N-TV-Chefin Schwetje über Demo-Berichterstattung

"Man entscheidet sich für die Person, die sich wehren kann"

Sonja Schwetje, Chefredakteurin N-TV
© n-tv / Hardy Welsch
Sonja Schwetje, Chefredakteurin N-TV
Die Berichterstattung über Demonstrationen wird immer schwieriger. Demos werden gewalttätiger, die Situation ist aufgeheizter und die Jahrzehnte gültige Regel, dass die Polizei Reporter besonders schützt, breche auf: "Es gibt jetzt Demos, auf denen Journalisten nicht gelitten sind und nicht geschützt werden, weil die Polizei nicht weiß, wie die Rechtslage ist", sagt Sonja Schwetje, Chefredakteurin von N-TV, bei den Medientagen München.
Schwetje steht damit immer öfter vor der Frage, wen sie zu einer Demonstration schicke, bei der Gewalt zu erwarten ist: Eine junge, zierliche Kollegin oder doch einen erfahrenen Kollegen mit kräftiger körperlicher Statur, der sich zudem auch gegenüber Polizisten durchsetzen kann. Sich plötzlich über solche geschlechterspezifische Fragen Gedanken machen zu müssen, sind für Schwetje "schlimme Überlegungen".


Lisa Ludwig, Editor in Chief des zu Vice gehörenden Online-Frauenmagazins Broadly, kritisiert, dass auch ein schwarzer Reporter nicht über die AfD berichten kann, ohne sich zu gefährden. "Es wäre gut, wenn nicht nur die darüber berichten, die am wenigsten betroffen sind. Man entscheidet sich aber für die Person, bei der die Wahrscheinlichkeit am geringsten ist, dass sie angegangen wird." "Und die sich wehren kann - gegen die Polizei und im Gerangel", ergänzt Schwetje.

Diese Entwicklung treibt Schwetje um, weil sie sich für mehr Diversität einsetzt und dafür, dass Frauen ebensolche Chancen haben, einen Job zu bekommen und Karriere zu machen, wie Männer. "Es ist eine Führungsaufgabe, ganz viele Leute dazu zu bekommen, sich zu bewerben", sagt sie. Dazu gehöre auch, geeignete Mitarbeiter direkt anzusprechen. Gerade Frauen müsse man häufig ermutigen, ihren Hut in den Ring zu werfen, weil sie sich die Posten nicht zutrauen. "Männer bewerben sich. Frauen erst auf Aufforderung, obwohl sie zum Teil besser qualifiziert sind."


Für eine ausgewogene Berichterstattung hält Ludwig, es für unverzichtbar, diverse Teams in den Redaktionen zu haben. "Um interessante Geschichten zu haben, ist es wichtig, andere Perspektiven zu haben", sagt sie. Sonst landet man leicht in Filterblasen, räumt Schwetje ein. pap
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