Special

Grit Leithäuser
Radiozentrale
Radiozentrale-Chefin Grit Leithäuser

"Radio ist das Durchstart-Medium"

Grit Leithäuser
In der kommenden Woche startet der Radio Advertising Summit - corona-bedingt zum zweiten Mal in virtueller Form. Das Branchenevent bietet in diesem Jahr über vier Wochen hinweg Webinare, Live-Streams, Podcasts und zahlreiche weitere Formate rund um die Themen Audio und Radio. Im Interview mit HORIZONT spricht Grit Leithäuser, Geschäftsführerin der Radiozentrale, über die aktuelle Situation der Radiosender, die Highlights des Radio Advertising Summit und verrät, worauf sie sich für die Zeit nach Corona freut. 
von David Hein Donnerstag, 15. April 2021
Alle Artikel dieses Specials
X

Frau Leithäuser, welchen Radiosender hören Sie morgens auf dem Weg zur Arbeit? Ich höre tatsächlich nicht nur einen Radiosender, sondern ich schalte durch. Vor allem in die Werbeblöcke, weil mich wahnsinnig interessiert, welche Kunden gerade zu hören sind und was funktioniert. Momentan werden zum Beispiel viele Click&Meet-Angebote beworben. Natürlich habe auch ich einen Lieblingsradiosender. Aber ich bin von Berufs wegen einfach neugierig, was auf den Sendern gerade läuft. Ich höre aber morgens auch mal einen Nachrichtenpodcast, um bei aktuellen Ereignissen schnell eine Einordnung zu bekommen. 


Radio hat sich im vergangenen Jahr trotz der Krise erstaunlich gut geschlagen. Wie lautet Ihre Erklärung? Wenn der Handel und andere Bereiche wieder öffnen können, dann ist Radio das Medium der Stunde. Radio kann man schnell und flexibel buchen und baut schnell Reichweiten auf. Letztes Jahr hatten wir ein klassisches V-Szenario: Im April sind die Werbeerlöse der Radiosender stark abgestürzt und im Juni, als der Lockdown gelockert wurde, haben sie sich auch extrem schnell wieder erholt. Radio ist ein Medium, das aktiviert. Wenn es wieder losgeht, sind unsere USPs genau das, was die Werbekunden brauchen. Radio ist das Durchstart-Medium. Radio ist zudem systemrelevant. Radio bietet verlässliche Informationen, recherchierte Nachrichten, Hintergründe und Einordnung. Radio ist ein Medium, dem die Menschen vertrauen. Dieses Vertrauen ist über Jahre gewachsen. Die Krise hat die Audiobranche insgesamt gestärkt. Der Audiokonsum steigt. Morgens und über den Tag verteilt wird Radio gehört, abends dann verstärkt Podcasts genutzt. 

Der Start ins neue Jahr war dafür katastrophal. Im Januar lag das Minus bei den Werbeerlösen laut Nielsen bei fast 50 Prozent, im Februar bei 33 Prozent. Wenn der Handel geschlossen ist, macht sich das natürlich in den Buchungen der Radiosender bemerkbar. Veranstaltungen, Freizeit, Konzerte, Clubs, Tourismus – viele Branchen, die stark auf Radio setzen, liegen derzeit am Boden. Das sind natürlich Umsätze, die fehlen. Je nachdem, wie schnell der Handel wieder öffnen kann, wird sich das aber schnell wieder normalisieren.  Es gibt auch positive Aspekte an der Corona-Krise: Die Mediennutzung ist gestiegen. Inwieweit konnte der Hörfunk durch die Krise profitieren? Die Stärken des Mediums Radio haben sich in der Coronakrise einmal mehr bezahlt gemacht: Stichwort Nähe, Stichwort Vertrauen. Die Sender geben den Menschen Orientierung, wir helfen, wir unterhalten, wir ordnen ein – nicht nur das Weltgeschehen, sondern vor allem was die Hörer vor Ort interessiert. Ich lebe in Berlin, mich interessiert natürlich auch, was das alles für mich und meinen Kiez bedeutet. Diese Verbindung der Sender zu den Hörern ist in der Corona-Zeit sogar noch einmal gewachsen. Auch die Vielfalt der Kanäle, über die Audioinhalte ausgespielt werden, ist noch einmal gestiegen. 

