Mitarbeiter als Eigentümer

Das neue Macht-Quintett beim Spiegel – und seine schwierigen Aufgaben

Der Spiegel in Hamburg: Beim Hauptgesellschafter haben bald neue Köpfe das Sagen
© Foto: Jürgen Herschelmann
Der Spiegel in Hamburg: Beim Hauptgesellschafter haben bald neue Köpfe das Sagen
Stabübergabe: Der Spiegel startet mit neuen Hauptgesellschafter-Entscheidern in schwierige Jahre – schwierig im Geschäft und schwierig beim Verlagsumbau. Nun wurden nach wochenlangem Wahlkampf die Stimmen ausgezählt. Wer sind die fünf gekürten Angestellten, deren Vorgänger das Haus verändert haben wie keine Mitarbeiter-KG-Spitze zuvor? Und was heißt das für die Neuen?

Nach Informationen von HORIZONT Online haben sich auf Redaktionsseite gegen drei weitere Kandidaten durchgesetzt: Michael Fröhlingsdorf (Redakteur im Ressort Deutschland und derzeit Betriebsratsvorsitzender – dieses Amt will er als KG-Chef allerdings niederlegen) und Alexander Neubacher (Leitender Redakteur Spiegel Plus). Beide sind neu in der KG-Spitze. Die Verlagsseite schickt wie bisher Carsten Türke (Vize-Personalchef) und Johannes Varvakis (Produktmanager) in das Gremium. Hier gab es nur einen weiteren Bewerber. Ebenso bei den Dokumentaren, die Anika Zeller wählten.



Nachdem drei bisherige KG-Chefs nicht mehr antraten und sich die beiden Verlagsvertreter erfolgreich zur Wiederwahl stellten, sind damit drei der fünf Posten im Machtzentrum des Spiegel neu besetzt. Im Laufe des März trifft sich das Quintett zur konstituierenden Sitzung, wählt einen Sprecher – und übernimmt das Zepter, neben dem Veto-berechtigten Minderheitsgesellschafter Gruner + Jahr. HORIZONT Online stellt die fünf neuen/alten KG-Geschäftsführer vor, auf Basis ihrer Bewerbungsbriefe als Kandidaten, die im Intranet des Verlages zu lesen waren und HORIZONT vorliegen.

Michael Fröhlingsdorf (Jahrgang 1963, seit 2001 beim Spiegel): Er war mit deutlicher Kritik am bisherigen KG- und Verlagsmanagement in den Wahlkampf gezogen. Als Betriebsratschef habe er vier Jahre „viele Einblicke in nahezu alle Bereiche des Spiegel bekommen“ – in Vielem laufe es nicht rund, auch wegen „selbstgemachter Probleme“. Hier nennt er den „verkorksten Wechsel der Chefredaktion, missratene Outsourcing-Projekte und die zunehmende Abhängigkeit von G+J bzw. Bertelsmann“. Fröhlingsdorf: „Ich sorge mich um die Zukunft unseres Spiegel.“ Bei der Redaktionsfusion, für die es „gute Argumente“ gebe, fehle „noch immer ein nachvollziehbares publizistisches und wirtschaftliches Konzept“; die Geschäftsführung habe die rechtlichen und kulturellen Probleme unterschätzt. Auch der "herausragenden Bedeutung des Heftes" werde nicht genug Rechnung getragen, „Gleichmacherei“ (mit Online?) gefährde die Qualität aller Produkte. „Eine Baustelle“ sei auch die KG selber: Ihre Satzung sei nicht mehr zeitgemäß oder gesetzeskonform, etwa bei Compliance-Fragen.


Alexander Neubacher (50, seit 1999 im Haus): Beim Spiegel stehe die Redaktion an erster Stelle – „dabei muss es bleiben“, schreibt er und erklärt die Vorteile der Fusion der Print- und Online-Teams. Auch die Digitalabo-Zahlen machten Mut. Aber: „Wir werden diesen Erfolg nur fortsetzen können, wenn wir unsere Qualitätsstandards hochhalten.“ Ökonomischer Erfolg sei die Voraussetzung dafür und für die redaktionelle Unabhängigkeit. Als Ökonom könne er (Dipl.-Volkwirt) beurteilen, was nötig sei, um die wirtschaftliche Stärke des Spiegel zu sichern. Er hat 27 Stimmen mehr bekommen als Fröhlingsdorf.

