Nach Kartellamts-Bedenken

Großverlage und Grosso kippen Mindestumsatzregeln in Vertriebsverträgen

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Die großen Verlage verzichten auf Mindestumsatzregeln
© Igor Saveliev / Pixabay
Die großen Verlage verzichten auf Mindestumsatzregeln
Die kleinen Häuser haben sich durchgesetzt: Die sieben Großverlage und der Grosso-Verband verzichten auf einen wesentlichen Baustein ihrer im März 2018 abgeschlossenen 5-Jahres-Handelsvereinbarung. Und zwar auf die sogenannte Mindestumsatz- oder Malusregelung, die Nutzen und Kosten unterschiedlicher Titelkategorien gerechter auf die Verlage verteilen sollte. Kleine Verlage fühlten sich dadurch benachteiligt, klopften beim Bundeskartellamt an – und stießen dort auf offene Ohren. Das hat nun Folgen.
Das Bündnis der sieben Großverlage und der Grosso-Verband lassen die besagte Regelung zum Jahresende auslaufen, teilen beide Parteien mit. Sie reagieren damit "auf die Bedenken des Bundeskartellamts und wollen diese Teilregelung der Branchenvereinbarung durch eine neue, einvernehmliche Regelung ersetzen", heißt es. Das Kartellamt werde das Verfahren daher nicht fortführen.


Man wolle nun "zügig eine alternative Lösung erarbeiten"; die Gesamtvereinbarung sei davon nicht berührt. Großverlage und Grossisten "bedauern die von einzelnen Verlagen initiierte Auseinandersetzung" und sind weiterhin der Auffassung, dass der Deal einschließlich der Mindestumsatzregelung für alle Verlage und alle Titel eine faire Lösung darstelle, die den Vorgaben des Wettbewerbsrechts entspreche. Jedoch: Man wolle "den Branchenkonsens erhalten", da die besagte Regelung "nur ein Baustein einer insgesamt zukunftsweisenden Konditionenvereinbarung für den Zeitschriftenvertrieb" sei.

Im Mai 2018 hatte der Arbeitskreis Mittelständischer Verlage (AMV) Ernst gemacht mit seiner Drohung, die zum März 2018 abgeschlossene 5-Jahres-Handelsvereinbarung der sieben großen Verlage mit dem Grosso-Verband rechtlich abzuklopfen – und beim Bundeskartellamt eine Anfrage eingereicht, um den Deal auf Rechtswidrigkeit überprüfen zu lassen. Bereits zuvor hatte der AMV heftige Kritik am neuen Regelwerk geübt. Im AMV sind laut Website 20 kleinere Verlage und Vertriebe organisiert, darunter auch bekanntere Häuser wie Jahreszeiten Verlag, Jahr Top Special, Finanzen Verlag und Bastei Lübbe.


Es geht um jene Regelung, die den Nutzen und die Kosten unterschiedlicher Titelkategorien gerechter verteilen sollte. Für Titel, die bestimmte Mindestjahresumsätze durchschnittlich pro beliefertem Einzelhändler unterschreiten, sollten die Grossisten eine höhere Marge erhalten, da solche Hefte den gleichen Aufwand erfordern und Regalplatz besetzen, zur Finanzierung des Systems jedoch wenig beitragen. Titel mit seltener Frequenz (und langen Liegezeiten), geringen Abverkäufen, niedrigen Copypreisen und/oder einer hohen Anzahl belieferter Kioske rentieren sich für Verlage seitdem also weniger – es sei denn, sie drehen an diesen Stellschrauben und erhöhen so ihren durchschnittlichen Umsatz pro Kiosk. Dies könnte eben auch dadurch geschehen, dass ein Verlag weniger jener Läden beliefert, die einen Titel kaum verkaufen. Das würde dem System zwar keine zusätzlichen Umsätze bescheren, es aber immerhin entlasten.

Dieses bewusste neue Marktregulativ, das erst im September 2018 in Kraft trat, betrifft fast jedes Haus bei einzelnen Titeln. Verlage, die mehr (oder nur) solche Titel führen, dürften die neue Malusregelung indes stärker spüren, wenn sie nicht gegensteuern wollen oder können. Genau dies befürchten offenbar einige der AMV-Verlage. Und das Kartellamt. rp 
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