Nachruf auf Michael Spreng

Ein sanfter Hüne mit scharfem Verstand

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Michael Spreng wurde 72 Jahre alt
© imago images / Müller-Stauffenberg
Michael Spreng wurde 72 Jahre alt
Michael Spreng war ein homo politicus, wie er im Buche steht. Er liebte die scharfe Analyse so sehr wie die pointierte Meinung. Kontemplativer Journalismus war ihm ein Gräuel. Seine liebste Rolle war ihm aber die des Querulanten, und er wusste, was zu tun ist, um sich diesen Ruf zu erhalten.
Sein letzter Eintrag in seinem Blog "Sprengsatz" datiert vom 25. Februar dieses Jahres, es war ein Dienstag, um 13.17 Uhr. Michael Spreng schrieb unter der Überschrift "Kontinuität oder (Auf)Bruch?" über die Kandidaten im Rennen für den CDU-Vorsitz: Armin Laschet, der im Duo mit Jens Spahn antreten will, über Friedrich Merz und Norbert Röttgen, und Spreng fragte sich, wie sich wohl Markus Söder von der CSU positionieren werde. Er schloss: "Das Rennen ist völlig offen."


Den "Sprengsatz" hatte er 2013 gegründet, in Berlin, kurz vor seinem 65. Geburtstag. Warum? "Erstens", sagte er damals, "weil ich leidenschaftlicher Journalist und Schreiber bin". Und zweitens? "Zweitens wollte ich die verblassende Marke Spreng neu aufladen."

Seine Markenzeichen, rein äußerlich: Er war ein Zwei-Meter-Hüne mit freundlich tiefer Stimme, dessen Singsang seine hessische Herkunft nicht verbarg. Und er galt als eigensinnig, selbstbewusst und, ja, als schwierig. Vor allem diesen Ruf pflegte er mit Bedacht.
„Seine Markenzeichen, rein äußerlich: Er war ein Zwei-Meter-Hüne mit freundlich tiefer Stimme, dessen Singsang seine Herkunft nicht verbarg. Und er galt als eigensinnig, selbstbewusst und, ja, als schwierig. Vor allem diesen Ruf pflegte er mit Bedacht.“
"Spreng muss weg". Wie oft dieser Satz bei Springer fiel, als er Chefredakteur von Bild am Sonntag war.


Begonnen hatte seine journalistische Laufbahn gleich nach dem Abitur in Frankfurt, bei der Frankfurter Neuen Presse. Mit 25 schickte ihn die Welt als Korrespondent in die damalige Hauptstadt der Bundesrepublik, nach Bonn. Danach hätte er zur FAZ gehen können, doch er entschied sich lieber für Bild. Der Journalismus, wie ihn die FAZ betrieb, war ihm für seinen Geschmack "zu kontemplativ". 1983 wurde Spreng Chefredakteur beim Kölner Express – bis ihn der damalige Springer-Vorstandschef Peter Tamm an die Spitze von Bild am Sonntag holte. Von 1989 bis 2000 blieb er dort, und er achtete sehr darauf, dass sich das Schwesterblatt von Bild unter ihm als die nachrichtenstärkere, seriösere, kritischere Zeitung abhob. Für bunte Themen hatte er seine Leute. Ihm ging es um die Politik. Dabei ließ er sich auch nicht davon abhalten, dem wie ein Heiligtum bei Springer verehrten Kanzler Helmut Kohl in der Spendenaffäre immer und immer wieder Vorsatz beim Verstoß gegen Gesetze und gegen den Amtseid vorzuhalten.

"Spreng muss weg", hieß es dann wieder im damals von Kohl, Leo Kirch und anderen konservativen Männern dominierten Springer-Verlag. Spreng haftete die Rolle des Querulanten an, und die spielte er gern.

Es war wohl kein Zufall, dass das Manager Magazin Ende September 2000 seinen bevorstehenden Rauswurf thematisierte und ihn als Opfer einer konservativen Springer-Kaste darstellte, der er politisch nicht in den Kram passt. Spreng nahm das zum Anlass, dem Vorstand einen Brief zu schreiben, was dran sei an den Gerüchten über seine bevorstehende Abberufung. Kurze Zeit später, am 13. Oktober 2000, musste Spreng tatsächlich gehen, offiziell, weil Bild am Sonntag neue Impulse brauchte und einer Verjüngungskur unterzogen werden sollte.

Spreng war damals 52. Die Zeitung verkaufte Woche für Woche 2,5 Millionen Exemplare. Sein Büro musste Spreng an jenem Tag binnen vier Stunden räumen, so wollte es der damalige Vorstandschef August A. Fischer, genannt "Gus". Sprengs Genugtuung: Immerhin hatte er als Chefredakteur bei Springer Kohls Amtszeit überlebt, der hätte den renitenten Journalisten schließlich schon Jahre zuvor gern abgelöst gesehen. Auch deshalb hatte sich Spreng 1999 einen Spaß daraus gemacht, in die Einladung zu seinem Dienstjubiläum zu schreiben: "Chefredakteur dankt ab…" Erst weiter unten und kleingedruckt stand die Auflösung: "…18 Uhr allen Kollegen für 10 Jahre erfolgreiche Zusammenarbeit". Das war sein Humor.

2002 begann Sprengs zweite Karriere als Politikberater, der zwischen Berlin-Charlottenburg und seiner Lieblingsinsel Mallorca pendelte. Er wurde Wahlkampfmanager des Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber. Später heuerte ihn der damals nordrhein-westfälische CDU-Vorsitzende Jürgen Rüttgers als Berater an. Zwischendurch versuchte Spreng sein Glück als Redaktionsleiter der ARD-Sendung "Menschen bei Maischberger", die anfangs aus dem geschichtsträchtigen Tränenpalast sendete.

Doch die Lust zu schreiben, politische Zusammenhänge zu analysieren und zu kommentieren ließ ihn nicht los, allein schon "um im Gespräch zu bleiben", wie er sagte. Sein Blog "Sprengsatz" half ihm dabei, seine Auftritte in Talkshows sowieso, auch war er bis zuletzt gefragter Gesprächspartner für Interviews.

Am vergangenen Dienstagabend erlag Michael Spreng seinem Krebsleiden, zweieinhalb Wochen nach seinem 72. Geburtstag. usi
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