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Michel Friedman auf dem Deutschen Medienkongress
Getty Images / Alexander Hassenstein / Alex Grimm)
Michel Friedman beim DMK19

"Streit ist notwendig. Wir müssen das Streiten aber wieder lernen"

Michel Friedman auf dem Deutschen Medienkongress
Wie agieren Medien in einer polarisierten Gesellschaft? Versagt die Medienelite? Hat sich der Journalismus von den Menschen entfremdet? Das waren die Fragen, die beim Journalisten-Talk des Deutschen Medienkongresses am Dienstagmittag diskutiert wurden: Mit dem Publizisten Michel Friedman, Tagesspiegel-Herausgeber Stephan-Andreas Casdorff und Andreas Weise vom ZDF-Heute Journal.
von Ulrike Simon Dienstag, 22. Januar 2019
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Das Gerede von einer intellektuellen Krise ließ Michel Friedman erst gar nicht gelten. Er empfahl einen Blick in die Lokalteile von Zeitungen und warnte davor, so zu tun, als seien Journalisten nicht auch Menschen mit eigenem Leben, eigenem Alltag und eigenen Erfahrungen. Ebenso wenig gelten ließ er den Vorwurf der einseitigen Berichterstattung. An Pluralität sei angesichts so vieler Plattformen und Veröffentlichungsmöglichkeiten nun wahrlich kein Mangel.



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Nein, widersprach Friedman, "es gibt keine Grundsatzkrise des Journalismus". Das sei ein Beruf, in dem Fehler gemacht würden wie in anderen Berufen auch. Zum Beispiel, dass Nachricht und Kommentar nicht sauber getrennt würden. Es gebe auch Herausforderungen zu meistern, allen voran der Umgang mit dem zeitlichen und ökonomischen Druck, der auf den Redaktionen laste.

Das wahre Problem aber sei ein anderes: Die Gesellschaft und mit ihr der Journalismus hätten verlernt zu streiten. Streit aber sei notwendig, sagte er und stellte die ketzerische Frage: "Lernt der journalistische Nachwuchs in den Redaktionen Streitkultur?" Erlernt er die Präzision des Gedankens? Die Einordnung von Argumenten? 


Andreas Weise dagegen appellierte an die Redaktionen wieder mehr rauszugehen, nicht nur über, sondern mit den Menschen zu reden und berichtete von seinen positiven Erfahrungen, mit jenen ins Gespräch zu kommen, die Medien Skepsis entgegenbringen, sie gar "Lügenpresse" schimpfen: "Die Leute wollen mit uns reden, sie wollen wahrgenommen werden", sagte er. Umso wichtiger sei für Journalisten rauszugehen. Trotz zeitlichem und finanziellem Druck, möchte man hinzufügen. 
Die Journalistenrunde beim DMK19: Stephan-Andreas Casdorff, Michel Friedman, Uwe Vorkötter und Andreas Weise (v.l.)
© Getty Images / Alexander Hassenstein / Alex Grimm)
Die Journalistenrunde beim DMK19: Stephan-Andreas Casdorff, Michel Friedman, Uwe Vorkötter und Andreas Weise (v.l.)
Erreichen die Medien ihr Publikum aber überhaupt noch? Moderator Uwe Vorkötter, Chefredakteur von HORIZONT, machte die Rechnung auf: Drei Abozeitungen erscheinen in Berlin, zusammen kommen sie gerade einmal auf 150.000 Abonnenten – bei rund 3,6 Millionen Menschen, die in Berlin leben. So dürfe man das nicht sehen, widersprach Tagesspiegel-Herausgeber Casdorff: "Wir müssen von Medienhäusern reden, nicht von Zeitungen und Auflagen", denn so wie die Leser diverser geworden seien, sei auch das Angebot der Medienhäuser vielfältiger geworden. Er nannte das Dutzend Bezirks- und die auf Spezialinteressen ausgerichteten Fach-Newsletter aus dem eigenen Haus. Alles das habe es früher nicht gegeben. "Heute können wir online alles das machen, was die Menschen interessiert". Damit stimmte er Friedman zu, wonach die Medienlandschaft pluraler geworden sei.

Eine Einschränkung machte aber auch Casdorff: Medien neigten dazu, zu wenig über den Regelfall und zu viel über das Extrem zu berichten. Medien müssten aufpassen, von der Welt kein Zerrbild zu zeichnen, das der Realität, wie sie die Menschen erleben, nicht mehr entspricht. usi

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