My Life

Der Frontalangriff von Burda und Noweda auf die übermächtige Apotheken Umschau

Noweda-Vorstandschef Michael P. Kuck und Burda-Vorstand Philipp Welte bei der Kickoff-Veranstaltung zum "Zukunftspakt Apotheke" in Berlin
© Markus Nass/Brauer Photos für Hubert Burda Media/Noweda
Noweda-Vorstandschef Michael P. Kuck und Burda-Vorstand Philipp Welte bei der Kickoff-Veranstaltung zum "Zukunftspakt Apotheke" in Berlin
Da steigt der Blutdruck: "My Life" heißt die Apotheken-Kundenzeitschrift von Burda und der Apothekergenossenschaft Noweda, so wie Burdas seit 2016 bestehendes Gesundheitsportal. Der Titel soll ab Frühjahr 2019 alle 14 Tage mit siebenstelliger Druckauflage erscheinen – und greift damit die frequenzgleiche Apotheken Umschau, den Platzhirschen in diesem höchstauflagigen Segment, frontal an. Dies macht auch die Wortwahl von Burda-Vorstand Philipp Welte deutlich. Auch im Internet prallen die neuen Konkurrenten aufeinander.

Mit My Life biete man "eine innovative Alternative in einem attraktiven Markt, in dem bislang eine Monopolstruktur besteht", so Welte. Gemeint ist der Wort & Bild Verlag in Baierbrunn bei München mit seinem Haupttitel Apotheken Umschau (laut IVW über 4,6 Millionen Verkäufe zur Weitergabe alle zwei Wochen). Konkret geht es darum, möglichst viele der mittlerweile weniger als 20.000 Apotheken in Deutschland dazu zu bringen, so viele Hefte wie möglich zu kaufen. Nachfragedruck erzeugt Wort & Bild mit massiver Endverbraucherwerbung, die die Apothekenkunden ermuntert, sich das Heft kostenlos abzuholen. Diese vom Verlag gezüchtete Anspruchshaltung wiederum nervt manche Apotheker, denn sie müssen die Hefte ja vorhalten und bezahlen.



Während die Umschau ihre Werbung bezahlen muss, dürfte My Life in den Burda-eigenen Medien trommeln, von Bunte bis Huffington Post, in den Yellow- und Frauentiteln, in Focus Gesundheit, auf der Site My Life (hier spricht Burda von einer "Verknüpfung der Inhalte") und dem Arztempfehlungsportal Jameda. Letztere Medien zeigen die Expertise des Verlags bei Gesundheitsthemen. Und bei der Großhandelsgenossenschaft Noweda sind über 9200 Apotheken Mitglied – also die Hälfte aller Pillenshops in Deutschland.

Diese Betriebe könnten dann zwar weiterhin auch die Apotheken Umschau beziehen – fragt sich nur, ob sie es auch wollen, wenn sie ihren Kunden demnächst auch das wohl kostengünstigere Blatt der eigenen Genossenschaft anbieten können. Daher könnte die Umschau gezwungen sein, ihren Paketbezugspreis zu senken. Bisher erzielt Wort & Bild weit über 50 Prozent seiner Erlöse durch den Vertrieb, den Rest durch Werbung. Aber auch hier ist Burda durch seine beiden Vermarkter BCN und Burda Forward breiter aufgestellt.


My Life erscheint in einem Joint Venture von Burda und Noweda (jeweils 50 Prozent). Bei Burda ist Kay Labinsky verantwortlich, Geschäftsführer der Sparte Burda Life (Lisa, Freizeit Revue, Guter Rat). Neben "medizinisch fundiertem und allgemein verständlichem Gesundheitsjournalismus" werde My Life "weit mehr als die Konkurrenz" bieten, sagt Labinsky, nennt etwa Reise, Food, Beauty, Living und Unterhaltung und spricht von "connected workflows" mit allen Burda-Marken, deren Redaktionen My Life bestücken sollen. Die Botschaft: "Die Apotheke dient nicht allein der Bekämpfung von Krankheit, sondern ist vielmehr ein Ort der Gesunderhaltung und der Steigerung des Wohlbefindens."

Geplant ist zudem eine Online-Vorbestellplattform für Arzneimittel und apothekenübliche Waren (IhreApotheken.de). Kunden können sich die Ware dann abholen oder per Botendienst nach Hause liefern lassen, sofern die ausgewählte Vor-Ort-Apotheke dies anbietet. Außerdem können stationäre Apotheken auf dem Portal werben. Eine zusätzliche App richtet sich ans Apothekenpersonal, etwa mit Produktschulungen – und wohl auch B-to-B-Werbung – der Hersteller. Mitmachen können alle Vor-Ort-Apotheken, nicht nur Noweda-Mitglieder.

Burda/Noweda umschreiben ihr Geschäftsmodell mit ähnlicher Rhetorik wie Wort & Bild: Bei ihrem "Zukunftspakt Apotheke" gehe es um die Stärkung aller Vor-Ort-Apotheken in Deutschland im Abwehrkampf gegen den wachsenden Versandhandel. Die Zahl der stationären Apotheken ist auf dem tiefsten Stand seit fast 30 Jahren gesunken. Werde diese Entwicklung nicht gestoppt, sei es nur "eine Frage der Zeit", bis die flächendeckende Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln "ernsthaft in Gefahr gerät", warnt Noweda-Vorstandschef Michael P. Kuck vor Gefahren – auch für die eigenen Geschäfte. Als "Rückgrat des deutschen Gesundheitssystems" böten die Vor-Ort-Apotheken "unersetzbare Dienstleistungen", etwa Beratung, Versorgung direkt nach Arztbesuchen sowie Notdienste.

Bereits Anfang August hatte HORIZONT über die Pläne berichtet. Damals blieb man beim Platzhirschen Wort & Bild offiziell gelassen, wiederholte seine bekannten Werte (Reichweite, Redaktionsgröße, Erfahrung, Trennung von Redaktion und Anzeigen) und nahm die Pläne von Burda/Noweda "mit Interesse wahr". Im Digitalen planen die Baierbrunner ihrerseits eine Plattform für die Bestellung und die Lieferung von Medikamenten an Endverbraucher – auch hier mit ähnlicher Begründung: Damit könne man "die Kundenbedürfnisse und die Leistungen der Apotheker kombinieren" und auch die lokalen Betriebe vor Ort langfristig stärken, so Wort & Bild-CEO Andreas Arntzen mit Blick auf ausländische Versandapotheken wie Doc Morris. Und nun auch auf den neuen Konkurrenten Burda/Noweda. rp

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