Neue Redaktionsspitze

Hat der Spiegel ein Compliance-Problem? / Debatte um Verantwortung für Relotius-GAU

Kann Susanne Amann als künftiger Managing Editor weiter KG-Chefin bleiben? Darüber streiten gerade die Juristen
© Manfred Witt
Kann Susanne Amann als künftiger Managing Editor weiter KG-Chefin bleiben? Darüber streiten gerade die Juristen
Während der Relotius-Fälschungsskandal den Spiegel und die Medienwelt auf der großen öffentlichen Bühne in Atem hält, bahnt sich hinter den Kulissen zusätzlicher Ärger an. Ein mögliches Compliance-Problem steht im Raum. Es formiert sich Kritik an drei Köpfen des künftigen redaktionellen Führungsteams; bei zweien spielt der Relotius-Fall eine Rolle. Anderes dagegen riecht eher nach Schlammschlacht.

Im Januar soll die neue dreiköpfige Chefredaktion um Steffen Klusmann ihre Arbeit aufnehmen. Und in der zweiten Führungsebene rund zehn Kollegen als Leiter der neu gebildeten ressortübergreifenden Funktionen – anstelle der bisherigen Vize-Chefredakteure. Etwa ein Dutzend Köpfe bestimmen also ab 2019 die redaktionellen Geschicke des Spiegel.



Einer von ihnen ist die bisherige Print-Wirtschaftsressortleiterin Susanne Amann. Sie soll im neuen Führungsteam einer von zwei "Managing Editors" werden: Als eine Art redaktionelle Change-Managerin soll sie die Redaktionsfusion antreiben und sich auch im Alltagsgeschäft ressortübergreifend um effiziente Abläufe, Kosten und Personalplanung kümmern. Dass ausgerechnet Amann in ihrem neuen Job eine Etage höher steigt, ruft interne Kritiker auf den Plan. Der Grund: Amann ist die einflussreiche Sprecherin der gewählten fünfköpfigen Geschäftsführung der Mitarbeiter KG, der Hauptgesellschafterin des Verlags (50,5 Prozent).

In dieser Funktion spielte sie eine wichtige Rolle bei der Absetzung des Ex-Chefredakteurs Klaus Brinkbäumer – und wurde jetzt von Nachfolger Klusmann befördert. Diese möglichen Rollenkonflikte sind beim Spiegel zwar so alt wie dessen Mitarbeiterbeteiligung selber: über 40 Jahre. Schon immer bestimmten hier Mitarbeiter-Gesellschafter über das Schicksal von Chefredakteuren und Geschäftsführern, die im Berufsalltag ihre Chefs sind.


Der Aufstieg Amanns jedoch könnte heikler sein. Kritiker nennen den möglichen Grund: In ihrem neuen Job als Managing Editor habe sie strukturverändernde Befugnisse – und genau die seien mit ihrem KG-Amt nicht zu vereinbaren. Als Gesellschaftervertreterin würde sie ihre Arbeit quasi selber kontrollieren, heißt es. Wegen solcher drohender Befangenheiten schließt der KG-Vertrag aus, dass Geschäftsführer, Verlagsleiter, Prokuristen, Chefredakteure und deren Stellvertreter zugleich KG-Vertreter sein können. Doch gilt das auch für die neue zweite Redaktionsebene, früher die Vizes, künftig Amann und Co? Die Kritiker sagen: Ja! Ein KG-Amt sei nicht mit der neuen Funktion eines Managing Editors zu vereinbaren, daher müsse Amann es niederlegen. Sie berufen sich dabei auf ein Papier des Juristen und langjährigen Spiegel-Autors Thomas Darnstädt, der selber bis 2007 Sprecher der Mitarbeiter KG war. Auf den vier Seiten, die HORIZONT Online vorliegen, heißt es, Amanns künftige Funktion unterliege (wie früher die Vizes) dem unmittelbaren und alleinigen Zugriff der Chefredaktion, sei dieser "in besonderer Loyalität verpflichtet" und umfasse mit Posten wie Etats, Personal und Veränderungsprozess auch Chefredakteurs-ähnliche Aufgaben – sowie Aufgaben, für die sich die Gesellschafter "die Letztentscheidung vorbehalten haben". Hier könnte es laut Darnstädt also zu Interessenskonflikten zwischen beiden Ämtern kommen.

