Pro Quote

So wenige Chefinnen gibt es bei deutschen Zeitungen und Zeitschriften

In deutschen Redaktionen geben in der Regel Männer die Richtung vor
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In deutschen Redaktionen geben in der Regel Männer die Richtung vor
Frauen sind in den Führungsetagen vieler Zeitungsredaktionen in Deutschland aus Sicht des Vereins Pro Quote Medien weiterhin stark unterrepräsentiert. Das Geschlechterverhältnis speziell bei Regionalzeitungen sei nach wie vor "katastrophal", heißt es in einem am Donnerstag in Hamburg vorgelegten Bericht des Vereins. Es handelt sich um eine Übersicht der Geschlechterverteilung in journalistischen Führungspositionen bei Zeitungen, Zeitschriften, Onlinemedien und Nachrichtenagenturen.

Dazu listete der Verein Daten zur Zusammensetzung von Chefredaktion und Stellvertretung unter anderem bei 100 Regionalzeitungen mit Stand Frühjahr 2019 auf und kam zu dem Schluss: Bei den Regionalzeitungen mit eigenem Mantelteil betrage der vom Verein berechnete so genannte Frauenmachtanteil 10,2 Prozent. Bei einer Untersuchung vor drei Jahren, bei der allerdings nicht alle Zeitungstitel deckungsgleich mit der jetzigen Berechnung sind, lag der Anteil bei 9,5 Prozent.



In einer Diskussionsrunde zu dem Bericht zog die Staatssekretärin im Bundesfrauenministerium, Juliane Seifert, einen Vergleich zur Politik. Auf regionaler Ebene gebe es ebenfalls viel weniger Frauen als Männer in Ämtern von Bürgermeistern und kommunalen Räten. Seifert betonte zuvor in einer Rede, dass es seit der Gründung der Bundesrepublik mehr Staatssekretäre mit dem Namen Hans als Staatssekretärinnen überhaupt gegeben habe. Sie verwies auch auf die hohen Männeranteile in Vorständen von Unternehmen. Sie sprach von einem Gerechtigkeitsproblem.

Bei zehn untersuchten überregionalen Tages- und Wochenzeitungen beträgt der Frauenmachtanteil laut dem Bericht 25,1 Prozent. Dieser Wert beziehe sich auf alle redaktionellen Führungspositionen bis hinunter zur stellvertretenden Ressortleitung. Laut Auflistung erreicht die "Tageszeitung" (taz) mit 50,8 Prozent den höchsten Frauenmachtanteil.


Die Studie, die vom Bundesfrauenministerium gefördert wurde, nahm auch Publikumszeitschriften mit einer verkauften Auflage ab 100.000 Exemplaren in den Blick. Dort liege der Frauenmachtanteil in den Chefredaktionen mit 48,9 Prozent nur knapp unter der Parität.

Mit Frauenmachtanteil ist nicht der Frauenanteil an sich in den Führungsteams gemeint. Pro Quote Medien gewichtet die Ebene der Führungspositionen zusätzlich. Je höher eine Position ist, desto mehr Gewicht bekommt sie innerhalb der gesamten Berechnung des Machtanteils.

„Ich merke das immer, wenn ich in männliche Monokulturen komme, dass ich sofort Juckreiz am ganzen Körper bekomme.“
Marion Horn
Der Verein nimmt zudem seit Jahren mehrere als Leitmedien definierte Zeitungen und Magazine in den Blick. Hier sieht der Verein Verbesserungen. Der durchschnittliche Frauenmachtanteil liege aktuell bei 28,3 Prozent. Bei der ersten Zählung im Jahr 2012 seien es noch 13,7 Prozent gewesen. Beim Magazin "Stern" haben Frauen der Berechnung zufolge mit 52,2 Prozent derzeit den größten Machtanteil unter den Leitmedien.

Das Magazin gehört zum Hamburger Verlag Gruner + Jahr. Verlagschefin Julia Jäkel, die selbst Mitglied von Pro Quote ist, sagte in einer Diskussionsrunde zu der Studie: Wenn man kreativ und innovativ sein wolle, brauche es eine diverse Firmenkultur. Eine gute Durchmischung nicht nur der Mannschaft, sondern auch der Führungsmannschaft sei nicht nur relevant mit Blick auf Artikel 3 des Grundgesetzes, in dem der Gleichheitsgrundsatz festgeschrieben ist. "Sondern: Es ist für uns fürs Business essenziell, dass wir hier Dinge aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten", betonte Jäkel. Sie sagte auch: "Ich kenne keine Männer, die in einer Monokultur arbeiten wollen" - jedenfalls keine, die sie ernst nehme.

Um mehr Frauen in Führungspositionen zu bekommen, betonte Jäkel mit Blick auf ihre Erfahrungswerte im Verlag: Es sei wichtig sich zu fragen: "Wie ist die Atmosphäre in einem Unternehmen? Wie ist die Sprache in einem Unternehmen? Wie sprechen wir miteinander? Wie sind die Witze, die in einem Unternehmen gemacht werden? Wie ist die Weihnachtsfeier?" Das seien Dinge, die klar machten, weshalb sich Frauen in einem Unternehmen wohl fühlen. Und es brauche Frauen, die anderen Frauen zeigen, dass es Spaß mache, in dem Unternehmen zu arbeiten.

Die Chefredakteurin von "Bild am Sonntag", Marion Horn, bekräftigte in der Runde, dass Atmosphäre ein wichtiger Faktor sei. Sie sagte auch: "Ich merke das immer, wenn ich in männliche Monokulturen komme, dass ich sofort Juckreiz am ganzen Körper bekomme." Wenn der Anteil von Frauen in Teams signifikant höher werde, verändere sich die Stimmung. Was sie sich wünsche, sei, dass sich Frauen im Job selbst mehr zutrauten, sagte sie an anderer Stelle des Gesprächs.

Bei der Untersuchung stützte sich der Verein auf das jeweilige Impressum des Mediums. Wo die Informationen nicht ausgereicht hätten, sei weiter recherchiert oder direkt bei den Redaktionen angefragt worden. Der Verein Pro Quote Medien setzt sich seit seiner Gründung im Jahr 2012 dafür ein, dass mehr Frauen in Führungspositionen im Journalismus kommen.

Ein erster Teil der Studie erschien bereits im November 2018 und nahm den Rundfunk in den Blick. Den durchschnittlichen Frauenmachtanteil im öffentlich-rechtlichen Bereich bezifferte der Verein auf 37,7 Prozent.

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