Carsten Türke (Jahrgang 1967, seit 1997 beim Spiegel): Er rechtfertigt und lobt die Arbeit der bisherigen KG-Spitze (deren Teil er war), des Verlagsmanagements und aller Mitarbeiter bei den beschlossenen „alternativlosen“ Maßnahmen. Er setzt auf „Konstanz in der Besetzung der KG“. Seine Situationsbeschreibung atmet einen etwas anderen Geist als jene von Fröhlingsdorf. Türke nennt als eines seiner Ziele, „die Arbeitsplätze der stillen Gesellschafter gerade aus den Verlagsbereichen abzusichern“, ebenso deren Entscheidungsfreiheit und Unabhängigkeit. Er hat 39 Stimmen mehr erhalten als Varvakis.

Johannes Varvakis (Jahrgang 1965, seit 1996 beim Spiegel): Auch er lobt das (in seiner KG-Zeit) Erreichte, fordert weiter eine „klare Wachstumsstrategie“ und betont, wie wichtig die Unabhängigkeit des Spiegel sei. Und gerade als kleineres Haus könne man schneller und kreativer sein als viele andere. Daher sei eine „Auslagerung von wesentlichen Verlagsaufgaben nicht immer hilfreich“. Vor allem dürften Kooperationen mit Dienstleistern die eigene Unabhängigkeit niemals gefährden.

Anika Zeller (Jahrgang 1977, seit 2002 beim Spiegel): Sie will den Fusionsprozess „sorgsam begleiten“. Und auch die Dokumentation müsse sich neu aufstellen, „beweglicher und effizienter werden“, aber ohne „faule Kompromisse bei der Qualität“. Zeller plädiert dafür, den immer noch größten Umsatzbringer Print nicht zu vernachlässigen, aber auch „deutlich mehr Energie als bisher“ in das Digitalbezahlmodell Spiegel Plus zu stecken. Sie hat sechs Stimmen mehr erhalten als ihr Gegenkandidat.

Seit 1974 gehört über die Hälfte (50,5 Prozent) des Spiegel-Verlags den Print-Redakteuren, Dokumentaren und Verlagsangestellten – über die sogenannte Mitarbeiter KG. Jeder, der drei Jahre im Spiegel-Verlag angestellt arbeitet, kann sich als stiller Gesellschafter beteiligen. Derzeit sind es knapp 700 Personen; diese wählen alle drei Jahre eine 5-köpfige ehrenamtliche Geschäftsführung. Dabei entsenden Verlag und Redaktion je zwei Vertreter, die Dokumentation einen. Das Gremium entscheidet – neben Gruner + Jahr (25,5 Prozent) – maßgeblich über die Strategie, den Etat sowie die Posten der Chefredakteure und des Geschäftsführers.

Die beiden Vorgänger-KGs hatten so viel bewegt wie kaum eine andere vor ihnen: Das eine Quintett (2013 bis 2016) hatte das erste regelrechte Sparprogramm des Spiegel abgesegnet, welches rund 150 und damit jede fünfte Stelle gekostet hat. Die Nachfolgerformation, die nun abtritt, hatte ins Streichkonzert eingestimmt; bis 2018 wurden die Kosten planmäßig um 15 Millionen Euro gesenkt. Das zweite Ziel der „Agenda 2018“ bereitet Probleme: Bis 2019 will der Verlag mit neuen Produkten rund 20 Millionen Euro Umsatz generieren, doch vieles hat nicht gezündet, etwa neue Vertriebstitel (Spiegel Classic, Spiegel Fernsehen). Und viel Zeit ging verloren durch ein untaugliches Produkt- und Bezahlmodell im Web (Spiegel Daily, Einzeltext-Verkauf); Ende 2016 musste Spiegel Online-Chefredakteur Florian Harms gehen.

