gebäudebeschreibung im schönsten Architektendeutsch. Die „handwerklich gefertigten“ Elemente ließen das „offene, lichte und einladende“ Haus von außen betrachtet grün schimmern. Innen sollen sich um drei Innenhöfe herum Büroräume und Besprechungszonen gruppieren, die sich flexibel teilen und öffnen lassen – für ein team- und projektorientiertes kollaboratives Arbeiten, so Jäkel. Dafür benötige man die technologische, räumliche und atmosphärische Infrastruktur.

„Wir bauen ein Haus, das Kommunikation und Konzentration verbindet“, sagt die G+J-Chefin. Es sollen Räume der Ruhe wie des Vibrierens entstehen, „für kluge Texte und wilde Ideen“. Auch auf den Dachterrassen mit zugänglichen Gärten und Freiflächen. Der neue Verlagssitz werde „ein Blickfang von außen“, aber ohne „eitle Gesten“ und „modernistisches Glas und Stahl“. Sondern zeitlose Eleganz ausstrahlen. Das Gebäude erinnere an ein „zurückhaltendes Hamburger Kontorhaus“, urteilt die Jury. „Einen Protzbau, mächtig und dominant, wollen wir nicht“, so Jäkel. Ob sie damit auch den benachbarten „Spiegel“ meint, an dem G+J zu 25,5 Prozent beteiligt ist? Nein, das wäre wohl wieder eine Old-School-Assoziation.

Im neuen Verlagsgebäude werden 44.000 Quadratmeter zur Verfügung stehen, das sind 26.000 weniger als im bisherigen G+J-Haus am Baumwall. Da es im neuen Gebäude aber weniger unbenutzbare Flächen gebe und dank Digitalisierung auch weniger Technik- und Lagerräume benötigt würden, bleibe für die rund 2000 Mitarbeiter eine „vergleichbare Arbeitsfläche“, so Jäkel. Und natürlich würden alle weiterhin einen eigenen Schreibtisch haben, widerspricht sie anderslautenden Gerüchten. Der Baubeginn ist für 2019 geplant.

Der „Spiegel“ wird nicht der einzige Mediennachbar von G+J sein: Auch die Bauer Media Group residiert in der Nähe, zudem Standorte des ZDF und jetzt auch RTL. Gegenüber wird der Hammerbrooklyn Digital Campus errichtet, maßgeblich angetrieben vom früheren G+J-Auslandsvorstand Torsten-Jörn Klein. In diesem Areal „entsteht ein neues Kreativzentrum – und wir wollen es prägen“, sagt Jäkel. Zwischen dem künftigen G+J-Sitz und dem Hauptbahnhof befinden sich außerdem die Deichtorhallen als Schaustätte zeitgenössischer Fotokunst.

Zum Nutzungsplan des 15.200-Quadratmeter-Areals gehört neben dem G+J-Haus ein zweiter Komplex mit Büros und knapp 200 Wohnungen, davon über die Hälfte öffentlich geförderte Sozialwohnungen. Investor hier ist die Adlershorst Baugenossenschaft. Fürs Wohnen haben die Berliner Architekten Baumschlager Eberle den Zuschlag bekommen. G+J- und Wohngebäude (insgesamt 75.000 Quadratmeter Fläche), durch eine Tiefgarage verbunden, umfassen laut Bauherrn HIH Real Estate ein Investitionsvolumen in mittlerer dreistelliger Millionenhöhe. Allein der Kaufpreis fürs Grundstück betrug laut „Hamburger Abendblatt“ rund 44 Millionen Euro. Im Gegenzug hat die Stadt den bisherigen G+J-Sitz am Baumwall (seit 1990) für von Experten geschätzte 150 Millionen Euro gekauft. Das auffällige Gebäude mit unverbaubarem Hafenblick soll offenbar erhalten bleiben; eine städtische Nutzung gilt als wahrscheinlich. rp

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