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Gründete 2008 die Produktions-Tochter Red Seven: Jobst Benthues
PROSIEBENSAT.1 TVD / MARTIN SAUMWEBER
Red-Seven-Gründer Jobst Benthues

„Eigentlich ist es egal, auf welchem Gerät etwas läuft“

Gründete 2008 die Produktions-Tochter Red Seven: Jobst Benthues
Die Pro-Sieben-Sat-1-Tochter Red Seven wird zehn Jahre alt: Heute steckt die Produktionsfirma unter anderem hinter „Germany’s next Topmodel“, „Galileo Big Pictures“ und „The Taste“. Doch das Team um Gründer und Geschäftsführer Jobst Benthues kann längst mehr als TV. Neben Digitalprojekten entwickelt Red Seven auch Bewegtbild für Werbekunden wie About You und Obi. Wie wichtig bleibt da das klassische Fernsehen?
von Katharina Brecht Dienstag, 09. Oktober 2018
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Herr Benthues, Red Seven wird zehn Jahre alt. Worauf blicken Sie zurück? Im Prinzip ziehe ich eine Zwischenbilanz für eine schon relativ lange Reise, die noch lange nicht zu Ende ist. Wir haben mit drei, vier Leuten angefangen – mittlerweile sind wir rund 300. Von Anfang an war Red Seven zwar ein Teil von Pro Sieben Sat 1, aber zugleich eine Produktionsfirma, die frei am Markt agieren konnte und wollte. Heute produzieren wir neben klassischen TV-Formaten auch Branded Entertainment wie Event-Livestreams, Editorials und vieles mehr. Unsere Vision ist es bei allen Formaten, qualitativ hochwertigen Content zu produzieren und ein verlässlicher Partner für Sender und Werbekunden zu sein. Es ist toll, dass unser Team diese Vision mitträgt. Schließlich ist es unser höchstes Gut, Ideen und Content zu managen. Dafür sind unsere Mitarbeiter die wichtigste Ressource. Sie übernehmen viel Verantwortung, um unseren Ansprüchen gerecht zu werden. Das Schöne ist, dass einige Kollegen mittlerweile schon viele Jahre bei uns sind. Wir haben quasi mit einem weißen Blatt Papier angefangen und sind zusammen gewachsen. Unsere gemeinsame Entwicklung motiviert mich noch nach zehn Jahren, jeden Morgen gut gelaunt ins Büro zu kommen.

Red Seven ist eine Tochter von Pro Sieben Sat 1 und Sie selbst waren lange Teil des Unternehmens. Red Seven produziert aber auch für andere Sender. Priorisieren Sie bei der Formatverteilung? Es stimmt, die Geschichte von Red Seven hat auch viel mit meiner persönlichen Lebensgeschichte zu tun. Ich gebe zu: Auch wenn wir heute viel für andere Kunden und Sender produzieren, schlägt mein Herz sehr stark für das, was auf dem Pro-Sieben-Sat-1- Campus passiert. Der Konzern war immer gut zu mir – egal, in welcher Position ich dort arbeitete. In den letzten 23 Jahren hatte ich persönlich oft das Gefühl, mehrfach das Unternehmen gewechselt zu haben. Ich habe unter Georg Kofler angefangen, die Private-Equity-Ära mit Haim Saban erlebt und die letzten neun Jahre unter der Führung von Thomas Ebeling gearbeitet. Und jetzt stehen wir mit unserem neuen CEO Max Conze vor dem nächsten Kapitel. Rückblickend habe ich persönlich in diesen intensiven Zeiten viel gelernt, und es ergeben sich auch für Red Seven neue Herausforderungen. Pro Sieben Sat 1 wird immer digitaler und auch wir als Content-Produzent müssen natürlich nachziehen. Zum Glück sind wir für die digitale Zukunft gut aufgestellt.

„Aus meiner Sicht ist es wichtig, dass sich die TV-Sender auf ihre erfolgreichen Marken konzentrieren und darauf achtgeben, dass ihre Brands bei ihnen bleiben. Man findet schließlich nicht jeden Tag einen Quotengaranten wie „The Voice“, „Der Bachelor“ oder „Germany’s next Topmodel“.“
Jobst Benthues
Haben Sie dafür schon eine Strategie entwickelt? Für uns ist das erst einmal positiv. Eine starke Marke wie „Germany’s next Topmodel“ (GNTM) ist schon heute digital sehr gut aufgestellt und wird über alle Plattformen hinweg ausgestrahlt. Hier müssen wir das Rad nicht neu erfinden, aber weiterdrehen, um diese Marke noch interaktiver und erlebbarer zu machen. Zudem müssen wir uns überlegen, wie wir im Windschatten von „Germany’s next Topmodel“ weiteren Content kreieren und produzieren können. Hier haben wir mit dem Web-Format Let’s Face Reality, das ehemalige Topmodel-Kandidatinnen auf ihrem Weg begleitet hat, den ersten Schritt getan. Im Grundsatz bin ich davon überzeugt, dass wir unseren Partnern zukünftig nicht nur ein Konzept für ein Format präsentieren, sondern für eine ganze digitale Erlebniswelt. Um dies noch schneller gewährleisten zu können, werden wir unsere Mitarbeiter digital schulen. Von der Assistentin bis zum Produzenten.

