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Handelsblatt, taz und Hörzu legen gegen den Trend zu, Bild verliert weiter

Die meisten Zeitungen verlieren Leser
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Die meisten Zeitungen verlieren Leser
Vor wenigen Tagen sorgte die "taz" für gewaltige Schlagzeilen. Grund war ein Schreiben, in dem der Geschäftsführer der Zeitung, Karl-Heinz Ruch, laut über ein Ende der gedruckten Ausgabe nachdachte. Auch wenn es mit Auflagen und Reichweiten der Tageszeitungen seit Jahren bergab geht - so schlecht steht die "taz" derzeit gar nicht da. In der von der Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse (Agma) veröffentlichten neuen Reichweitenanalyse MA 2018 II ist der linke Titel sogar einer der wenigen Gewinner. Insgesamt zeigt die Kurve allerdings weiter nach unten - und zwar bei Tageszeitungen und Zeitschriften gleichermaßen. 
Zulegen kann einmal mehr das "Handelsblatt". Der Holtzbrinck-Titel steigert seine Reichweite um 20.000 auf 480.000 Leser. Damit führt der Titel von Chefredakteur Sven Afhüppe, der vor einem Jahr noch bei 450.000 Lesern gelegen hatte, das Ranking der Reichweitengewinner gemeinsam mit der "taz" an, die genauso viele Leser hinzugewinnt und nun 220.000 Leser erreicht.
Während "Berliner Morgenpost" (240.000 Leser) und "Hamburger Morgenpost" (280.000 Leser) noch mit jeweils 10.000 Lesern leicht hinzugewinnen, ist bei "Süddeutscher Zeitung" (1,25 Millionen Leser) und der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (760.000 Leser) Stagnation angesagt.

Print-MA: Die Reichweitenentwicklung der Tageszeitungen

TitelMio. LeserVeränd.
Handelsblatt0,480,02
taz die tageszeitung0,220,02
Berliner Morgenpost0,240,01
Hamburger Morgenpost0,280,01
Süddeutsche Zeitung1,250,01
Frankfurter Allgemeine Zeitung0,760,00
Berliner Kurier0,220,00
EXPRESS0,41-0,01
tz0,18-0,02
Mediengruppe Thüringen0,72-0,02
Braunschweiger Zeitung0,31-0,03
Morgenpost für Sachsen0,13-0,04
Hamburger Abendblatt Gesamtausgabe0,45-0,05
B.Z.0,31-0,05
WELT PRINT Werktag0,66-0,06
FUNKE Medien NRW1,54-0,09
BILD DEUTSCHLAND GESAMT9,42-0,47
Brutto-Kontakte17,57-0,76
Quelle: AGMA
Bergab geht es vor allem bei den überregionalen Springer-Titeln. So verliert die werktäglich gedruckte "Welt" (660.000 Leser) gegenüber der MA 2018 I unter dem Strich 60.000 Leser, die Reichweite der "Bild"-Zeitung sinkt sogar um 470.000 auf 9,42 Millionen Leser. 

Zeitschriften im Sinkflug

Nicht viel besser ist die Entwicklung beim Schwestertitel "Bild am Sonntag". 7,83 Millionen Leser weist die MA für den Titel aus - das sind 770.000 weniger als bei der letzten Ausweisung. Deutlich steiler bergab geht es aber für "rtv". Der Programmie stürzt um 1,1 Millionen auf 7,7 Millionen Leser ab. Ähnlich ergeht es der "ADAC Motorwelt", die noch knapp 13,9 Millionen Leser erreicht - eine Million weniger als bei der vorigen Ausweisung. 

