Mehr Leser, weniger Medienleute

G+J holt Nannen Preis ins Pressehaus zurück und will über Journalismus diskutieren

Das neue Stern-Führungsteam: Frank Thomsen, Florian Gless und Anna-Beeke Gretemeier
© Guido Rottmann
Das neue Stern-Führungsteam: Frank Thomsen, Florian Gless und Anna-Beeke Gretemeier
Zurück auf Anfang: Nach opulenten Jahren im Hamburger Schauspielhaus, im Kulturzentrum Kampnagel, im Curio Haus und zuletzt in der Elbphilharmonie (freilich im Kleinen Saal, und danach in einer Hotelbar) holen Gruner + Jahr und sein Stern den Nannen Preis ins eigene Pressehaus zurück. Dorthin, wo das Event bis 2004 stattfand. Diese auch kostenpragmatische Entscheidung verbindet der Verlag mit einer Diskussion über zeitgemäßen Journalismus – und öffnet die Veranstaltung für Leser.

Stern-Gründer Henri Nannen (1913-1996) hatte den einstigen Kisch-Reportagepreis 1977 aus der Taufe gehoben, fortan wurde er jährlich in den G+J-Räumlichkeiten verliehen. 2005 hat der Verlag weitere Kategorien hinzugefügt und unter dem Namen "Henri Nannen Preis" den Rahmen und den Glanz der Veranstaltung deutlich ausgeweitet. 2015 fiel sie aus Spargründen dann einmal aus, danach ging’s im bescheideneren Rahmen weiter.



Dass die nächste Verleihung des renommierten Awards, der mittlerweile unter dem Namen "Nannen Preis" firmiert, wieder im G+J-Verlagshaus stattfindet, dürfte zum einen mit Pragmatismus und Kostenkalkül zu erklären sein – die Zeiten gerade für den Stern werden nicht einfacher. Zum anderen kann G+J sich, den Stern und seinen Journalismus auf diese Weise gegenüber den Lesern und dann wohl auch im eigenen Blatt und via PR besser inszenieren, sozusagen nahe den Werkbänken der Redaktion.

Denn die nächste Verleihung des Nannen Preises findet statt am 25. Mai, am Abend des "Tags des Journalismus", einer Art Tag der offenen Tür des Stern, der im vergangenen Jahr zum ersten Mal stattfand. Als Stifter des Nannen Preises reagiere der Stern damit auf die aktuelle Debatte um Glaubwürdigkeit und Transparenz des Journalismus, so der Verlag.


Tagsüber gibt es Diskussionen, Vorträge und "Werkstattgespräche". Nominierte für den Nannen Preis werden ihre Beiträge vorstellen, Juroren ihre Beurteilungskriterien erläutern – sicherlich interessant nach der Relotius-Affäre (des Spiegel), die auch Journalistenpreise zur Debatte gestellt hat. Außerdem geben Journalisten unterschiedlicher Medien Einblicke in ihre Arbeiten, diskutieren über professionelle Standards und stellen sich den Fragen des Publikums. Führungen etwa durch die Stern-Dokumentation sollen das Programm abrunden.

Und am Abend dann die Preisübergabe am Baumwall. Ausgezeichnet mit dem Nannen Preis werden die besten Beiträge 2018 in sieben Print-, Web- und Foto-Kategorien. Laut einer Verlagssprecherin werden wie zuletzt 400 bis 500 Besucher zur Verleihung erwartet, darunter diesmal aber eben auch Leser-Besucher des Tags der offenen Tür (im vergangenen Jahr waren es rund 1000). Das dürfte bedeuten, dass deutlich weniger Medienleute, Promis und Werbekunden zur Preisverleihung eingeladen werden. Die Verteilung der Kontingente werde man nun erarbeiten, so die Sprecherin. (Nachtrag 4. und 12. April: Die Käufer der laut Event-Website wiederum 1000 Lesertickets für den "Tag des Journalismus" - Preis: 8 Euro - nehmen automatisch an einer Verlosung für die limitierten Tickets zur abendlichen Preisverleihung teil. Laut einer Sprecherin werden 50 Abendkarten verlost; insgesamt gibt es zur Verleihung knapp 400 Plätze.)

„Wenn Fälscher und notorische Nörgler unsere Arbeit in Frage stellen, halten wir mit Transparenz dagegen.“
Florian Gless
"Vieles ist in Bewegung in unserer Gesellschaft, umso mehr braucht es unabhängigen Journalismus, der all diese Veränderungen kritisch begleitet", sagt Stern-Chefredakteur Florian Gless: "Wenn Fälscher und notorische Nörgler unsere Arbeit in Frage stellen, halten wir mit Transparenz dagegen. Wir laden unsere Leser zum Tag des Journalismus ein." Dort diskutiere man über Genauigkeit, Sorgfalt und Wahrhaftigkeit eines zeitgemäßen Journalismus. "Und das bietet einen angemessenen Rahmen für den Nannen Preis", so Gless.

Seit es den Nannen Preis gebe, diskutiere die Jury, was genau ein preiswürdiger Text sei. "Manche Kriterien verändern sich im Laufe der Zeit, mitunter aufgrund von öffentlichen Debatten wie derzeit", sagt Andreas Wolfers, Sprecher der Nannen Preis-Jury. Neu sei, dass die Jury diesmal all das auch direkt mit Lesern bereden wolle: "Es wird ein Gewinn sein für beide Seiten." rp

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