Tronc

Wie ein branchenfremder Investor die "New York Daily News" ruiniert

Viele Mitarbeiter der "New York Daily News" verlieren ihren Job
© New York Daily News
Viele Mitarbeiter der "New York Daily News" verlieren ihren Job
Die Sitzung in den Redaktionsräumen der New York Daily News dauerte weniger als eine Minute. Emotionslos trug der Vize-Präsident des Mutterunternehmens Tronc die schlechte Nachricht vor, dass die Hälfte der Redaktion samt dem Chefredakteur Jim Rich mit sofortiger Wirkung keine Jobs mehr hat. Die folgenden Stunden waren dafür umso gefühliger. Es flossen reichlich Tränen in den Büros der News an der 42nd Street, hartgesottene Reporter lagen sich schluchzend in den Armen.

Die Trauer galt nicht allein den rüde in die Arbeitslosigkeit gestürzten Kollegen. Vielmehr war den Journalisten klar, dass dieser Schritt das Ende einer journalistischen Institution bedeutet. Die wichtigste New Yorker Boulevardzeitung, die im kommenden Jahr 100 Jahre alt wird, war über Jahrzehnte die Stimme der Arbeiterschicht in der Stadt. Sie hat Dutzende von Pulitzer-Preisen für die Aufdeckung von Machtmissbrauch und Korruption in New York eingeheimst. Zuletzt machte sie mit furchtloser und humorvoller Kritik an Donald Trump von sich reden.



Dem Verleger Grant Whitmore zufolge ist diese Tradition nicht in Gefahr – die Streichungen brächten die Zeitung für die Zukunft in Stellung. Der gefeuerte Chefredakteur Jim Rich sah das anders. "Wenn Sie Demokratie hassen und glauben, dass die Mächtigen im Verborgenen operieren sollten, dann ist heute ein guter Tag für Sie", twitterte er.

Anlass zur Skepsis gibt es genug. So wurden die Entlassungen verkündet, ohne dass die Muttergesellschaft Tronc – ein viel verspottetes Kürzel für Tribune Online Content – ein Konzept vorlegte, wie es weitergehen soll. Die Frage eines Reporters, warum es kein solches Konzept gebe, beantwortete Whitmore lapidar: "Das ist eine gute Frage. Das war nicht unser Ansatz." Tronc hat offenkundig keinen Plan, profitablen Journalismus zu betreiben. Die einzige erkennbare Strategie ist laut dem Medien-Experten der New Republic, Alex Shephard, "die Unternehmen, die Tronc hat, auszuplündern, solange es noch geht".


So hatte die Nachfolge-Gesellschaft des Chicago Tribune Verlags erst kurz vor den Entlassungen in New York die Los Angeles Times, ebenfalls eine amerikanische Traditionszeitung, für 500 Millionen US-Dollar an den südafrikanischen Investor Patrick Soon-Shiong verkauft. 327 Millionen davon wurden zur Abzahlung von Bankschulden benutzt, 75 Millionen als Dividende ausbezahlt. Um den Deal attraktiver zu machen, wurden 80 Redakteure entlassen.

Von den großspurigen Verlautbarungen, die Tronc bei der Gründung 2014 von sich gab, ist nicht viel übrig geblieben. Stattdessen ist die Geschichte zu einem der schlimmsten Beispiele dafür verkommen, was branchenfremde Investoren mit überdimensionierten Persönlichkeiten im Nachrichtengeschäft anrichten können.

Bevor der Internet-Milliardär Michael Ferro den überschuldeten Tribune-Verlag mit Traditionsblättern wie der Los Angeles Times, dem Chicago Tribune und der Baltimore Sun übernahm, hatte er bereits mit der Chicago Sun Times Federn gelassen. Seine großartigen Innovationspläne reichten von einem Aggregator für Lokalnachrichten aus dem ganzen Land bis hin zum Launch neuer Magazine zu den Themen Promis, Sport und Business. Doch keine dieser Ideen ging auf, Auflage und Umsatz stürzten immer tiefer – vom Ruf der Zeitung ganz zu schweigen. Dennoch glaubte er weiterhin, die Zukunft des Journalismus gestalten zu können, als der Immobilienmogul Sam Zell die Tribune Company zum Spottpreis verkaufen musste.

Zu den Innovationen gehörte die Einführung künstlicher Intelligenz bei der Produktion von Videos sowie die Erzeugung von "Content-Abbau-Robotern". In einem Werbevideo, das zum Gespött der Branche wurde, faselte die Technologiechefin des Unternehmens etwas von Trichtern, in die Content gefüllt und an einen globalen Markt verteilt werde.

Ferro schlug auch zu, als im September 2017 die Daily News zum symbolischen Preis von einem Dollar nebst Übernahme der Verbindlichkeiten auf den Markt kam. Doch er kam gar nicht mehr dazu, mit der News seine Experimente zu betreiben. Er musste im März dieses Jahres nach Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs zurücktreten. Dennoch behielt er einen Beratervertrag über 15 Millionen Dollar bei Tronc. Und er stimmte unter anderem für die Auszahlung der Dividende aus dem Verkauf der Los Angeles Times. Als Großaktionär kam ihm auch dieser Schachzug unmittelbar selbst zugute.

In New York sehen selbst diejenigen, die sich am meisten vor der Daily News fürchteten, diese Entwicklungen mit Grauen. "Das ist eine Katastrophe für den Journalismus und eine Katastrophe für New York", kommentierte der Bürgermeister Bill de Blasio. "Tronc sollte die Daily News an jemanden verkaufen, dem der Journalismus am Herzen liegt."

Diese Gelegenheit hatte der Konzern. Im vergangenen Jahr bot das Verlagshaus Gannett, das unter anderem USA Today herausgibt, für die Tribune Company. Ferro wollte jedoch nicht verkaufen, er glaubte noch immer daran, als Retter des Journalismus in die Geschichte einzugehen. Ob Gannett an dem, was nun von der Tribune Company übrig ist, noch Interesse hat, muss sich erst noch zeigen.

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