Hat Corona wie in anderen Bereichen Entwicklungen beschleunigt? Auf jeden Fall. So wie die ganze Gesellschaft durch die Krise in der Digitalisierung vorangekommen ist, hat Corona diese Entwicklung auch bei den Medien beschleunigt. Unser Vorteil war, dass wir diesen Prozess schon mehrfach durchlebt haben: Zu UKW kamen digitale Verbreitungswege wie Online-Audio dazu. Daher sind die Sender schon gut aufgestellt und können schnell neue Formate an den Start bringen. Aus dem klassischen Massenmedium Radio ist in den vergangenen Jahren ein One-to-one-Medium geworden. Diese Vorteile kann Radio jetzt nutzen. Über die digitalen Plattformen sind wir auch in permanenten Austausch mit unseren Hörerinnen und Hörern. Das trägt auch dazu bei, dass sich die Community-bildende Funktion des Radios noch einmal verstärkt hat. Radio ist immer im direkten Austausch mit seinen Hörerinnen und Hörern. Moderatoren sind mittlerweile Influencer. Aber auch die Programminhalte und -themen haben sich verändert. Radio musste sich schon immer täglich neu erfinden. Und ich bin mir sicher, dass diese Innovationsfähigkeit den Sendern dabei hilft, auch unbequeme Zeiten durchzustehen. Nähe, Vertrauen und emotionale Bindung sind die Stärken des Radios und wird uns auch weiterhin tragen. 
„Das Geheimnis von Podcasts ist die Intimität, die das Format bietet. “
Grit Leithäuser
Audio erlebt seit einiger Zeit insgesamt einen Boom, vor allem durch Podcasts. Inwieweit können die klassischen Radiosender von der Entwicklung profitieren? Wir gehen dahin, wo die Hörer sind. Ob das nun Smart Speaker, Audio-on-Demand oder Podcasts sind. Podcasts ergänzen das Audio-Angebot um eine Individualnutzung. Das Geheimnis von Podcasts ist die Intimität, die das Format bietet. Da werden ja manchmal Sachen rausgekitzelt, die bei visuellen Medien gar nicht vorstellbar wären. Insgesamt bedient der Audiokosmos inzwischen alle Bedürfnisse perfekt: Von den Nachrichten am Morgen über die Tagesbegleitung über den Tag hinweg bis hin zu on-Demand-Angeboten, die man eher am Abend nutzt. 

Auf der anderen Seite drängen aber auch Start-ups, Verlage und TV-Unternehmen massiv in das Podcast-Geschäft. Haben klassische Radiounternehmen hier noch einen Vorsprung? Wie man Audio richtig macht, das wissen die Radiosender. Das haben sie von der Pike auf gelernt und das macht Radio mittlerweile seit rund 100 Jahren erfolgreich. Dass sich Audio so großer Beliebtheit erfreut, zeigt, dass Radio das Medium der Stunde ist. Audio ist ein Wachstumsmarkt. Die Radiosender haben das entsprechende Know-how. Andere Player eignen sich diese Fähigkeiten jetzt erst an. Man darf auch nicht vergessen, dass Podcasts nur ein Ausspielweg für Audioinhalte sind. Aber der Wettbewerb belebt die Audiowelt. 

Die Vielfalt von Audio ist auch eines der Themen des Radio Advertising Summit, der in diesem Jahr zum zweiten Mal in digitaler Form stattfindet. Hat sich das Konzept im vergangenen Jahr bewährt? Im vergangenen Jahr mussten wir sehr schnell umsteuern. Ich glaube, wir waren sogar der erste Fachkongress, der von einem Live-Format komplett auf digital umstellen musste, weil der Radio Advertising Summit sehr früh im Jahr stattfindet. Ich hätte mir natürlich gewünscht, die Besucher vor Ort begrüßen zu können und unsere Themen zu präsentieren. Es hat nicht sollen sein. Daher haben wir uns noch einmal für eine digitale Variante entschieden. Unser Motto in diesem Jahr lautet: Primetime für Audio. Es geht um die Lust am Hören, ist aber auch eine klare Botschaft an den Werbemarkt: Radio ist das Medium der Stunde und ein Restart-Medium.
„ Unser Motto in diesem Jahr lautet: Primetime für Audio. “
Grit Leithäuser
Audio gewinnt nicht nur für die Menschen, sondern auch für die Werbetreibenden an Bedeutung. Wenn ich Menschen schnell und wirkungsvoll erreichen will, und das in einem vertrauenswürdigen Umfeld, dann ist Audio genau das richtige Medium. Wer in diesen Zeiten Gehör finden will für seine Botschaften, der kommt an Audio nicht vorbei. Und wenn nach dem Lockdown der Handel wieder öffnet, dann sind wir ein Primetime-Medium für den Markt. Dazu kommt, dass die Hörer Audio mittlerweile völlig flexibel nutzen können, auch zeitlich. Die Hörer können sich selbst aussuchen, wann für sie Primetime ist. Wir haben so viel zu erzählen. Der Werbemarkt hat eine Menge dringende Fragen. Und Audio kann Antworten liefern. Das wollen wir zeigen. 

