Manipulierte Texte

Auch SZ Magazin, Zeit und Tagesspiegel von Betrug durch Claas Relotius betroffen

Auch im SZ Magazin erschienen zwei manuipulierte Texte von Claas Relotius
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Auch im SZ Magazin erschienen zwei manuipulierte Texte von Claas Relotius
Am Mittwoch machte der Spiegel den schweren journalistischen Betrug im eigenen Haus durch den Ex-Reporter Claas Relotius öffentlich. Mittlerweile ist klar: Auch andere Medien sind betroffen. Das SZ Magazin veröffentlichte 2015 zwei verfälschte Interviews des Journalisten, der Tagesspiegel im selben Jahr eine erfundene Reportage. Auch Zeit Online hat Hinweise auf manipulierte Texte des ehemaligen Autors gefunden. 
Die beiden manipulierten Interviews im SZ Magazin erscheinen im Mai und im September 2015. Dabei handelte es sich um ein Gespräch mit dem New Yorker Herrenschneider Martin Greenfield und ein Interview mit zwei Woodstock-Veteranen. Wie das SZ Magazin am Donnerstag in eigener Sache mitteilt, weisen beide Texte "Fehler auf und verstoßen gegen journalistische Standards". 


Das SZ Magazin hat die Interviewpartner offensichtlich mit den Texten konfrontiert. Im Falle des Gesprächs mit dem mittlerweile 90-jährigen Martin Greenfield spricht dessen Sohn Tod Greenfield gegenüber dem SZ Magazin von "zahlreichen Beschönigungen und Fehlern". Relotius selbst gab zu, in dem Interview Passagen "manipuliert" und mit Zitaten aus Greenfields Autobiografie "verdichtet" zu haben. 

Im Falle des Interviews mit den Woodstock-Besuchern Barbara und Nicholas Ercoline erklärten die Interviewten, dass sie sich in der Veröffentlichung massiv missverstanden fühlen. Relotius gibt auch hier zu, dass das Gespräch "Unsauberkeiten" enthalte. Das SZ Magazin entschuldigte sich bei den Betroffenen und den Lesern und hat die Interviews von seiner Seite entfernt.  Auch der Tagesspiegel ist einer manipulierten Reportage von Relotius aufgesessen. Dieser hatte der Zeitung 2015 einen Artikel über einen berüchtigten "Hollywood-Hacker" angeboten, mit dem er angeblich selbst im Gefängnis gesprochen hatte. Nachforschungen des Tagesspiegel ergaben jedoch, dass Relotius dem Mann nie persönlich begegnet ist. Der Reporter bestätigte mittlerweile, dass er den Hacker nie getroffen habe.
Zeit Online hat ebenfalls in mehreren Texten von Relotius - von 2010 bis 2012 wurden insgesamt sechs Texte von ihm bei Zeit Online und Zeit Wissen veröffentlicht - Ungereimtheiten gefunden. Besonders verdächtig ist demnach eine Reportage über eine Familie in Hamburg, die sich entschlossen hat, ein Trisomie-21-Kind nicht abtreiben zu lassen, obwohl sie bereits ein behindertes Kind hat. Bislang konnte die Zeit weder die Familie unter dem im Text genannten Namen, noch den erwähnten Entwicklungspädagogen ausfindig machen. Auch andere Medienberichte über diese Familie gibt es nicht. Der Verdacht liegt nahe, dass auch diese Geschichte erfunden ist. 


Ein Interview mit dem Filmemacher Austin Lynch hat in der geschilderten Form so offensichtlich ebenfalls nicht stattgefunden. Relotius hat anscheinend aus schriftlichen Antworten und erfundenen Passagen ein Interview zusammenmontiert. 

Auch andere Medien, darunter die Nachrichtenagentur dpa, haben angekündigt, Texte von Relotius zu überprüfen, die bei ihnen erschienen sind. Es dürften also wohl weitere Enthüllungen im Fall Relotius folgen.

Der Spiegel geht unterdessen weiterhin offensiv mit den Betrugsfällen durch seinen ehemaligen Reporter um. So ist mittlerweile klar, dass auch das hochgelobte Interview mit Traute Lafrenz, der letzten Überlebenden der "Weißen Rose", manipulierte Passagen enthieltRelotius hatte die Mitarbeiter der englischsprachigen Seite des Spiegel wiederholt darum gebeten, seine Texte nicht ins Englische zu übersetzen - offensichtlich, um zu verhindern, dass ihm seine Gesprächpartner im Ausland auf die Schliche kommen. dh 
 
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