Netzpolitikerin Marina Weisband

"Journalismus ist noch immer relativ weiß und relativ männlich"

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Marina Weisband
© imago images / Sven Simon
Marina Weisband
Die Corona-Pandemie ist auch für den Journalismus eine große Herausforderung und hat in der Medienlandschaft tiefe Spuren hinterlassen. Wie geht es weiter mit den Medien in der Post-Corona-Zeit? Beziehungsweise welche Medienlandschaft soll unsere demokratischen Gesellschaften in Zukunft prägen? Diese Frage steht im Mittelpunkt des diesjährigen M100 Sanssouci Colloquiums, das am Donnerstag unter dem Motto "Neustart: Shaping the Post-Covid Media Order" in Potsdam stattfindet. Journalist und Digitalberater Frederik Fischer hat für M100 darüber im Vorfeld mit Netzpolitikerin und Autorin Marina Weisband gesprochen.
Sie beschäftigen sich viel mit Diversität im Journalismus. Welche Perspektiven fehlen ihnen besonders in der Berichterstattung? Noch immer ist Journalismus relativ weiß und relativ männlich. Es fehlen also alle anderen Perspektiven. Migrantinnen, Frauen mit kleinen Kindern, People of Color, queere, marginalisierte oder besonders junge Menschen. Wichtig ist, dass es dabei nicht um Identität geht oder darum zu sagen, dass ein weißer, männlicher Journalist nicht gut sei. Es geht vielmehr darum, dass bestimmte Perspektiven erlebt werden müssen, um verstanden zu werden. Und wir brauchen diese Perspektiven, um legitime Sichtweisen zu ergänzen und uns ein vollständigeres Bild von der Gesellschaft zu machen.


Im Netz herrscht ein Kampf um Aufmerksamkeit. Seriöser Journalismus hat in diesem Spiel keine guten Karten. Wie kann sich aufwendig recherchierter Journalismus im Netz dennoch behaupten? Das ist wohl die Frage des Jahrhunderts. Einerseits müssen wir uns ernsthaft fragen, warum unsere Informationen, die demokratische Debatte und der öffentliche Diskurs auf Plattformen passiert, deren Existenzzweck darin besteht, mit Werbung Geld zu verdienen. Wir sollten uns einsetzen für offene, dezentrale Plattformen, die genossenschaftlich den Nutzer*innen gehören.

„Die jetzigen Abo-Modelle sind zu umständlich, kleinteilig und daher ungeeignet.“
Marina Weisband
Plattformen nach diesem Modell haben keine Motivation, Werbung zu verkaufen und müssen folglich auch nicht die radikalsten, aufregendsten Inhalte pushen.
Gut recherchierter Journalismus ist ein Wert an sich. Ein Wert, für den viele Menschen wohl auch bereit sind zu zahlen. Aber die jetzigen Abo-Modelle sind zu umständlich, kleinteilig und daher ungeeignet. Vielleicht liegt die Zukunft auch auf Plattformen wie Patreon, wo ich monatlich spenden kann für eine ganze Reihe von Projekten. Es wird Zeit und eine breite Debatte brauchen.


Wir wollen beim diesjährigen M100 die Weichen stellen für eine zeitgemäße Medienpolitik. Wo sehen Sie momentan den größten Handlungsbedarf, um auch in zehn Jahren noch eine plurale, unabhängige und resiliente vierte Gewalt zu haben? Ich denke, dass Journalismus sich unbedingt vom Aufmerksamkeitskapitalismus lösen muss. In Sachen Geschwindigkeit wird er nie mit sozialen Medien mithalten können. Muss er aber auch nicht, weil er ja gerade den Vorteil hat, Ereignisse sinnvoll einzuordnen, zu belegen und zu recherchieren. In einer unübersichtlichen Welt gibt das eine wichtige Orientierung. Drei Elemente sind dafür wichtig: Erstens muss ein Finanzierungsmodell gefunden werden, das den tatsächlichen Journalismus verkauft und nicht irgendein Nebenprodukt wie Werbung oder Papier. Zweitens müssen Redaktionen aus dem Reagieren auf Stimmungen aus der Bevölkerung (lies: aus den sozialen Medien) rauskommen und mit ihrer Expertise selbst die relevanten Themen identifizieren. Leuten nach dem Mund zu reden, würde die Medienlandschaft entlang politischer Linien spalten, wie wir es in den USA sehen. Drittens müssen wir als Zivilgesellschaft eine Infrastruktur im Internet bauen, die neben den Plattformen quasimonopolistischer, privater Großunternehmen wie Facebook besteht. Das ist eine Frage der Förderung von offener Software, offener Protokolle und Interoperabilität (der Fähigkeit verschiedener Plattformen, untereinander zu kommunizieren und Inhalte zu teilen).

Was ist M100?
M100 ist eine Initiative von Potsdam Media International e.V., die in konzeptioneller Zusammenarbeit mit dem Institut für Medien- und Kommunikationspolitik stattfindet und von der Stadt Potsdam hauptfinanziert wird. Weitere Förderer sind das medienboard Berlin-Brandenburg, National Endowment for Democracy (NED), die Friedrich Naumann Stiftung, das Auswärtige Amt und das Bundespresseamt. Kooperationspartner sind die Stiftung Preussische Schlösser und Gärten, Reporter ohne Grenzen (RoG) und der Verband Deutscher Zeitungsverleger (VDZ).

 
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