Deshalb müsse Amann mit der Übernahme ihres neuen Jobs als Vertreterin der Mitarbeiter KG ausscheiden; "für eine Wiederwahl dürfte sie zudem nicht kandidieren", schreibt Darnstädt. Und weiter: "Sollte Frau Amann nicht von sich aus eine Erklärung über ihr Ausscheiden abgeben, kann sie von jedem stillen Gesellschafter dazu mit Fristsetzung aufgefordert werden." Dem Vernehmen nach haben dies Anfang vergangener Woche 20 bis 30 (hier unterscheiden sich die Angaben) der rund 250 Print-Redakteure getan. Da die erwähnte Frist angeblich zwei Wochen beträgt, hieße dies, dass sich Amann bis ungefähr 2. Januar erklären müsste. Und wenn nicht? "Sollte die Frist ungenutzt verstreichen, wäre zunächst ein Schiedsgerichtsverfahren einzuleiten", so der Jurist. Danach könnte eine Feststellungsklage vor dem Landgericht folgen, die sich, begleitet von einem "erheblichen Öffentlichkeitseffekt" (Darnstädt), über Jahre hinziehen könne.

Hier zeigen die Kritiker ihre Waffen. Dabei geht es ohnehin nur noch um zwei, drei Monate, denn spätestens im März wählen die Spiegel-Mitarbeiter turnusgemäß eine neue KG-Spitze. Mindestens zwei der fünf KG-Chefs treten nicht mehr an; Amann hatte sich Ende November noch nicht äußern wollen. Insofern dürften die aktuellen Rücktrittsforderungen vor allem dazu dienen, ihr die Lust auf eine neue Kandidatur von vornherein zu verleiden. Dann würden drei der fünf Köpfe im Machtzentrum des Spiegel neu besetzt. Dies dürfte den eingeleiteten Redaktionsumbau zwar nicht grundsätzlich umkehren. Wohl aber könnte es von manchen Kritikern gewünschte Kursänderungen oder Tempoverlangsamungen zur Folge haben.

An dieser Stelle ein Wort zur besagten Opposition. Von außen erscheint sie als heterogene Gruppe: Kritiker der Redaktionsfusion (die "Zeit" mache es schließlich anders). Gegner des Eintritts der Onliner in die KG, vulgo: Besitzstandswahrer. Oder Befürworter der Onliner-Integration, die nur gerne befragt worden wären. Kritiker der neuen Chefredaktion. Freunde des geschassten Vorgängers Brinkbäumer. Kollegen, die mit Amann vielleicht eine Rechnung offen haben oder ihr den vermeintlich ausgekungelten Aufstieg nicht gönnen. Aber eben auch: Kollegen, die sich um die Corporate Governance sorgen – zumal beim Spiegel, der in seiner Berichterstattung selbst so unerbittlich mögliche Vetternwirtschaft in Politik und Unternehmen anprangert.

Dabei bleibt unklar, wer Darnstädt um das intern kursierende Argumentationspapier gebeten hat; die Rede ist von einem Kreis von Ressortleitern. Darnstädt selber will sich zu allem nicht äußern. Angeblich hat sich auch die fünfköpfige KG-Geschäftsführung zerstritten: Autor Martin Doerry und Dokumentar Thomas Riedel sollen Amann zum Amtsverzicht aufgefordert haben; die beiden Vertreter der Verlagsseite (Vize-Personalchef Carsten Türke und Produktmanager Johannes Varvakis) hätten, mit Amann selber, dagegen gestimmt – und stattdessen für ein "Gegengutachten", das die Compliance-Bedenken prüfen soll. Damit ist dem Vernehmen nach Kai Bandilla beauftragt, Partner der Hamburger Kanzlei Heuking Kühn Lüer Wojtek. Er berät die amtierende und die Vorläufer-KGs des Spiegel seit vielen Jahren. Kollegen berichten, Amann habe gesagt, sie wolle ihre Entscheidung von diesem Gutachten abhängig machen. Die KG-Chefin war bisher nicht zu erreichen.

