Special

Der Audiogipfel bei den Medientagen München 2019
David Hein
Medientage München

Warum Radiosender wieder lernen müssen, Programm für das Wohnzimmer zu machen

Der Audiogipfel bei den Medientagen München 2019
Wie können sich die traditionellen Radiosender für das digitale Zeitalter rüsten? Diese Frage beschäftigte die Teilnehmer des Audio-Gipfels bei den Medientagen München. Die wohl größte Herausforderung sind neue technische Verbreitungswege wie Smart Speaker, die zunehmend als Gatekeeper fungieren.
von David Hein Donnerstag, 24. Oktober 2019
Alle Artikel dieses Specials
X
„Amazon hat Radio wieder hip gemacht, stellt uns aber auch vor riesige Herausforderungen“, erklärte Stephan Schmitter, Head of Audio der Mediengruppe RTL Deutschland. Der häufigste Sprachbefehl, den Nutzer verwenden, wenn sie über Amazons Smart Speaker Musik hören wollen, ist: „Alexa, spiel Musik.“ Amazon habe natürlich ein Interesse daran, die Hörer in seinem eigenen Ökosystem zu halten, so Schmitter. „Alexa ist ein neuer Gatekeeper. Damit müssen wir uns auseinandersetzen.“


„Die Auffindbarkeit von Radiosendern ist für uns eine große Herausforderung“, bestätigte auch Carolin Grazé, Chefin der Digitalplattform Radioplayer Deutschland. „Wir müssen Radiohören so einfach wie möglich machen und auf allen Endgeräten verfügbar sein.“ Valerie Weber, Hörfunkdirektorin des WDR, machte auf ein weiteres Problem aufmerksam: „Wir sind die Experten für das Bad und das Schlafzimmer.“ Smart Speaker stehen aber in der Regel im Wohnzimmer. „Wir müssen lernen, auch für diese Räume Radio zu machen.“ Auch für den Konsum über Kopfhörer seien die aktuellen Radioprogramme nicht optimal.

„Podcasts sind das Netflix im Audiobereich.“
Ralph Pighin
Um Spotify, Amazon & Co. Paroli zu bieten, hat RTL im Frühjahr mit Audio Now eine eigene digitale Audio-Plattform aus der Taufe gehoben. „Wir haben hier richtig Geld in die Hand genommen“, betonte RTL-Radiochef Schmitter. Die Plattform selbst ist werbefrei und steht auch anderen Anbietern offen. „Wir wollen hier alle an der Monetarisierung teilhaben lassen.“


Meist gelesen auf Horizont+
Podcasts stellen die klassischen Radiosender vor ähnliche Probleme: Die Audioformate auf Abruf boomen, aktuell profitieren davon aber vor allem Anbieter wie Spotify oder Deezer. Auch hier müssten sich die Sender von alten Gewohnheiten freimachen, forderte WDR-Radiochefin Weber: „Podcasts zielen auf eine komplett andere Nutzungssituation.“ Diese müsse man verstehen. „Podcasts sind das Netflix im Audiobereich“, verdeutlichte Ralph Pighin, Senior Vice President Europe, Asia & Africa von Deezer das Nutzungsprinzip.

Nicht fehlen durfte natürlich der Hinweis auf die nach wie großen Hörerzahlen des klassischen Radios. Nach wie vor hören 55 Millionen Menschen täglich Radio, betonte RTL-Mann Schmitter. Allerdings müsse man auch alte Gewohnheiten hinterfragen, mahnte Valerie Weber. Warum müssten Nachrichten zum Beispiel nur aus Text bestehen, anstatt auch O-Töne zum Beispiel von Politikern zu verwenden? „Wir müssen uns auf die Emotionalität von Radio besinnen.“ dh
stats