Reaktionen nach Medienkritik

"Gabor Steingart hat sich mit seinem Rundumschlag völlig verbremst"

Thomas Amann und Marion Horn weisen die Kritik von Gabor Steingart zurück
© G+J/Axel Springer
Thomas Amann und Marion Horn weisen die Kritik von Gabor Steingart zurück
Berichten die Medien im Schongang über die aktuellen Probleme der Autohersteller? Weil es wichtige Anzeigenkunden sind? Diesen Vorwurf lässt Ex-Handelsblatt-Boss Gabor Steingart anklingen. Was bloß hat seinen Blick so getrübt, fragen sich manche Chefredakteure.

Ausgerechnet Gabor Steingart. Als Herausgeber des Handelsblatts hatte er sich mit Verve um die Werbevermarktung gekümmert. Dies habe sich bisweilen auch im redaktionellen Teil gezeigt, kritisierten manche Beobachter. Jetzt, als Newsletter- und Podcast-Publizist in eigener Sache, denkt Steingart ganz anders. Seine Produkte seien "bewusst (werbe)frei", schrieb er zu Wochenbeginn in seinem Morning Briefing. Offenbar plant er ein Abo-Modell; auch eine Beteiligung eines größeren Medienhauses ist wohl noch nicht vom Tisch. Er selbst sagt dazu nichts, sondern will sich zunächst auf "Relevanz und Reichweite" konzentrieren.



Doch warum seine demonstrative Abkehr von der Vermarktung? Gewisse Erfahrungen von früher? Oder die Einsicht, dass sein Start-up ohne Verlag im Rücken zu klein ist, um im Werbemarkt mitzuspielen? Wie auch immer: Steingart wäre wohl nicht Steingart, wenn er seine Strategie nicht mit Sticheleien in Richtung seiner alten Verlagskollegen verbinden würde: Vergangene Woche hat er in seinem Morning Briefing "fünf unbequeme Wahrheiten" für und über die deutsche Autoindustrie präsentiert. Deren Lage sei "prekärer, als es die Presselage widerspiegelt". Und weiter: "Die zu wichtigen Teilen durch Werbegeld der Autoindustrie finanzierten Medien schauen wie durch eine Milchglasscheibe auf die Ereignisse. Der Ton ist gedämpft, die Beleuchtung gedimmt, sodass das Drama nicht mehr dramatisch erscheint."

Schonen die deutschen Leit- und Wirtschaftsmedien die Autohersteller als Anzeigenkunden? HORIZONT Online hat bei acht großen Titeln bzw. Verlagen um Stellungnahme gebeten. Die meisten winken ab ("Urlaubswoche", "kein Thema für uns"). Man möchte Steingart "ungern mehr Aufmerksamkeit zukommen lassen, als er verdient", sagt ein anderer. Allein "Stern" (G+J) und "Bild am Sonntag" (Axel Springer) trauen sich – vielleicht, weil sie ziemlich gute Gegenargumente und -beispiele parat haben.
„Ich weiß nicht, welche ‚Milchglasscheiben‘ den Blick von Gabor Steingart getrübt haben – unsere Berichterstattung über die Diesel-Krise der Autoindustrie war und ist klar und kritisch.“
Marion Horn
"Ich weiß nicht, welche ‚Milchglasscheiben‘ den Blick von Gabor Steingart getrübt haben – unsere Berichterstattung über die Diesel-Krise der Autoindustrie war und ist klar und kritisch", sagt "BamS"-Chefredakteurin Marion Horn und verweist zum Beispiel auf "viele Exklusivgeschichten von Kayhan Özgenc zur Aufklärung des Diesel-Skandals bei Volkswagen, für die er als Wirtschaftsjournalist des Jahres ausgezeichnet wurde". Außerdem setze man in diesem Jahr mit dem Verzicht auf die Autopreisgala "Goldenes Lenkrad" ein klares Zeichen in Richtung der Hersteller. Horn: "Das mag nicht jedem Werbepartner passen – am Ende ist die journalistische Glaubwürdigkeit aber unser höchstes Gut."


Mit seiner Beschreibung der Lage der Autoindustrie liege Steingart zwar nicht falsch, erklärt Thomas Ammann, Vize-Chefredakteur des "Stern". Sonderlich neu seien diese Erkenntnisse allerdings nicht. Und: "Mit seinem Rundumschlag gegen die Medien hat er sich völlig verbremst." Über keinen anderen Skandal in der deutschen Wirtschaft sei "in sämtlichen deutschen Medien so ausführlich und kritisch berichtet" worden wie über den Dieselbetrug. So habe etwa der "Stern" bereits im März 2017 die anstehende "Autowende" analysiert, inklusive der notwendigen Veränderungen in der Branche, des Beharrungsverhaltens ihrer Manager und der Folgen für die deutsche Volkswirtschaft. Und seitdem immer wieder.

"Dass die Chefs der deutschen Autokonzerne über Jahre hinweg beim Stern wie bei der gesamten deutschen Presse gefragte Gesprächspartner waren, ist weder überraschend noch ehrenrührig", so Ammann. Schließlich gehörten sie nach wie vor zu den Schlüsselfiguren der Industrie. Auch zu Steingarts Zeiten beim "Handelsblatt" seien Zetsche und Co dort begehrte Gesprächspartner der Redaktion und auf Verlagsveranstaltungen gewesen. rp

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