Auf welche Formate setzen Sie dabei? Wir werden den Content nicht wie andere Fachkongresse an einem Tag ausspielen, sondern haben uns entschieden, das sehr "snackable" zu machen. Die Themen sind gut verpackt und gut konsumierbar – auch mal zwischendurch. Wir werden den Content über einen Zeitraum von vier Wochen ausspielen und in ganz verschiedenen Formen: Es wird Webinare geben, um bestimmte Themen zu vertiefen, es wird Live-Formate geben, aber auch On-Demand-Formate. Die Bandbreite erstreckt sich von Streams über Podcasts bis hin zu Videos und Texten. Gebündelt wird der Content auf der Website Radioadvertisingsummit.de als zentralem Content-Hub. Die Inhalte sind für jeden frei zugänglich. Das bietet natürlich auch die Chance, die Inhalte einem noch größeren Publikum zu präsentieren. 
„Wir sehnen uns alle nach persönlichem Austausch. “
Grit Leithäuser
Was sind die zentralen Themen des Radio Advertising Summit? Wir haben vier Themen-Cluster gebildet. Das erste Themen-Cluster dreht sich um das Thema "Vertrauen". Das ist im Moment wichtiger denn je. Damit schaffen wir bei den Hörerinnen und Hörern Beziehung, Nähe und Reichweite. Der zweite Themenbereich ist der große Block  "Audio-Perspektive". Dabei geht es um die Fragen, die uns alle beschäftigen: Wie geht es wirtschaftlich weiter, und was verändert sich in der Kommunikations- und Medienwelt? Welche Relevanz hat Radio in der neuen Normalität? Das dritte Themen-Cluster ist "Audio-Vielfalt". Hier präsentieren wir das Medium in seiner ganzen Vielfalt und erklären, was es für die Werbung leisten kann. Neben den neuen Kanälen spielt hier auch das Thema Kreation eine große Rolle. Der vierte Themenblock ist das Thema "Wirkung". Hier wollen wir zeigen, was das Medium leistet und wie der Markt mit bestehenden und neuen Werbeformen erreicht werden kann. 

Welches sind aus Ihrer Sicht die Highlights des Radio Advertising Summit? Im ersten Themenblock wird WDR-Intendant Tom Buhrow über das Thema Vertrauen sprechen. Wir haben außerdem eine ganze Reihe von Cases zusammengetragen, die zeigen, was das Medium im vergangenen Jahr für die Kunden und auch für die Hörer geleistet hat. Wir diskutieren, warum Audio das Thema der Stunde ist – auch mit Wettbewerbern wie Spotify oder OMR. Marcel Fratzscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung wird für uns die wirtschaftlichen Aussichten einordnen. Die beiden großen Audio-Vermarkter werden aufzeigen, welche neuen Vermarktungstrends und -möglichkeiten es bei Ihnen gibt. Und wir haben eine neue Gattungsstudie zur Mediennutzung aufgelegt, die wir gemeinsam mit AS&S und RMS präsentieren werden. 
Grit Leithäuser
© Radiozentrale
Mehr zum Thema
Branchenevent

Das ist das Programm des Radio Advertising Summit 2021

Der Radio Advertising Summit findet in diesem Jahr wie die meisten anderen Branchenevents digital statt. Da sich das Konzept im Vorjahr gut bewährt hat, bietet die Veranstaltung der Radiozentrale auch 2021 über insgesamt vier Wochen hinweg einen Vielzahl von Events wie Vorträge, Webinare, Interviews und Diskussionsrunden - sowohl live als auch On-Demand. Das Motto lautet "Primetime für Audio".

Können Sie sich vorstellen, an dem Konzept einer digitalen Veranstaltungsreihe festzuhalten? Oder wird der Radio Advertising Summit 2022 wieder eine Präsenzveranstaltung? Ich wünsche mir natürlich eine Päsenzveranstaltung. Wir sind ein Medium, das Menschen zusammenbringt. Dafür bietet eine klassische Veranstaltung die besten Voraussetzungen und ich glaube, wir sehnen uns auch alle nach dem persönlichen Austausch. Ich bin aber davon überzeugt, dass Events künftig hybrid stattfinden. Man kann das Rad ja nicht zurückdrehen. Wir lernen gerade, mit welchen Formaten man welche Zielgruppen erreichen kann und wir können die digitalen Möglichkeiten in Zukunft nicht mehr ausblenden. Aber wir wollen auch wieder die Nähe zu den Menschen herstellen und meine Hoffnung ist, dass wir das 2022 wieder erleben werden. 

Was wünschen Sie sich für 2021 – persönlich, aber auch für die Radiobranche? Persönlich wünsche ich mir, dass wir alle wieder mehr Bewegungsfreiheit bekommen und persönliche Treffen, vor allem im familiären Bereich, bald wieder möglich sind. Ich wünsche mir ein Weihnachtsfest mit meiner Familie und nicht wie im vergangenen Jahr per Videokonferenz. Das möchte ich nicht noch einmal erleben. Für unsere Branche wünsche ich mir, dass es schnell wieder richtig losgeht. Ich hoffe, dass sich das Geschäft schnell wieder normalisiert. Wenn Handel und Wirtschaft wieder geöffnet sind, mache ich mir um Radio keine Sorgen. Zu diesem Zeitpunkt wird das Medium wieder der richtige Partner für die Werbungtreibenden sein. Und ich freue mich darauf, den Kontakt mit Geschäftspartnern bald wieder persönlich pflegen zu können. 
Interview: David Hein 

Kommentare

Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

    stats