Print-MA: Die 10 Zeitschriften mit dem größten Reichweitenverlust

TitelReichweite in Mio. LeserVeränd zu Print MA I
rtv7,74-1,13
ADAC Motorwelt13,87-1,02
tv145,82-0,94
BILD am SONNTAG7,83-0,77
BILD der FRAU5,16-0,59
Das Haus0,82-0,42
COMPUTER BILD1,72-0,40
TV SPIELFILM4,61-0,37
tv Hören und Sehen3,00-0,33
kicker-sportmagazin2,82-0,26
Quelle: AGMA
Angesichts dieser Horrorzahlen kommen die großen Wochenmagazine noch mit einem blauen Auge davon. Dennoch müssen "Stern" (6,3 Millionen Leser / minus 150.000), "Spiegel" (5,9 Millionen Leser / minus 170.000) und "Focus" (4,3 Millionen  Leser, minus 180.000) ebenfalls Federn lassen. Besonders hart trifft es die "Bunte". Das People-Magazin von Burda rutscht um 230.000 auf knapp 4,4 Millionen Leser ab. 

Print-MA: Die Top 10 Reichweitengewinner der Zeitschriften

TitelReichweite in Mio. LeserVeränd. zu MA I
HÖRZU3,880,26
TV Movie4,880,20
SPORT BILD4,370,19
TVdirekt2,290,16
DIE ZEIT1,660,15
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung0,670,15
Men's Health0,940,12
Women's Health0,480,11
NEUE WELT0,760,11
BILD+FUNK0,770,10
Quelle:
Dass es auch aufwärts gehen kann, zeigen einige Programmies. So legt die "Hörzu" deutlich um 260.000 auf knapp 3,9 Millionen Leser zu, "TV Movie" (4,9 Millionen Leser) gewinnt 200.000, "TV direkt" (2,3 Millionen Leser) 160.000 Leser hinzu. Erfreulich ist die Entwicklung auch bei der "Zeit". Der Wochentitel, der zuletzt massiv an Reichweite verloren hatte, kriegt anscheinend die Kurve und erreicht nach einem Plus von 150.000 Lesern nun insgesamt 1,66 Millionen Leser. Die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" legt genauso stark zu und erreicht 670.000 Leser.

Insgesamt zeigt die neue MA eine sinkende Nutzung bei Zeitungen und Zeitschriften. Die aktuell ausgewiesenen Magazine werden von 61,2 Millionen Personen über 14 Jahren in Deutschland gelesen – das sind 600.000 weniger als zuvor (MA 2018 I). Die Gesamtreichweite aller Zeitungen liegt bei 39,3 Millionen Personen (minus 1,3 Millionen).

Ein wichtiger Befund, denn in den vergangenen Jahren hatte eine wachsende Diskrepanz zwischen (meist sinkenden) Auflagen und (oft stabilen bis sogar steigenden) Reichweiten die MA einige Glaubwürdigkeit gekostet. Nun beginnen die Leserzahlen den Verkäufen stärker hinterher zu sinken. Die MA reagiert aus methodischen Gründen nur langsam auf die Auflagenentwicklung – aber sie reagiert. Für die Verlage eine paradoxe Situation: Ausgerechnet der unerfreuliche Leserverlust nimmt die MA etwas aus der Schusslinie.

"Die in Summe über die letzten Jahre festzustellenden Reichweitenrückgänge in den MA-Zahlen spiegeln das sich ändernde Leseverhalten der gedruckten Ausgaben plausibel wieder", sagt Gerhard Müller, Agma-Vorstand Tageszeitungen. "Dennoch ist und bleibt die Zeitung ein beständiger und qualitativ hochwertiger Werbeträger, mit hoher Reichweite bei einer gleichzeitig besonders intensiven Nutzung der interessierten Leserschaft."

Das Thema Auflagen- versus Reichweitenentwicklung ist so alt wie die MA selber. Und es gibt sachliche Gründe für diese Abweichungen, nicht jedoch für einzelne Ausreißer, die MA-Kritiker gerne zum Regelfall hochjazzen. Doch zuletzt nahmen die Unplausibilitäten zu, Kunden und Agenturen muckten auf, Gruner + Jahr drohte indirekt mit einem Rückzug aus der MA. Aktuell laufen hinter den Kulissen diverse Diskussionen über methodische Veränderungen der MA. Einige kleinere Verbesserungen hat die Agma bereits Ende 2017 beschlossen, etwa eine stärkere Abgrenzung von digitalen Angeboten und Titelfamilien. Sichtbar wird dies erst in der MA 2019 I, die im kommenden Januar erscheint. mas/rp


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