Derweil wird auch die Beförderung von Ullrich Fichtner zum Co-Chefredakteur debattiert. Und die von Matthias Geyer zu einem der "Blattmacher", die Hefte und Website konzipieren und redigieren sollen. Fichtner, damals Leiter des Gesellschaftsressorts, hatte den nun als Fake-Reporter entlarvten Claas Relotius 2014 zum Spiegel geholt, war dessen Chef und hat seine Arbeiten betreut, so wie seit 2016 Geyer. Hätten beide, Fichtner und Geyer, etwas merken müssen? Inwieweit tragen sie zumindest eine politische Verantwortung? Waren sie bei Relotius‘ tollen Texten, die außerdem womöglich politisch erwünschte emotionale Wortbilder malten (US-Kleinstädte mit hinterwäldlerischen Trump-Wählern und syrische Kriegskinder, die von Angela Merkel träumen) bei nicht belegten Aussagen weniger kritisch als sonst? Hätte Relotius schon 2017 entlarvt werden können, wenn seine Chefs auf Einwände von Spiegel-TV-Kollegen gehört hätten?

Geyer und – als designierter Co-Chefredakteur – Fichtner waren jetzt die ersten, die von dem Verdacht erfuhren. Meint Juan Moreno (Relotius‘ Kollege, der dessen Fälschungen intern zunächst gegen Widerstände aufgedeckt hatte) diese beiden, wenn er sagt, seine Chefs hätten ihm anfangs "schlichtweg nicht geglaubt"? Dass er gegen Wände gelaufen sei? Und warum hat es offenbar vier Tage gedauert, bis Fichtner und Geyer nach Relotius' Geständnis die amtierende Chefredaktion informiert haben? In Bild erklärt eine Spiegel-Sprecherin dies mit der "turbulenten Zeit des Übergangs von einer auf eine andere Führungsmannschaft". Unwahrscheinlich ist es, dass Moreno die amtierende Chefredaktion meint, also die Vizes Susanne Beyer, Dirk Kurbjuweit und Alfred Weinzierl, die seit Brinkbäumers Abgang im September die Geschäfte führen. Klusmann tritt erst im Januar an – musste aber schon vor Weihnachten viele Scherben aufkehren und die Aufklärung starten. Derweil erhält Fichtner für seine essayistische Rekonstruktion, mit der Spiegel Online die Aufarbeitung startete, viel Lob – aber auch grundsätzliche Formatkritik von Journalistenkollegen, mitunter aus dem eigenen Haus.

"Wer Verantwortung zu tragen hat, wird sie tragen", kündigte Klusmann vor Weihnachten auf Spiegel Online in einem Brief an die Leser an. Eine Aufklärungskommission werde im Januar ihre Arbeit aufnehmen, "hin zu einer Neuaufstellung" der Organisation oder Abläufe.

Auch Brinkbäumer, der Relotius 2017 fest eingestellt hatte, wird intern bei der Ursachensuche genannt. Tenor: Unter anderem am Fall Relotius sehe man, dass es ein Fehler gewesen sei, so großes Gewicht und interne Anreize auf "bloß hübsch geschriebene Geschichten" zu legen. Tatsächlich lautete einer der Kritikpunkte am früheren Chefredakteur, er erkenne und fördere edel verfasste Essays, Reportagen oder "Szenische Rekonstruktionen" eher als investigative Storys. Nachfolger Klusmann dagegen gilt als einer, der mehr Erklärstücke und "härtere" oder exklusive (Hintergrund-) Geschichten rund um Nachrichten will. Aber natürlich: Auch Brinkbäumer ist von Relotius betrogen worden. "Einen Verdacht hatte ich nie", schreibt er auf Facebook.

Es "lohnt sich, über die Form der Reportage und ihre Versuchungen noch einmal nachzudenken", erklären Klusmann und Kurbjuweit jetzt, "ebenso wie über die vielen Journalistenpreise, die den Ehrgeiz anstacheln, aber nicht immer in einer gesunden Form". Relotius‘ Geschichten seien "totaler Zeitgeist" gewesen, meint Moreno. "Die Reportage hat sich in den letzten Jahren massiv Richtung Kurzgeschichte, Richtung Literatur entwickelt."

Zurück zur neuen Führung. Neben Fichtner, Geyer und Amann werden weitere Fälle aus der Riege der künftigen Chefs und zweiten Ebene geraunt – hier geht es indes weniger um KG-Satzungen oder journalistische Verantwortung, sondern um Gerüchte. Sie haben zu tun mit früheren Reisespesen, die angeblich auf Privatreisen entstanden und von damaligen Vorgesetzten gedeckt oder nicht erkannt worden seien. Nachzuprüfen ist das an dieser Stelle nicht. Es zeigt aber: An der Ericusspitze haben sich, neben allem anderen, neue Konfliktlinien aufgetan. rp

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