Dann ging’s ans Eingemachte: Die bisherige KG-Spitze (und G+J) beauftragten Spiegel-Geschäftsführer Thomas Hass – und nicht den damaligen Chefredakteur Klaus Brinkbäumer –, eine inhaltliche Gesamtidee der Marke Spiegel und, nach allen früheren Lippenbekenntnissen, ein Konzept zur Fusion der Print- und Onlineredaktionen zu erarbeiten. Im Sommer 2018 musste auch Brinkbäumer gehen. Als Nachfolger berufen wurde ein Trio um Steffen Klusmann. Die Fusion und konditionelle Gleichstellung der beiden Redaktionen wurde eingeleitet – sukzessive, um die Etats nicht zu sprengen. Beschlossen wurde ebenso der Beitritt zu Bertelsmanns Ad Alliance (RTL Gruppe, G+J), was bei manchen die üblichen Übernahmeängste auslöste, die Fröhlingsdorf nun auch in der KG-Spitze adressiert.

Zudem entschied die scheidende KG-Führung, die über 170 Onlineredakteure und weiteren Digitalangestellten, die bisher nicht stille Gesellschafter sein dürfen, an der KG zu beteiligen. Um der Gerechtigkeit bei Geld und Mitsprache sowie um der Harmonie willen. Eine Abstimmung unter den Alt-Eignern, ob und wie sie mit den Neuen teilen wollen, gab es nicht. Proteste einer Handvoll Print-Redakteure verliefen im Sand. Nun will der Spiegel in den kommenden vier bis sechs Jahren jährlich rund 30 Onliner im Verlag anstellen, wenn KG-Mitglieder in den Ruhestand gehen. So werden die Anteile der verbleibenden einzelnen Mitarbeiter-Gesellschafter kaum verwässert.

Wird die neue KG-Spitze die Fusion stoppen, gar umkehren? Und eine Abstimmung anzetteln über die KG-Eingemeindung der Onliner? Wohl nein, diese Punkte wurden im Wahlkampf so nicht gefordert, in den Bewerbungsschreiben nicht und dem Vernehmen nach auch nicht in den Vorstellungsrunden im Kollegium. Fröhlingsdorf allerdings fordert, dass sich die KG-Führung "vor wichtigen Entscheidungen Klarheit über die Meinung der stillen Gesellschafter" verschafft.

Könnte es in den kommenden drei Jahren Änderungen oder Verlangsamungen der Fusionsprozesse geben, die Hass und Klusmann das Leben schwerer machen? Ja, könnte es. Vor allem weiteres Outsourcing von Verlagsdiensten und weitere Kooperationen mit G+J (etwa durch eine tiefere Integration in die Ad Alliance) könnte der Spiegel-Hauptgesellschafter künftig blockieren: Fröhlingsdorf, Türke und Varvakis äußern sich hier recht deutlich. Dies dürfte vor allem Co-Gesellschafter G+J kaum gefallen.

Und wenn die Vertriebs- und Werbemärkte einbrechen, etwa bei einer Rezession, und ein neues Sparprogramm nötig würde? „Dann wären mal die Redaktionen an der Reihe“, ist bisweilen in den (von der Agenda 2018 gebeutelten) Verlagsabteilungen zu hören. Aus den Bewerbungen der beiden Verlagskandidaten ist das so klar nicht herauszulesen – angeblich aber war dies hier und da Thema im mündlichen Wahlkampf. Wie sehr solche Schicksalsfragen von wenigen Köpfen abhängen können, zeigte 2015 die Abstimmung der damaligen KG-Spitze über die Agenda 2018: Dem Vernehmen nach hatte diese den Sparplänen nur knapp, mit drei zu zwei Voten, zugestimmt.

Mit einer weiteren Frage dürfte sich eher die übernächste KG-Spitze (Antritt Frühjahr 2022) konkret befassen: Das Gewicht der Redaktionen, das im Organigramm schon allein durch die Jobstreichungen hauptsächlich im kaufmännischen Bereich gestiegen war, wird durch die Integration der Onliner (meist Redakteure) weiter wachsen. Muss sich dann auch die KG-Führung erweitern oder anders zusammensetzen? Ja, sagen manche – dann müsste die Redaktion ein größeres Stimmengewicht erhalten. Auch Fröhlingsdorf will dann "neue Mechanismen" suchen. Nein, meinen andere und verweisen auf Spiegel-Gründer Rudolf Augstein, der seinerzeit 1974 der Redaktion lediglich dieselbe Stimmenzahl zugestanden hatte wie den Verlagsleuten – obwohl die Übermacht der Redaktion, gemessen auch an der Mitarbeiterzahl, damals noch deutlich größer gewesen sei als heute. rp

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