Trotzdem entwickeln Sie noch immer klassische TV-Formate. Wie sehr mischen sich die Sender in die Entwicklung ein? Das ist unterschiedlich. Meiner Ansicht nach entstehen gute Formate aber immer in Partnerschaft. Der Sender hat stets einige Vorgaben zu seinen Zuschauern, dem gewünschten Programm auf dem Timeslot, Audience Flows et cetera. Je klarer diese Rahmenbedingungen sind, umso klarer können wir auch entwickeln. Generell gibt es drei Arten von Formaten, die bei uns entstehen. Die erste: Es gibt irgendwo in der Welt etwas Tolles, das wir nach Deutschland holen. Zum Beispiel: „The Taste“, „Germany’s next Topmodel“ oder „The Biggest Loser“. Zweitens: Wir entwickeln zusätzlich viele eigene Ideen. Ein Beispiel dafür ist „Mein Mann kann“. Die Sendung läuft zwar heute nicht mehr in Sat 1, aber verkauft sich immer noch in zahlreiche Länder. Der dritte Bereich ist eine Eigenentwicklung rund um einen Künstler oder ein Talent.

Welche dieser Formatarten produziert Red Seven am häufigsten? Am meisten freuen wir uns über jedes Format, das aus der Eigenentwicklung heraus in die erste Staffel geht, gut funktioniert und dann fortgesetzt wird. Es ist toll, wenn wir die Chance haben, bei einer zweiten Staffel aus den Fehlern der ersten lernen zu können. In der Gewichtung bemühen wir uns aber, immer mehrere Bälle in der Luft zu halten. Wir wissen, dass viele Formate wegen unterschiedlicher Aspekte Schwierigkeiten haben, sich durchzusetzen. Etwa weil das Sehverhalten sich ändert, es ähnliche Sendungen gibt oder der User und Zuschauer heutzutage mit Youtube, Netflix und Amazon Prime sehr viele Optionen erhält, Zeit vor dem Screen zu verbringen.

Die TV-Sender kriegen in der Tat Dampf von Streaming-Diensten. Die Angreifer bringen viele aufwendige Eigenproduktionen heraus. Wie sollten TV-Sender darauf reagieren? Netflix und Amazon Prime bieten derzeit vor allem Fiction an, oft gepaart mit starken Gesichtern wie Bastian Pastewka und Matthias Schweighöfer in Deutschland. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie bald auch mehr Entertainment produzieren. Aus meiner Sicht ist es wichtig, dass sich die TV-Sender hier auf ihre erfolgreichen Marken konzentrieren und darauf achtgeben, dass ihre Brands bei ihnen bleiben. Man findet schließlich nicht jeden Tag einen Quotengaranten wie „The Voice“, „Der Bachelor“ oder „Germany’s next Topmodel“. Für uns als Content-Produzent ist es keineswegs schlecht, dass der Markt nun größer ist. Wir bieten unsere Ideen dem Partner an, zu dem sie passen: ob TV-Sender oder Streaming-Plattform.

Auf welche Formate sollten TV-Sender jetzt setzen, um gegen Netflix und Co relevant zu bleiben? Wenn ich jeden Hit vorhersagen könnte, wäre ich Hellseher und unser neues Gebäude hätte zehn Stockwerke und wir 300 Mitarbeiter mehr. (lacht) Aber Spaß beiseite: Ich glaube aber, dass der Zuschauer im Fernsehen immer wieder neue Dinge erleben und für sich entdecken möchte. Ich denke, es ist vor allem wichtig, Mut zu zeigen und in neue Ideen zu investieren. Generell gilt: Je eventmäßiger und größer die Fernseh-Formate sind, umso besser kommen sie beim Zuschauer an.

Alles in allem: Glauben Sie daran, dass es das klassische TV auch noch in 20 Jahren geben wird? Ja! Ich glaube nach wie vor an das Fernsehen. Allerdings wende ich dabei gerne die Stand- und Spielbeintheorie an. Fernsehen ist im Moment für viele Formate und Künstler das feste Standbein, um bekannt und groß zu werden. Aber das Spielbein, das Digitale, wird immer wichtiger. Und irgendwann wird vermutlich das Digitale – das jetzige Spielbein – zum Standbein, weil es an Relevanz gewinnt. Meiner Ansicht nach ist es super, dass es die verschiedenen Verbreitungswege und Plattformen gibt. Denn es ist eigentlich egal, auf welchem Gerät etwas läuft. Wichtig ist guter Content und dass die Idee genial ist. Und natürlich, dass die Leute den Content sehen wollen. 




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