Nach Musk-Übernahme

Accounts mit zweifelhaften Inhalten sorgen für immer mehr Chaos bei Twitter

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Profile mit wenig vertrauenswürdigem Content sind seit dem Machtwechsel bei Twitter auf dem Vormarsch
© Imago Images/Jonathan Raa
Profile mit wenig vertrauenswürdigem Content sind seit dem Machtwechsel bei Twitter auf dem Vormarsch
Seit Elon Musk Twitter übernommen hat, herrscht dort das Chaos. Nicht nur die vielen Fake-Accounts, die ausgesetzte Abo-Funktion und die abwandernden Werbekunden sorgen für eine zunehmend angespannte Stimmung auf der Plattform, auch Diskriminierungen und Falschinformationen nehmen zu. Das Online-Portal NewsGuard, das Informationsseiten im Internet hinsichtlich ihrer Glaubwürdigkeit bewertet, stellt in einer aktuellen Analyse fest, dass auf Twitter derzeit vermehrt Interaktionen mit Inhalten aus unzuverlässigen Quellen stattfinden.

Die 25 größten von NewsGuard als nicht vertrauenswürdig eingestuften Twitter-Accounts verbuchten in der Woche nach der Übernahme durch Musk einen kulmulierten Anstieg der Interaktionen (Likes und Retweets) um 57,04 Prozent. Zwischen dem 27. Oktober und dem 3. November erhielten Tweets von diesen Profilen, die nach Einschätzung von NewsGuard wiederholt falsche Informationen verbreiten, insgesamt 3.115.664 Likes und Retweets. Zum Vergleich: Zwei Wochen vor der Übernahme, vom 13. bis 20. Oktober, verzeichneten dieselben Accounts 1.983.953 Likes und Retweets.


Die Analyse stützt sich zum einen auf die firmeneigenen Glaubwürdigkeits-Bewertungen von NewsGuard und zum anderen auf die von NewsWhip bereitgestellten Daten zu Online-Interaktionen. Bei NewsWhip handelt es sich um ein Unternehmen, das Aktivitäten auf Social-Media-Plattformen in Echtzeit trackt.

Laut NewsGuard zeigen die Ergebnisse, dass Musks Äußerungen über mögliche künftige Änderungen an den Twitter-Richtlinien schon jetzt als Nährboden für Falschinformationen auf der Plattform dienen. Zeitgleich zur Häufung der Spekulation darüber, wie der Tech-Milliardär Twitter ummodeln könnte, wurden demnach immer mehr Falschinformationen zu anderen Themen von Quellen verbreitet, die zuvor von NewsGuard anhand "grundlegender unpolitischer journalistischer Kriterien" als nicht vertrauenswürdig eingestuft wurden.

Diese Accounts profitieren besonders vom Wechsel

Als Beispiel eines zweifelhaften Twitter-Accounts, der momentan einen Höhenflug erlebt, nennt NewsGuard jenen von Joseph Mercola. Die Webseite mercola.com wird von dem Mediziner betrieben, der zahlreiche falsche Behauptungen über Impfstoffe und die Corona-Pandemie veröffentlicht hat. Die Interaktionen mit seinem Twitter-Account stiegen im genannten Zeitraum von 932 auf 19.259, was einem Anstieg um 1966,42 Prozent entspricht und damit der größte von NewsGuard gemessene Zuwachs im Zuge dieser Analyse ist. Die Website Mercola.com erhält von NewsGuard eine Vertrauensbewertung von 27,5 von 100 möglichen Punkten.

Auf Platz zwei der Accounts mit dem größten Interaktionszuwachs seit Musk Twitter regiert, findet sich mit @DrChrisNorthrup ein weiteres medizinisch geprägtes Profil. Die von der selbsternannten Wellness-Expertin Dr. Christiane Northrup gegründete Website veröffentlichte ebenfalls wiederholt falsche Informationen über Covid-19. Likes und Retweets des verknüpften Twitter-Accounts stiegen im Untersuchungszeitraum um 1017,46 Prozent, von 63 Interaktionen auf 704. DrNorthrup.com wird von NewsGuard mit 25 von 100 Punkten bewertet.

Den drittgrößten Zuwachs verbuchte @WayneDupreeShow, der mit der Website des konservativen Radiomoderators Wayne Dupree verknüpfte Twitter-Account. Auch auf dieser Seite wurden wiederholt falsche und irreführende Behauptungen über die Pandemie sowie über die Präsidentschaftswahlen 2020 in den USA veröffentlicht. Die Online-Interaktionen des Accounts stiegen laut NewsGuard um 308,66 Prozent, von 21.774 Interaktionen auf 88.982. WayneDupree.com erhält von NewsGuard eine Glaubwürdigkeitsbewertung von 7,5 Punkten.

Die vier nächstgrößeren Interaktions-Zuwächse fragwürdiger Twitter-Accounts zeigten sich gemäß der Analyse bei SebGorka.com (245,72 Prozent), DailyKos.com (134,76 Prozent), CharlieKirk.com (109,96 Prozent) und Newsmax (81,86 Prozent). Auch hier stellte NewsGuard bei allen vier Websites fest, dass diese wiederkehrend falsche Informationen veröffentlichten.

Elon Musk
© IMAGO / ZUMA Wire
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Nach eigenen Angaben versuchte NewsGuard im November mehrfach, sich bei Twitter direkt über den Umgang mit nicht vertrauenswürdigen Accounts und dem Anstieg der Online-Interaktionen von Fehlinformationsverbreitern nach dem Eigentümerwechsel zu erkundigen, habe aber keine Antwort erhalten.

Aus der Tatsache, dass die untersuchten nicht vertrauenswürdigen Accounts seit der Übernahme durch Musk nur geringfügig häufiger tweeten, schließt NewsGuard, dass der Anstieg der Interaktionen nicht allein auf eine Zunahme ihrer Gesamtaktivität zurückzuführen ist. Die 25 von NewsGuard analysierten Twitter-Accounts haben in der Woche vor der Übernahme insgesamt 5.358 Mal getwittert. In der Woche nach der Übernahme tweeteten dieselben Konten 5.684 Mal, was einem Anstieg von 6,08 Prozent entspricht.

Gleichzeitig verzeichneten die 25 größten Twitter-Accounts, die mit von NewsGuard als sehr vertrauenswürdig eingestuften Quellen verlinkt sind während des zweiwöchigen Zeitraums keinen vergleichbaren Anstieg der Interaktionen, sondern lediglich ein Plus von 3,77 Prozent. Das veranlasst das Analyse-Portal wiederum zu der Annahme, dass der Anstieg der Interaktionen nicht flächendeckend stattfand, da dies nur ein Bruchteil des Anstiegs von 57,04 Prozent bei den nicht vertrauenswürdigen Konten ist. hmb
Methodik
Im November 2022 analysierte NewsGuard die verfügbaren NewsWhip-Daten zu den 50 Twitter-Accounts mit den meisten Followern. Diese Accounts sind gleichzeitig mit Webseiten verlinkt, die den NewsGuard-Standard bezüglich der Veröffentlichung falscher Inhalte nicht erfüllen. (NewsGuard beschäftigt ein Team von Journalist:innen, das Nachrichten- und Informations-Webseiten anhand von neun Kriterien überprüft und bewertet.) 25 der 50 größten, nicht vertrauenswürdigen Twitter-Accounts wurden von NewsWhip nicht zuverlässig erfasst. Daher umfasst diese Analyse nur die 25 Accounts, für die Daten zur Verfügung standen.

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